ARD-Komödie "Die Notlüge" Patchworkfamilie auf Österreichisch

Ein Mann sieht rot: Muttis 80. Geburtstag konfrontiert TV-Moderator Hubert (Josef Hader) mit seinen Lieben.

(Foto: Stefan Haring/SWR/ORF)

In "Die Notlüge" drücken sich alle davor, die komplizierten Familienverhältnisse zu erklären. Eine Komödie mit Josef Hader in der Hauptrolle und einer ordentlichen Portion Schmäh.

Von Christine Dössel

"Ist auch nicht immer leicht, das Patchwork, gell?", sagt die alleinstehende Traude zu ihrer multifamiliär aufgestellten Schwägerin Helga, und so wie sie das sagt, klingt es nicht mitfühlend, eh kloar. Den frotzelnden Unterton beherrschen sie alle ganz gut in der österreichisch-deutschen Koproduktion Die Notlüge, vor allem die Frauen sind im Spitzen-Austeilen spitze. "Schaust müde aus, lang g'feiert? - "Nein, gearbeitet." So in der Art.

Diesem Ensemble schaut man gern beim Überfordertsein zu

Von sarkastischen Seitenhieben und bissigen Bemerkungen wimmelt es nur so im Drehbuch von Pia Hierzegger, die in dem süffisant-charmanten Patchworkfamilienfilm selber mitspielt: In der Rolle der karrierebewussten Patricia (zwei Katzen, ein Diensthandy) ist sie die neue Freundin von Hubert, dem vielbeschäftigten Fernsehmoderator, gespielt von Josef Hader (auch im wahren Leben ihr Partner). Hubert ist Vater zweier Töchter, die er mit seiner Ex Helga hat, von der er noch nicht geschieden ist. Helga, seit siebeneinhalb Jahren "in Karenz", hat selber längst wieder jemand anderen, den notorisch gut gelaunten Öko Wolfi (Andreas Kiendl), von dem sie schwanger ist - gespielt wird sie von der grandios burschikosen Brigitte Hobmeier, die beim Dreh 2017 tatsächlich schwanger war. Auch Wolfi bringt ein Kind mit in die Beziehung, seinen Sohn Luki.

Das ist das Ausgangspersonal für die gemeinsame Fahrt in die Steiermark zum 80. Geburtstag von Oma Marianne (Christine Ostermayer), Huberts Mutter, die von seiner rustikal aufkochenden Schwester Traude (Regina Fritsch) und einer lebenslustigen Pflegekraft aus dem Osten (Grazyna Dylag) in ihrem Haus umsorgt wird. Oma Marianne weiß noch nichts von den veränderten Beziehungsverhältnissen, und weil man sie "schonen" will und Hubert eh ein feiger Mensch ist, spielen sie der alten Dame etwas vor, machen auf heile Familie und geben Wolfi und Patricia als Paar aus Helgas Verwandtschaft aus. Diese eine Notlüge am Anfang - weniger aus Not denn aus Kleinmut geboren - zieht viel schlechte Laune und ein Netz aus weiteren Lügen nach sich, was manch eine unangenehme Wahrheit an den Tag bringt.

Es ist eine klassische Dramenkonstellation, wie sie etwa Yasmina Reza in ihren dialogstarken Konversationsstücken verwendet oder Thomas Vinterberg in seinem Dogma-Film Das Fest - eine Konstellation, die auch hier gut funktioniert, auch wenn Hierzeggers Notlüge (Regie: Marie Kreutzer) nie wirklich bitterböse und existenziell abgründig wird. Obwohl Nachbars Katze dran glauben muss.

Der Film ist eine Komödie mit Schmäh und Wohlfühl-Ende, getragen von hervorragenden Schauspielern, denen man gern beim Überfordertsein zuschaut. Josef Hader, dessen Hubi offenbar schon als Kind ein "verwöhnter Fratz" war, macht auf Unschuldslamm und winselt mit verzweifeltem Schafsblick um Nachsicht. Andreas Kiendl ist als Alles-Richtigmacher Wolfi eine echte Nervensäge und Brigitte Hobmeier die Mutter der Mokanz. Auch die Kinder sind gut gecastet, und Pia Hierzegger stöckelt zunehmend alkoholisiert durch die Geschichte. Am tollsten und würdevollsten aber ist die große alte Christine Ostermayer als Vertreterin jener Generation, "die noch normal ist". Während alle anderen, wie der Österreicher sagt, einen Huscher haben.

Die Notlüge, Das Erste, 20.15 Uhr.

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