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ARD-Film über die Firma Krupp:Zwei Männer ringen um die Freiheit von der Vergangenheit

Das Geheimnis der Freiheit

Bestes Theater: Sven-Eric Bechtolf (l.) als Krupp-Bevollmächtigter Berthold Beitz und Edgar Selge als Golo Mann.

(Foto: WDR/Wolfgang Ennenbach)

Golo Mann und Berthold Beitz begegnen sich, als die Firma Krupp einen Historiografen braucht. Die ARD macht daraus pralinézarten Kitsch - aber zum Glück sprengt Edgar Selge die geballte Harmlosigkeit des Films.

Ein Buch, vielleicht ein Film, auf jeden Fall ein Werk der Rache sollte es werden, was sich der Chef der ehemals weltstolzen Firma Krupp vorgenommen hatte. Das Unternehmen war Mitte der Sechzigerjahre zeitweise in Trump'schen Ausmaßen verschuldet und stand bei 263 Banken in der Kreide, niemand wollte mehr bürgen, aber Berthold Beitz gelang wider Erwarten die Sanierung. Es fehlte nur noch ein Schmuckstück, das den Retter in seiner ganzen strahlenden Schönheit und als Sieger über seine Feinde zeigen würde.

"Berthold Beitz - die Geschichte eines Komplotts" war als Titel vorgesehen, und schreiben sollte es Will Tremper, ein ehemaliger Regisseur und erfolgreicher Tratsch-Autor. Beitz redete lange mit ihm, bedang sich aber in einem über die Agentur Ferenczy geschlossenen Vertrag aus, "das Manuskript vor der Drucklegung in jedem Umfange zu korrigieren oder die Veröffentlichung auch gänzlich abzulehnen". Tremper schrieb brav, Beitz korrigierte nicht, sondern lehnte gleich ganz ab, Tremper gab nicht auf, sondern veröffentlichte statt der Heldensage den Schlüsselroman "Das Tall-Komplott", der 1974 wochenlang auf der Bestsellerliste stand. "Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und Institutionen", hieß es sicherheitshalber auf der Impressumsseite, "sind nicht beabsichtigt und daher rein zufällig."

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Ein weiterer Versuch zielte höher, Golo Mann sollte schreiben, statt Kolportage am besten gleich Literatur, schließlich hatte seinerzeit auch Theodor Heuss gegen schlanke hunderttausend Mark das hohe Lied der Waffenfabrik Krupp zu singen gewusst. Der ewige Sohn von Thomas Mann hatte sich bereits als käuflich erwiesen, weil er 1973 bei einer Jubelrede zum Hundertjährigen der Firma Degussa nur Rühmendes zu sagen wusste und von deren lukrativer Beteiligung an der Ermordung der Juden in Auschwitz nichts.

Der Krupp-Generalbevollmächtigte Berthold Beitz, so zeigt es der ARD-Film Das Geheimnis der Freiheit und so war es auch, wandte sich also an den Historiker Golo Mann, der lieber ein Schriftsteller wie sein Vater gewesen wäre. Im Film ist es nicht das Geld, was ihn einschlagen lässt, sondern die Drangsal mit der dementen Mutter, die als Witwe das Haus am Kilchberg hütet und den Sohn mit ihrem Mann verwechselt und zum Arbeiten anhält. Golo will nur noch weg.

Vielleicht ist es die Erleichterung, die ihn dann in diesem Film so kreuzdämliche Sätze wie "Alles eine Frage des Bauchgefühls" sprechen lässt oder so tiefe, männerfreundschaftliche Erkenntnisse wie "Dichterfürst oder Kanonenkönig, die Last auf den Schultern bleibt". Jedenfalls kommen sich die beiden sonderbaren Erben näher, als sie vorher glaubten. Beitz, gespielt von Sven-Eric Bechtolf, protzt damit, noch nie ein Buch gelesen zu haben, Mann, das sieht man seinem Gegenspieler Edgar Selge an, kennt allzu viele.

Zwischen 20.15 Uhr und Kammerspiel

Die Dialoge sind, sicherlich dank dem Co-Produzenten WDR, durchweg oma- und opatauglich. "Der Krieg hat uns geprägt", weiß Berthold Beitz, kann aber nicht erklären, warum er, der im Krieg Hunderten Juden das Leben gerettet hat, nach diesem Krieg für den verurteilten Kriegsverbrecher Alfried Krupp arbeitet.

