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"Barbaren" auf Netflix:Was für ein schönes Latein

Barbaren, netflix Bilder

Unter der Rüstung steckt ein Barbare: Laurence Rupp als Arminius.

(Foto: Katalin Vermes)

Netflix hat die Geschichte der Schlacht im Teutoburger Wald verfilmt - und "Barbaren" ist beinahe richtig gut geworden.

Von Kathleen Hildebrand

Als Arminius ins Gebiet der Cherusker einreitet, trägt er eine Maske. Es ist nicht irgendeine Maske, sondern die, deren etwas leidenden Ausdruck man heute sofort vor Augen hat, wenn man das Wort "Varusschlacht" hört: Sie ist silbern, die Augenschlitze stehen etwas schräg. Im Jahr 1990 wurde genau so eine römische Reitermaske in der Erde des Osnabrücker Landes gefunden - dort, wo Archäologen den Schauplatz jenes gewaltigen Gemetzels vermuten, an dessen Ende drei römische Legionen vernichtet waren, mehr als 15 000 Männer tot und einer der erfahrensten Feldherren Roms sich in sein Schwert stürzte. Varus wollte neben der Schmach der Niederlage nicht auch noch die der Gefangenschaft erleiden müssen. Es war nämlich hier, im kalten Schlamm Germaniens, etwas Undenkbares geschehen: Die Barbaren hatten das große Rom besiegt.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Arminius seine eigene Netflix-Serie bekommt. Seine - historisch belegte - Geschichte ist einfach zu gut: Arminius war der Sohn eines cheruskischen Stammesführers und wurde in seiner Kindheit als sogenannte Fürstengeisel, als Pfand für den Frieden, aus Germanien nach Rom gebracht, dort aufgezogen und ausgebildet. Später kommandierte er als römischer Ritter cheruskische Hilfstruppen. Dann, und hier setzt die Handlung der Serie ein, kehrt er an der Seite des Statthalters Varus zurück nach Germanien. Arminius soll seinem römischen Ziehvater helfen, die Stämme endgültig zu unterwerfen, die manchmal noch aufmüpfig sind und ihre Steuern nicht zahlen wollen. Aber es kommt anders. Der Urwald spricht zu ihm, Arminius spürt unter den alten Eichen seine Wurzeln - und wendet sich gegen Rom.

Die Showrunner Jan-Martin Scharf und Arne Nolting, die zusammen mit Andreas Heckmann auch das Drehbuch geschrieben haben, formen aus diesem famosen Stoff recht souverän eine historische Serie, die Häkchen hinter alles setzt, was man von diesem Format im Jahr 2020 erwartet. Es gibt eine Dreiecks-Liebesgeschichte, mit Thusnelda (Jeanne Goursaud) einer "starken Frau", die nicht einfach den Mann heiratet, den ihr Vater ihr aussucht. Und die Ästhetik ist erwartbar düster: Das Licht im Germanendorf ist schlecht, die Leute sind ein wenig schmuddelig. Natürlich spritzt andauernd Blut, wird jemand hinterrücks erstochen oder öffentlich von den Römern gekreuzigt.

Klar, es geht schließlich um Barbaren und Krieg. Aber das schamlose Draufhalten auf jede Brutalität, selbst gegen Kinder, ist, wenn Serien wie Game of Thrones und Vikings es schon hundertfach vorgemacht haben, nicht mehr mutig und schockierend, sondern uninspiriert. Es trägt dazu bei, dass Barbaren trotz seiner Qualitäten einen Eindruck von konventionellem Übereifer hinterlässt.

Das ist schade, denn so vieles stimmt hier: Die Schauspieler etwa sind grandios. Der Österreicher Laurence Rupp hadert als Arminius glaubhaft mit seinen zwei Identitäten. Eine kaum erkennbare Sophie Rois ist wunderbar witzig als abgeklärte Waldhexe. Die Dialoge fliehen angenehm nach vorn, weil die Germanen oft wie junge Leute aus der Gegenwart reden, nur ohne die Anglizismen, anstatt irgendwie ausgedacht erdig zu grunzen. Und indem sie die Germanen als zerstrittenen, bösartigen, Met-seligen Haufen zeigt, entgeht die Serie geschickt der Gefahr, hier mit zu viel Heldenpathos einen nationalistischen Mythos neu zu beleben. Das Schönste aber ist das Latein, das die Römer in Barbaren sprechen. Es ist so glaubwürdig, weil man zwar hier und da ein Wort aus dem Stowasser-Wörterbuch erkennt, aber die italienischen Schauspieler dieser Schriftsprache mit ihrem Zungenschlag unerhörtes Leben einhauchen.

Am Ende, als die Varusschlacht geschlagen ist, klingt die Möglichkeit einer Fortsetzung an. Mit etwas weniger Blut und dafür mehr Mut, sich von den Konventionen der Historienserie zu lösen, wäre das gar keine schlechte Idee.

Barbaren, sechs Episoden, auf Netflix*

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© SZ/cag
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