Journalismus Das sind die Podcasts des Monats

Hören statt Sehen: Die Podcasts des Monats, zusammengestellt von der SZ-Redaktion.

(Foto: Alice Moore/Unsplash)

Waren die Brüder Grimm eigentlich Kriminalisten? Und gibt es in unserem Denken noch Raum für Utopien? SZ-Redakteure stellen die besten Geschichten vor, die es gerade zu hören gibt.

Podcasts haben einen neuen Boom des Geschichtenhörens ausgelöst - im Fiktionalen wie im Dokumentarischen und bei Ratgebern. Sie befördern neue Formate, etwa Serien, und bringen neue Produzenten hervor. Die SZ-Medienseite stellt jeden Monat ihre Favoriten vor.

WDR5 Utopia

www.utopia.wdr5.de

"Unsere Zeit ist nicht gerade utopiefreundlich", sagt Jürgen Wiebicke. Umso schöner, dass der Schriftsteller zusammen mit der Autorin Sophie Passmann in WDR5 Utopia dem etwas entgegensetzt. Zehn Ideen für eine bessere Welt will der Podcast liefern. In den ersten fünf Folgen diskutieren Passmann und Wiebicke die großen Themen: Internet, Zeit, Macht. Das verleitet dazu, sich zu verquatschen, die einstündigen Folgen wirken so auch mal langatmig. Was Utopia hörenswert macht: Die beiden diskutieren beherzt und legen so die Perspektiven zweier Generationen offen. Und sie scheuen sich nicht vor Reibereien. Vor allem bei der Frage, was Heimat bedeutet, geraten die beiden aneinander. Am Ende jeder Folge formulieren sie eine Utopie: Mal fordern sie ein Verbot von Coffee to go, mal postulieren sie: "Die Guten sollen sich um die Macht kümmern". Die nächsten fünf Folgen gibt es im Februar, dann in neuer Konstellation: mit älterer Frau und jüngerem Mann.

Carolin Gasteiger

Without Fail

www.gimletmedia.com/without-fail

Alex Blumberg ist kein Versager, so viel ist klar: Er hat Gimlet Media gegründet, eines der erfolgreichsten US-Podcast-Unternehmen, und 2016 den Podcast Homecoming produziert - jetzt eine TV-Serie, nominiert für drei Golden Globes. Im Podcast Start Up hat er dann Rückschläge der Gimlet-Gründung dokumentiert: miese Pitches, Zukunftsängste, Shitstorms. Die Themen greift er im Interviewpodcast Without Fail wieder auf. Blumberg unterhält sich mit anderen Erfolgreichen in persönlichen Gesprächen darüber, wo sie versagt haben und wie sie das geprägt hat. Einmal wirkt er nervös. Als sein Lehrer und Mentor zu Gast ist, Ira Glass, Gründer von This American Life. Da ist nicht mehr zu klar, wessen Show Without Fail eigentlich ist. Für Hörer ein Gewinn.

Vinzent-Vitus Leitgeb

Fest und flauschig

www.festundflauschig.de

Zwei Männer unterhalten sich über dies und das und jenes. Jan Böhmermann sitzt in Köln vor dem Mikrofon, Olli Schulz in Berlin. Gemeinsam geben sie vor, das Universum vermessen zu wollen, beschäftigen sich dann aber oft nur mit den geistigen Dörfern um sie herum. Es geht um das, was in der Vorwoche medial oder politisch herausragte, um Böhmermanns andere Show und bei Schulz wahlweise um seine neue Platte oder seine neue Tour. Den Schwung bezieht Fest und flauschig aus der Diversität der beiden. Meist ist Böhmermann der Vernünftige, der Weltgewandte; Schulz spielt den leicht aus der Spur geratenen Impulskontrollgestörten, der Humbug ins Mikrofon entsorgt, den Böhmermann eigentlich als solchen entlarven müsste. Manchmal raufen sie verbal, manchmal pöbeln sie, und dann sind sie wieder wie kleine Jungs, die einsehen, dass sie zu weit gegangen sind.

Hans Hoff

Revisionist History

www.revisionisthistory.com

Der Journalist und Bestseller-Autor Malcolm Gladwell gilt in den USA als "King of Nonfiction". Die deutsche Übersetzung - König des Sachbuchs - unterschlägt allerdings, dass Gladwell eben nicht nur ein akribischer Faktensammler ist, sondern auch ein begnadeter Erzähler. Vor allem aber geht es bei ihm nie einfach nur um eine schöne wahre Geschichte. Immer geht es um Missverstandenes oder Übersehenes oder Missverstandene und Übersehene (etwa um die Kunst des Uneinigseins oder das Basketball-Genie Wilt Chamberlain). Hinterher fühlt man sich nicht bloß unterhaltsam informiert, sondern jedes Mal ein bisschen schlauer. Sein grandioser Podcast Revisionist History mit dem kongenialen Untertitel Because sometimes the past deserves a second chance, dessen dritte Staffel aus zehn halbstündigen Folgen in diesem Jahr zu hören war, hat gegenüber seinen Texten noch den unschlagbaren Vorteil, dass Gladwell und seine Protagonisten tatsächlich selbst erzählen. Man ist nicht nur mittendrin in den Geschichten, sondern dabei.

Jens-Christian Rabe

Märchen und Verbrechen

www.hr2.de/maerchen-und-verbrechen

Eigentlich waren Jacob und Wilhelm Grimm Kriminalisten. Das jedenfalls behaupten Viviane und Leonhard Koppelmann in ihrem Krimi-Podcast Märchen und Verbrechen: Fünf Fälle klären sie auf, von Kindesentführung, Geiselnahme und Machtmissbrauch. Und haben am Ende jedesmal die Idee für ein Märchen, das sie aus dem Erlebten ableiten. Historisch verbürgt ist davon so gut wie nichts. Die Aufklärung erstreckt sich über eine bis drei der rund 25-minütigen Episoden - und sie ist im besten Sinne altmodisch. Denn die moderne Kriminalistik steckt noch in den allerersten Anfängen.

Stefan Fischer

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