Abschied von "Wetten, dass..?":Ära, wem Ära gebührt

559 Autos, 23 302 Bierdeckel, fünf Showmaster, 1012 Wetten und der Vorschlag, Männer am Pinkelgeräusch zu identifizieren. Mit "Wetten, dass..?" geht nicht nur eine Show zu Ende, sondern die Epoche des deutschen Sofa-Dadaismus. Danke.

Von Gerhard Matzig

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Es hätte schlimmer kommen können

'Wetten, dass...?'

Quelle: dpa

Fangen wir von hinten an: Am 22. März 2003 löste Armin Rohde seine verlorene Wette ein und lief nur mit einer Schürze bekleidet über die Luzerner Wetten dass..?-Bühne. Nun mag ein nacktes Hinterteil im Samstagabend-Fernsehen nicht jedermanns Sache sein. Andererseits hat uns das ZDF auch eine ganze Menge anderer Entblößungen erspart. Danke also, dass zum Beispiel diese Wette nie gespielt wurde: "Wetten, dass ... ich es schaffe, 50 männliche Personen an dem Geräusch zu erkennen, das durch das Pinkeln im Stehen in einer Toilette verursacht wird." Diese Wette stammte von Grethen S. aus L., die sie am 26. April 2005 eingereicht hatte. Und Herr Hans P. aus D wollte etwa im Juli 2007 wetten, "dass ich aus 500 Hardcorepornos jedes Gestöhne einer spezifischen Szene zuordnen kann". Abgesehen davon, dass es todtraurig ist, ist es doch irgendwie befreiend, wenn Wetten, dass..? am Samstag nach 33 Jahren zu Grabe getragen wird.

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Wovon Männer träumen

Victoria's Secret Fashion Show 2014

Quelle: dpa

Auch hinsichtlich dieses Wettangebots fällt der Abschied bestimmt vielen leichter: Herr Sven R. diente dem ZDF im Juli 2003 einen gewissen Herrn J. an. Dies sei ein Mann, der "einen mit zehn Liter Wasser gefüllten Eimer zehn Minuten lang mit seinem Glied tragen kann". Wir werden wohl nie erfahren, ob das stimmt. Wissen aber nun, dass sehr seltsame Menschen unter uns leben. Man fragt sich, was die ohne Wetten, dass..? machen. Wo leben die jetzt ihre Bedürfnisse aus? Jochen G. aus Ö. traute sich übrigens im Februar 2010 zu, "die Nationalität von fünf beliebigen Victoria-Secret-Models der letzten drei Jahre am Geschmack der Brustwarzen zu erkennen". So einem Mann sollte man einfach alles zutrauen. Wetten, dass..? sei die letzte große Familiensendung gewesen, heißt es seit Wochen in vielen Nachrufen. Das mag sein. Angesichts der aufgeführten Beispiele hätte es auch leicht die letzte große Männer-Welt werden können. Auch mit Hilfe von Georg B. aus D., der im Februar 2007 wetten wollte, dass er "die Größe einer Frauenbrust in die Grammzahl einer gleich großen Menge an Pizzateig umtasten kann". Bleibt nur zu sagen: Danke, ZDF, nicht nur für all die Wetten, die wir sehen durften - sondern auch für jene, die uns erspart wurden.

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Zahlenwahnsinn

Wetten, dass..?

Quelle: picture-alliance / dpa

Statistik-Fans dürften jedoch trauern. Was hat die Show nicht alles an Zahlen geboten: 559 Autos kamen in 69 Wetten zum Einsatz. Auf Platz 2: 47 Bagger in 39 Wetteinsätzen. Dahinter: Bälle, davon gab es 329 zu sehen - in 38 Wetten. Auf weiteren Plätzen: 832 Luftballons (28 Wetten) und 898 Eier (22 Wetten). Die 30 LKWs, die in 14 Wetten auftauchten, markieren das Ende dieser Tabelle. Als weitere Requisiten kamen für Wetten, dass..? zum Einsatz: 23302 Bierdeckel und 56 Waschmaschinen. Müsste man einem Fremden erklären, was Deutschland ist, so könnte man sagen: ein Land, in dem es vor allem LKWs, Autos, Bagger, Waschmaschinen, Luftballons, Eier und Bierdeckel gibt. Ganz falsch läge man nicht damit.

