Briefe der Familie Mann Der lange Schatten von Thomas Mann

Die Familie Mann ein Jahr vor der Emigration (von links): die Kinder Klaus, Elisabeth und Michael, Ehefrau Katia, Thomas Mann und Tochter Erika. Nicht im Bild: Sohn Golo und Tochter Monika.

(Foto: SZ)

2000 zuvor teils unbekannte Briefe der berühmten Schriftstellerfamilie zeigen, wie eng sich die Manns standen - und wie dominant der Literaturnobelpreisträger tatsächlich war.

Von Antje Weber

"Es ist eine Art Familien-Aufstellung in Briefen", sagt Holger Pils, Geschäftsführer des Lyrik Kabinetts in München. Zusammen mit Tilmann Lahme und Kerstin Klein hat er für den Band "Die Briefe der Manns" 2000 zuvor teils unbekannte Briefe ausgewertet - und damit eine neue Sicht auf die Familiendynamiken und den "Familienbetrieb" der Manns geworfen.

Denn ein Familienbetrieb war es schon, wie sich laut Pils in den Briefen durch die verschiedenen Perspektiven noch klarer als bisher erkennen lässt. Im Politischen zum Beispiel versuchten insbesondere Erika und Klaus Mann, Einfluss auf ihren Vater, den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, zu nehmen. Es falle auch auf, "wie politisch hellsichtig Katia ist und wie sie offensichtlich auch sehr deutlich mit ihrem Mann darüber spricht", sagt Pils.

Die Meinungen gehen dabei immer wieder auseinander: Nach 1945 zum Beispiel versuchen die Kinder Golo und Erika, den Vater im USA-Exil unterschiedlich zu beeinflussen: "Erika plädiert für eine unnachgiebige Haltung gegenüber Nachkriegs-Deutschland und rät, das Land zu meiden. Golo versucht, aus seiner Kenntnis vor Ort ein differenzierteres Bild zu bieten", sagt Pils. Und Thomas Mann? "Er findet einen eigenen Weg, indem er einerseits eindeutig Stellung bezieht und nicht aus dem Exil zurückkehrt - aber wir haben eben auch viele Briefe, in denen er Golo explizit um Rat fragt."

Noch nach seinem Tod habe Thomas Mann die Familie über Jahrzehnte dominiert, sagt Pils. Das habe zu Allianzen und Solidarität geführt, "aber auch zu Verwerfungen, zu Brüchen: Er wirft einen langen Schatten."

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2000 Briefe der Manns - teils unbekannt - erschaffen ein neues Bild der bekannten Literaten-Familie. Der Münchner Mitherausgeber Holger Pils über eine "Familien-Aufstellung in Briefen".   Interview von Antje Weber