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"Teheran" auf Apple+:Krieg der Schatten

Geheimagentin Tamar Rabinyan (Niv Sultan) hat es mit gefährlichen Gegnern zu tun.

(Foto: Apple+)

Die Agentin: In der israelischen Serie "Teheran" geht es um schwierige moralische Fragen

Von Joachim Käppner

Technomusik wummert, Lichter zucken, junge Leute tanzen wie in Trance; hier und dort wechselt ein Tütchen Ecstasy den Besitzer. Und der tätowierte Riese da, ist er von der Polizei? Die Szene in einer Industrieruine am Rande der Großstadt könnte überall in westlichen Metropolen spielen. Aber der Schauplatz ist Teheran, die Hauptstadt Irans, und die jungen Leute hier riskieren eine Menge, sollten die Revolutionswächter ihnen auf die Schliche kommen.

Die Ecstasy-Pillen wären dann noch das kleinere Problem. Zur Clubszene gehört eine junge Frau, die ein Student, Oppositioneller und Hacker, mitgebracht hat und für eine seelenverwandte Hackerin hält, aber das ist ein schwerer Irrtum. Seine Begleiterin nennt sich im Netz "Shakira", doch heißt sie in Wahrheit Tamar Rabinyan und arbeitet unter falscher Identität als Geheimagentin Israels, für den gefürchteten Mossad. Ihr Ziel: Die Stromversorgung Teherans für kurze Zeit lahmzulegen und damit auch die Luftabwehr. Israels Kampfjets stehen bereit, um Irans Atomanlagen zu bombardieren und das Regime so am Bau einer Atombombe zu hindern. Übrigens verdächtigt auch im wirklichen Leben Iran den Mossad, hinter einer Serie von Explosionen in iranischen Nuklearkomplexen zu stecken. In Teheran bleibt der Schattenkrieg Fiktion - welche aber deutlich macht, wie real und gefährlich die Auseinandersetzung tatsächlich ist.

Israel hat zuletzt mehrere erfolgreiche Serien auf den Streamingmarkt gebracht, zum Beispiel Fauda, wo es um den Antiterrorkampf in den besetzten Palästinensergebieten geht und niemand ohne Schuld bleibt. Hatufim, die Gefangenen, waren sogar das Vorbild für den Welterfolg Homeland. Daran orientiert sich das mit deutlich geringeren Mitteln gedrehte Teheran zwar erkennbar, die israelische Serie ist aber interessanter und psychologisch glaubwürdiger. Tamar Rabinyan (die großartige israelische Schauspielerin Niv Sultan) erscheint nur anfangs als etwas unglaubwürdiges Agenten-Supergirl, die Kampfsport ebenso beherrscht wie das Knacken elektronischer Schutzwälle. Mit jeder Folge wird ihre Persönlichkeit komplexer und die Frage zwingender, welche Mittel ihre Mission noch rechtfertigt.

Das Zweideutige, moralisch Zwiespältige ist die Stärke dieser Serie; denn sie inszeniert Iran nicht als Reich des Bösen. Es ist ein sorgsames, recht faires Porträt einer vielfältigen Gesellschaft. Zwischen religiösen Fanatikern, ganz normalen Leuten und aufsässigen Studenten bewegt sich die Agentin - und lässt Menschen zurück, deren Leben, sobald sie es berührt, nie mehr sein wird, wie es war.

Teheran, Apple+*, neue Folgen freitags

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© SZ/hy
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