Erst da, wo sich der Lohnschreiber von seinem Auftrag löst, als es nicht mehr um eine teuer eingekaufte Hymne geht, erst als Golo Mann so geprügelt wirken darf, wie er es als Sohn des unerreichbar berühmten Nobelpreisträgers wahrscheinlich war, löst sich der Film vom pralinézarten Kitsch, in dem er so gern schwelgt. Wie Steven Spielberg in Schindlers Liste das kleine Mädchen, lässt nämlich hier der Regisseur Dror Zahavi immer wieder den Geist der einen Sekretärin auftauchen, die Beitz damals nicht vor den Nazis retten konnte. Damit sei er schuldig geworden, und deshalb, nur deshalb, schwört er im Krupp-Stahlwerk, wolle er die Macht.

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Es kommt zu einem Showdown zwischen den beiden Männern, und weil es doch um Krupp geht und das Fernsehen um 20.15 Uhr sein Recht fordert, kocht drunten mächtig der Stahl: "Herr Beitz, ich muss Sie verstehen!", und der: "Niemand muss mich verstehen, niemand!" Das ist reines Theater und genau das, was dieser Film hätte wagen müssen, ein Kammerspiel und kein mit Sylt-Pullovern und Nackenrollen aufgerüschtes Zeitstück. Diese ganzen knallchargierenden Statisten, die bewährten kessen Journalisten, die selbstverständlich tollpatschigen Manager-Konkurrenten, die dreizehneinhalb Demonstranten hätte es so wenig gebraucht wie die Stewardessen im Minirock und die fürs zeitgenössische Flair offenbar unerlässlichen Horst-Herold-Gedächtnis-Brillen.

Zwei Männer, die aus ihrer Rolle nicht herauskönnen, aber auch nicht zueinander hinfinden

Gut, ein reines Kammerspiel mit diesen beiden Männern, das wäre kein Fernsehen für gleich nach der Tagesschau gewesen, es hätte aber erschreckend dramatisch werden können. Zwei große Schauspieler, die zwei Männer spielen, die aus ihrer Rolle nicht herauskönnen und wie in jeder guten Liebesgeschichte auch nicht zueinanderfinden. Vor allem der überhaupt nicht golomannähnliche, aber als Golo Mann völlig zwischen Vater- und Mutterhass, seiner verheimlichten Homosexualität, zwischen Geltungssucht und Schreibdauerkrise zerriebene Edgar Selge ist ein Naturereignis, das die geballte Harmlosigkeit des Films sprengt.

Der Drehbuchautor Sebastian Orlac hat sich immerhin so gründlich in die Biografie Golo Manns eingearbeitet, dass er ihn und Beitz sogar über die philologische Validität des titelstiftenden Spruchs streiten lässt, mit dem US-Präsident Ronald Reagan einst die Waffenhilfe für die Contras in Nicaragua rechtfertigte: "Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut." Perikles habe das nie gesagt, kann der Historiker Mann den Aphorismus-Freund Beitz belehren. Der Kollege Geschichtsschreiber Thukydides habe ihm die schönen Worte in den Mund gelegt. Beiläufig gesagt, handelt es sich um eine Aufforderung, im Namen der bereits Gefallenen ohne Todesangst in den nächsten Krieg zu ziehen.

Das hat die Hinterbliebenen von Beitz selbstverständlich nicht daran gehindert, den Spruch 2013, als Beitz fast hundertjährig starb, als reinstes perikleisches Gold in die Traueranzeige zu setzen, und der damalige Bundespräsident zitierte es gleich noch mal.

Der Lobredner Golo Mann, er hätte im Film seinem literarischen Gegenstand Beitz so gern ähnlich goldene Worte in den Mund gelegt, er scheiterte aber schließlich doch an seinem Unternehmen. Vorsicht, Spoiler! Das Buch ist nie erschienen. Die Macht, wie könnte es auch anders sein, war stärker als die Freiheit.

Das Geheimnis der Freiheit, Das Erste, Mittwoch, 20.15 Uhr. Der Film ist bereits abrufbar in der ARD-Mediathek.

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