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Was soll man nur anziehen?

'Wetten, dass...?'

Quelle: dpa

Ein weiteres Kuriosum der Sendung: die Outfits. Im Wettbewerb der ausgefallenen Garderobe ist Thomas Gottschalk der Sieg nicht zu nehmen (auch nicht nach Auftritten: 151 Sendungen wurden von Gottschalk moderiert; zum Vergleich: Der zweitplatzierte Erfinder der Show, Frank Elstner, brachte es auf 39 Einsätze). Unvergessen bleibt das rostrote Zelt, das Gottschalk am 10. Juni 1989 in Dortmund trug. Das heißt: Eigentlich war es kein Zelt, sondern ein Anzug, bestehend aus einer Hose mit etwa 1000 Bundfalten und einem Sakko, dessen Schulterpolster auch als Weichbodenmatratzen im Schulsportunterricht ihr Auskommen hätten finden können. Nicht schlecht war allerdings der Versuch der amerikanischen Schauspielerin und Sängerin Cher, zu Gottschalk aufzuschließen: Am 31. Oktober 1987 trug sie in Kiel beinahe nichts. Leider hatte sich Brigitte Nielsen für das gleiche Kostüm entschieden - und trug auch beinahe nichts. So müssen sich Brigitte Nielsen und Cher den zweiten Platz hinter dem Zelt Gottschalk teilen, weshalb Platz Drei nicht zu vergeben ist. Bleibt für Sarah Connor also nur der undankbare vierte Rang: In Braunschweig trug sie am 26. Januar 2002 zwar ein quantitativ absolut untadeliges Kleid - allerdings war dieses transparent, was, wie es beim offenbar völlig überraschten ZDF heißt, "erst im Scheinwerferlicht bemerkt wurde". Tja, "denn die einen sind im Dunkeln", hätte Bertolt Brechts Mackie Messer dem ZDF sagen können, "und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht".

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Wettbewerb der Peinlichkeiten

ZDF-Livesendung Wetten dass..?

Quelle: Ingo Wagner/dpa

Schwierig. Eigentlich würde man hier gern die Plätze 1 bis 15 an Markus Lanz vergeben (Auftritte insgesamt bis zur Abschluss-Show an diesem Samstag: 15). Andererseits: Möglicherweise ist er ja in seiner 16. und letzten Sendung derart brillant, dass er vergessen macht, je von Cindy aus Marzahn an die Wand geshowmastert worden zu sein. Trotzdem: Ist es zu toppen, dass Tom Hanks eine Katzenmütze tragen und Markus Lanz beim Sackhüpfen zusehen muss? Oder sollte man Harrison Ford alias Indiana Jones ins Rennen schicken, der einmal in der Show ein dermaßen gequältes Lächeln zeigte, als befände er sich nicht auf dem Wetten, dass..?-Sofa, sondern im Tempel des Todes, was manchmal auf das Gleiche rausläuft. Kurz: Lassen wir die Sache vorerst offen, erinnern noch an Mickey Rourke, wie er am 3. März 1990 in Duisburg rauchend die Füße auf den Tisch legte, sogleich ausgebuht wurde dafür - und hoffen, dass Markus Lanz die Sache an diesem Samstag ein für alle Mal für sich entscheidet.

