50 Jahre ARD-Sportschau:Gelegentlich Brüllaffe

Lesezeit: 2 min

Es war immer mehr als Fußball: Zum 50-jährigen Bestehen der "Sportschau" zeigt die ARD einen unterhaltsamen Rückblick - und erinnert an Zeiten, als Filmrollen noch eingeflogen werden mussten.

Holger Gertz

Acatenango ist so ein Name, der irgendwie hängengeblieben ist, ohne dass man ihn gleich mit einem Bild verbinden könnte: Wer oder was war Acatenango, das wäre eine Frage für eine der zahlreichen Quizshows des modernen Fernsehens.

Die Jubiläumssendung der Sportschau gibt die Antwort. Der Hengst Acatenango, Gestüt Fährhof, wurde dreimal hintereinander zum Galopper des Jahres gewählt, 1985 bis 1987. Weil die Wahl zu den Programmhöhepunkten der ARD-Sportschau gehörte, und weil der Trabrennpapst Addi Furler über Galopper so viel wusste wie andere über Menschen kaum wissen, wurde Acatenango ein Begriff nicht nur der Pferde-, sondern auch der Fernsehgeschichte.

Die Sportschau wird 50 in diesem Jahr, der Rückblick erinnert an großartige Moderatorenpullover und bemerkenswerte Siebziger-Jahre-Frisuren, wobei die helmartig zurechtgeschnittene des Redakteurs Holger Obermann eindeutig zu den großen Momenten dieser Sendung zählt.

Gerhard Dellings Vokuhila-Phase ist allerdings auch ein Ereignis, das über den Tag hinauswirkt. So ein Rückblick lebt von dem, was das Archiv hergibt. In der analogen Zeit war alles langsamer, Filmrollen mussten mit dem Motorrad oder zur Not mit dem Hubschrauber ins Studio nach Köln gebracht werden, wo sie rechtzeitig ankamen, oder auch nicht.

Dann sagte einer der Moderatoren: "Ich glaube, wir machen erstmal mit einem anderen Beitrag weiter." Auch dieser Satz gehört zur Hintergrundmusik der alten Sportschau, die sich erneuert hat über die Jahre, deren Bilder von den Fußballspielen technisch perfekter geworden sind, schneller geschnitten: Sie hat ihr Angebot der Nachfrage angepasst.

Die Sportschau-Leute haben es in ihrer Revue fertiggebracht, über die sportjournalistische Gegenwart nachzudenken, indem sie die Vergangenheit vorüberflimmern lassen. Sport im Fernsehen, das war früher nicht nur Fußball, im Jahr brachte die Sportschau Berichte von über fünfzig Sportarten, darunter auch entlegene wie Querfeldeinradeln und Feldhandball.

Feldhandball ist inzwischen praktisch ausgestorben, wie es diesbezüglich um das Querfeldeinradfahren steht, weiß keiner der befragten Moderatoren. Aber dass der Fußball inzwischen eine so gewaltige Rolle spielt, bedauern wenigstens die Sportschau-Helden von damals.

"Die Rolle der Made im Aufstiegsapfel"

Und Günter Netzer sagt, er als Fußballer habe immer besonders die Berichte über Turner und Läufer mit großem Interesse verfolgt, also über Athleten, die sich mehr reinhängen mussten als die Fußballer, unter denen ja Netzer einer war, der sich mit dem Reinhängen extrem zurückhielt.

Fußballrechte sind teuer; inzwischen fällt vieles, was nicht Fußball ist, aus dem Programm heraus: Die Sportschau ist monothematischer geworden - bei den Tageszeitungen ist das nicht sehr anders.

Aber man kann der Sportschau zugutehalten, dass sie - seit die Bundesliga aus ihrem Exil im Billigfernsehen zu den Öffentlich-Rechtlichen zurückgekommen ist - den Fußball nicht viel wichtiger nimmt, als er ist.

Gelegentlich wird zwar auch in der ARD der eine oder andere Kommentator derart mitgerissen, dass man merkt: Jeder Mann stammt vom Brüllaffen ab. Aber verglichen mit dem Fußball bei den Privaten oder im Fernsehen anderer Länder suchen sie bei der Sportschau die verträgliche Mitte.

Die Deutsche Fußball-Liga sähe es lieber, wenn die Berichte nach 20 Uhr kämen, es geht ums Geld, aber die Sportschau will wie bisher um 18 Uhr senden. Sie ist ein Klassiker, sie weiß, was sie den Leuten schuldig ist.

Gerhard Delling wird weiter fragwürdige Wortspiele in seine Moderationen einbauen, aber erstens trägt er inzwischen eine bessere Frisur, und zweitens bietet der schöne Rückblick auch die relativierende Gelegenheit, Hans-Joachim Rauschenbach zuzusehen, dem Meister des schiefen Bildes.

Das Topspiel der zweiten Liga Nord moderierte er an wie folgt: "Vielleicht hat die Mannschaft aus Solingen Spaß daran gefunden, im Aufstiegsapfel der Essener die Rolle der Made zu spielen."

Vieles war früher besser, manches nicht.

50 Jahre Sportschau, ARD, Samstag, 18 Uhr.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema