"4 Blocks" auf TNT Serie:Neuköllner Ganoven unter sich

4 Blocks

Freunde, in der Serie wie im echten Leben: Kida Khodr Ramadan (links) und Frederick Lau als Toni und Vince.

(Foto: Turner Broadcasting System/Wiedemann & Berg)

Die Serie "4 Blocks" erzählt von einem arabischen Banditenclan und ist packender als vieles, was sonst im Fernsehen läuft.

Von Karoline Meta Beisel

Warum nur vergleichen deutsche Fernsehmacher ihre Serien ständig mit den Vorbildern aus den USA? Matthias Schweighöfer wollte, dass sein You are Wanted das deutsche House of Cards wird (hat nicht geklappt), Bastian Pastewkas Morgen hör ich auf wurde vom ZDF-Programmdirektor als "Breaking Bad auf deutsch" angekündigt (war es nicht); und Hindafing, in diesem Monat im BR-Fernsehen zu sehen, soll den Machern zufolge die bayerische Antwort auf Fargo sein. Mal sehen.

Dass 4 Blocks, die Neukölln-Mafiaserie des Pay-Kanals TNT Serie, das deutsche Äquivalent der Sopranos werden soll, hat so zwar niemand behauptet. Aber die Erzählperspektive sei eben doch "wie bei den Sopranos", das sagte Regisseur Marvin Kren im Februar bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Berlinale, wo die Serie nach der Premiere viel Beifall bekam.

Schon wieder so ein Vergleich also. In diesem Fall gibt es aber tatsächlich einige naheliegende Parallelen. Wie die Saga um Mafiaboss Tony Soprano, die vor zehn Jahren nach sechs Staffeln und 86 Folgen zu Ende ging, zeigt auch 4 Blocks das Walten eines Ganovenclans aus der Innenperspektive. Und hier wie dort steht im Zentrum der Erzählung ein Patriarch namens Tony beziehungsweise Toni, bei dem familiäre und berufliche Verpflichtungen so weit auseinanderliegen wie New Jersey und Neukölln.

Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) lebt seit 26 Jahren in Berlin und sehnt sich nach einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung und einem ruhigen Leben als Immobilienunternehmer. "Wenn die Pässe da sind, ich werd' der deutscheste Deutsche", sagt er zu seiner Frau.

Aber dann wird sein Schwager Latif wegen der Drogengeschäfte des Clans bei einer Razzia festgenommen, und Toni muss sich um den Familienbetrieb kümmern. Das missfällt seiner Frau - vor allem aber seinem Bruder Abbas (Veysel Gelin), der endlich auch mal der Boss sein will, dazu aber seine Impulse besser unter Kontrolle haben müsste.

Herausragende Besetzung

Außerdem taucht ein alter Freund von Toni wieder auf (Frederick Lau), mit zunächst unklarem Motiv. 4 Blocks, mit schnellen Schnitten und ansprechenden, wenn auch oft grausamen Bildern inszeniert, fesselt den Zuschauer sofort.

Das liegt in erster Linie an der herausragenden Besetzung der Serie (Casting: Iris Baumüller), allen voran an ihrem Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan, der abwechselnd bedrohlich und einfühlsam sein kann und dabei stets eine beinahe altmodische Eleganz ausstrahlt wie ein arabischer Friedrich Liechtenstein.

Beim internationalen Serienfestival Séries Mania in Paris wurde er vor zwei Wochen als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. "Kida ist eine Mischung aus Papa und Pate, der mit seinem Background als libanesischer Kurde diese Kultur sehr gut versteht" sagt Regisseur Marvin Kren (Rammbock, Mordkommission Berlin 1).

Den Rapper Veysel besetzte der Regisseur wegen dessen "bedrohlicher Aura"

Ihm selbst mit seinem Background als Wiener hätten die Schauspieler die Türen im Viertel geöffnet: "Jeder auf der Straße dort kennt Kida oder Veysel, das hat es uns leicht gemacht."

Der Rapper Veysel Gelin war bislang vor allem für seine Musik bekannt. Die Boulevardpresse labte sich außerdem an seiner kriminellen Vergangenheit. Der aufbrausende Abbas ist seine erste Rolle als Schauspieler, ihn zu besetzen war Ramadans Idee.

Als Abbas spricht Gelin mit dieser nach vorne drängenden Stimme aufgepumpter Fitnessstudio-Bubis, die Silben preschen aus seinem Mund wie Faustschläge. "Sei mir nicht bös, aber wir wollten halt ganz bewusst jemanden mit einer sehr bedrohlichen Aura haben", gestand der Regisseur seinem Darsteller beim Pressegespräch in Berlin. "Hab ich 'ne bedrohliche Aura?", fragt der zurück. "In der Serie schon", sagt Kren, der zwischen seinen Darstellern ein wenig wie der Klassenlehrer wirkt, aber einer, den die Schüler mögen.

Wer der Gute ist, lässt sich auch daran erkennen, ob die jeweilige Ehefrau ein Kopftuch trägt

Ramadan und Lau wiederum sind auch im echten Leben befreundet. "Freddy spielt nicht gern Polizisten", sagte Ramadan vor anderthalb Jahren in einem Interview. Das hat sich - Achtung, Spoiler! - in der Zwischenzeit offenbar geändert.

Fast wäre 4 Blocks ein ganzes Stück konventioneller geworden. Ursprünglich sollte sich die Handlung eher an die Polizisten heften, die den Hamadys auf den Fersen sind. TNT-Produzentin Anke Greifeneder fand den Blick aus der anderen Richtung aber interessanter. Gutes Gespür für Geschichten hat sie schon bewiesen: Für die ersten beiden Eigenproduktionen des Senders, Add a Friend und Weinberg, hat sie bereits zwei Grimme-Preise gewonnen.

Möglich, dass sie für 4 Blocks noch einen dritten bekommt. Der Sender ist von dieser Geschichte jedenfalls so überzeugt, dass eine zweite Staffel bereits in Planung ist, noch vor der Ausstrahlung der ersten.

Dabei kommt die Serie, die wie auch Schweighöfers You are Wanted von den Autoren Hanno Hackfort, Bob Konrad und Richard Kropf geschrieben wurde, nicht ganz ohne Klischees aus. Ständig trifft sich jemand im Stripklub oder im Pornokino, die Kleinganoven tragen Trainingsjacken und die großen gut sitzende Anzüge, und wer unter den Clan-Mitgliedern der Gute ist, lässt sich jedenfalls in den zwei Folgen, die die Presse vorab zu sehen bekam, auch daran erkennen, ob die jeweilige Ehefrau ein Kopftuch trägt oder nicht.

Trotzdem haben sich der Sender und die Produzenten ein großes Paket Baklava verdient. Gar nicht mal, weil 4 Blocks besser ist als vieles, das man sonst im deutschen Fernsehen zu sehen bekommt. Das stimmt zwar, auch wenn nicht damit zu rechnen ist, dass in den USA demnächst jemand nach einem "amerikanischen 4 Blocks" fragen wird.

Die einzigen Rassisten, die hier vorkommen, arbeiten bei der Berliner Polizei

Sondern für den Mut, ein Prestigeprojekt mal nicht in der deutschen Vergangenheit spielen zu lassen. In einem Setting also, in dem man Männer in SS- oder Stasi-Uniformen stecken und Frauen die Haare in Wasserwellen legen kann - immer in der Hoffnung, dass Nazis, die Berliner Mauer und Kniebundhosen sich im Ausland, wo Ruhm und Lizenzgelder locken, besser verkaufen könnten als irgendetwas, das das Jahr 2017 betrifft.

4 Blocks dagegen spielt im Hier und Jetzt, die einzigen Rassisten, die in der Serie vorkommen, arbeiten bei der Berliner Polizei. Bei der Berlinale sei das Interesse aus dem Ausland riesig gewesen, sagen die Produzenten.

4 Blocks, abrufbar bei Joyn*, Apple iTunes*, Amazon* und Google Play Movies*

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© SZ vom 08.05.2017
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