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Stammgäste

ZDF-Show ´Wetten, dass. ..?" in Friedrichshafen

Quelle: picture-alliance/ dpa

Peter Maffay hatte 17 Wetten, dass..?-Auftritte, sagt das ZDF. "Stolze 18 Mal war er in der Show, zumeist auf der Bühne, ab und zu aber auch als Wettpate", sagt das Starmagazin Promiflash. Und Spiegel.de weiß: "19 Mal war der Barde zu Gast, mal mit Tabaluga, mal ohne, mal in Leder, mal in Jeans." Das ist ja oft so mit lieben Dauergästen: Erst, so etwa beim fünften oder sechsten Mal, denkt man noch, hm, irgendwie riecht es hier nach altem Fisch, doch irgendwann werden die alten Fische unentbehrlich. Man gewöhnt sich daran. Sie werden ein Teil des Ganzen: Inventar. Und so ist es auch egal, ob Peter Maffay nun 17 Mal da war, Udo Jürgens 15 Mal, Herbert Grönemeyer 14 Mal, Iris Berben elf Mal und Eros Ramazzotti acht Mal (alle Angaben: ZDF). Wichtig ist doch nur, dass Peter Maffay öfter da war als Markus Lanz, der aber Veronica Ferres toppt (8), die wiederum Heiner Lauterbach (5) hinter sich lässt, der ohnehin nicht in einer Liga mit Joe Cocker (9) spielt. Oder mit Michael "Bully" Herbig (11), dessen "persönliche 33 Highlights aus 33 Jahren" sich gerade über Twitter verbreitet haben. Zu nennen wären noch: Otto Waalkes, Boris Becker, Til Schweiger, Karl Lagerfeld, Franz Beckenbauer, Heidi Klum, Katarina Witt undsoweiterundsofort. Nietzsche sprach einmal von der "Ewigen Wiederkehr des Gleichen". Er kann nur Wetten, dass..? gemeint haben. Angekündigt zur letzten Show sind übrigens: Til Schweiger, Katarina Witt, Michael "Bully" Herbig und Otto Waalkes. Peter Maffay leider nicht. Nicht in Jeans, nicht in Leder, nicht mit Tabaluga - und auch nicht mit ohne Tabaluga.

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Deutschland verstehen

'Wetten, dass...?' aus Erfurt

Quelle: dpa

Schauspielerin Megan Fox und ihr Kollege Will Arnett sitzen auf dem Sofa - und scheinen sich doch halbwegs zu amüsieren. Das war erst im Oktober, in Erfurt. Etwas später aber gab Arnett im amerikanischen Fernsehen preis: "Sie wollten, dass ich einen Nervenzusammenbruch erleide." Wegen Megan Fox? Nein, wegen der "crazy" Deutschen - und weil er sich entscheiden musste, ob zwei Hundetrainer an den Biss-und Sabber-Spuren einer Frisbee-Scheibe erkennen können, welcher ihrer Hunde sie verursacht hat. Arnett gab zu verstehen, dass die Deutschen womöglich das unlustigste Volk der Erde seien - "und sie machen mir Angst". Man hatte prompt das Gefühl: Jetzt reicht es. Sowohl das Ding mit dem Sabber, als auch das Ding mit dem Wetten, dass..?-Bashing von Prominenten. Halle Berry, Tom Hanks, Hugh Jackman, Robbie Williams, James Blunt, Diane Keaton ... hat sich eigentlich irgendwer noch nicht über die crazy Germans und ihr Samstagshobby beschwert? Spätestens nach Arnetts Schlimme-Dinge-Abrechnung wäre man beinahe noch zum glühenden Wetten, dass..?-Fan geworden. Aus Protest. Ein bisschen aber auch aus Mitleid. Und vielleicht sogar aus Zuneigung. Denn dass es eine Show im deutschen Fernsehen gibt, 33 Jahre lang, die im Laufe ihrer Karriere vor mehr als drei Milliarden Menschen beweisen darf, dass wir ungeheuer einen an der Waffel haben, das ist dann doch: ein deutsches Wunder. Danke.

© SZ.de/cag/lala
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