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BBC-Sendung "Newsnight":Eine Frage der Haltung

Emily Maitlis

Emily Maitlis warf Boris Johnson in ihrer Sendung „blinde Loyalität“ gegenüber seinem Berater vor.

(Foto: Ian West/dpa)

Nachdem eine Moderatorin das Verhalten des Johnson-Beraters Dominic Cummings in der Corona-Krise gerügt hatte, veröffentlicht die BBC eine Stellungnahme - das sorgt für Protest.

Newsnight ist in Großbritannien das, was in Deutschland die Tagesthemen oder das Heute Journal sind: eine Nachrichtensendung mit journalistischer Haltung. Doch eben diese Haltung wurde der Moderatorin Emily Maitlis nun zum Verhängnis. Am Dienstag begrüßte sie die Zuschauer bei BBC Two mit den Worten: "Guten Abend, Dominic Cummings hat die Regeln gebrochen. Das Land kann das sehen und ist darüber schockiert, dass die Regierung das nicht kann." Maitlis warf Premierminister Boris Johnson gleich zu Beginn der Sendung "blinde Loyalität" gegenüber seinem umstrittenen Chefberater Cummings vor. Dieser lasse all jene, die sich um die Einhaltung der Corona-Regeln bemühten, wie Narren aussehen. "Der Premierminister weiß das alles und hat beschlossen, es zu ignorieren", sagte Maitlis.

Wenn man so will, hat die BBC-Journalistin in ihrer Anmoderation nichts anderes getan als die Stimmung im Land in zugespitzte Worte zu fassen. Denn Meinungsumfragen zufolge findet die Mehrheit der Briten, dass Cummings die Regierungsvorschriften in der Corona-Krise verletzt habe und deshalb zurücktreten sollte. In Downing Street sieht man das naturgemäß anders: Cummings habe sich an die Regeln gehalten, heißt es. Seit fast einer Woche versuchen Johnsons Spindoktoren die öffentliche Meinung im Land zu drehen. Doch bislang gelingt es nicht. Kein Wunder also, dass Downing Street über die Newsnight-Sendung alles andere als begeistert war. Not amused sagt man im Englischen gerne, aber das wäre stark untertrieben.

Die BBC teilt mit, die Mitarbeiter seien an die Richtlinien des Senders erinnert worden

In der Regierungszentrale muss der Furor so groß gewesen sein, dass die BBC sich zu einer Stellungnahme gezwungen sah, in der sie einräumte, dass die Sendung "nicht unseren Standards der Unparteilichkeit entsprach". Die Mitarbeiter von Newsnight seien an die Richtlinien der BBC erinnert worden. Maitlis hätte deutlich machen müssen, dass ihre Bemerkungen "eine Zusammenfassung der Fragen war, die wir (...) im Rest der Sendung untersuchen würden". Maitlis erklärte daraufhin, sie habe um "einen freien Abend gebeten". Eine Kollegin übernahm die Moderation am Mittwoch. Das Verhalten der BBC stieß auf starken Protest. Gerade während einer Krise sei "ehrlicher und furchtloser Journalismus" gefragt, erklärte die Gewerkschaft National Union of Journalists.

Mit Emily Maitlis steht nun eine Journalistin im Visier der Regierung, die nicht erst seit ihrem Interview mit Prinz Andrew in der Epstein-Affäre als eine der besten ihres Faches gilt. Für die BBC kommt der Vorfall zur Unzeit. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist der Regierung schon länger ein Dorn im Auge. Cummings hatte die BBC bereits vor Jahren als "tödlichen Feind der Konservativen" bezeichnet und gefordert, ihn zu zerschlagen.

Seit Johnson in Downing Street regiert ist der Druck massiv gestiegen. Bislang zahlt jeder, der eines der Programme schaut oder die Mediathek nutzt, den BBC iPlayer, 157,50 Pfund im Jahr. Wer das nicht tut, macht sich strafbar. Downing Street will das ändern. Doch damit nicht genug. Die Regierung will die gesamte Gebührenfinanzierung auf den Prüfstand stellen, eine Teilprivatisierung ist im Gespräch.

Vielen Tories gilt die BBC als zu teuer und zu links. Konservative Politiker haben ihre Auftritte in mehreren BBC-Sendungen auf ein Minimum reduziert. Man fürchtet offenbar allzu kritische Fragen und fühlt sich unfair behandelt. Nun kann man davon ausgehen, dass die Regierung den Fall Maitlis für ihre Zwecke nutzen wird. Der Anfang ist jedenfalls gemacht: Ein Clip der Newsnight-Sendung vom Dienstag wurde von einem Twitter-Account der BBC gelöscht.

© SZ vom 29.05.2020/tmh
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