Zivilcourage:Onkel Arndt unterdrückt seine Frau und hat eine andere.

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Zivilcourage ist eben auch die Bereitschaft, Nein zu sagen. Der demokratische Justizreformer Fritz Bauer hat einmal gesagt: "Leider ist es eine typisch deutsche Eigenschaft, den Gehorsam schlechthin für eine Tugend zu halten." Es ist ja auch viel bequemer, im Strom zu schwimmen und sich bedeckt zu halten, wenn der Kollege wieder einmal zur Schnecke gemacht wird. Man ist froh, wenn man selbst unbehelligt bleibt. Und wenn der Verein den Bau der Moschee verhindern will, sagt man lieber nichts, weil man es sich mit seinen Nachbarn und Freunden nicht verscherzen will. Wo man doch so viel hört von islamistischen Schläfern. Und wer will schon derjenige sein, der an Omas Geburtstag im Kreis der Familie ausspricht, was alle wissen: dass Onkel Arndt seine Frau Elke unterdrückt und eine andere hat. Was, wenn er es abstreitet? Und wie steht man dann da! Am Ende wird man nie mehr eingeladen, und die eigenen Kinder schämen sich für einen. Wer weiß, vermutlich ist ohnehin nichts dran, und Tante Elke ist nur etwas empfindlich.

Oft genügt der gesunde Menschenverstand

Doch machen wir uns nichts vor: Unrecht in sozialen Mikrokosmen geschieht meist ebenso offensichtlich wie körperliche Gewalt auf der Straße. Ermöglicht wird sie ebenfalls nur, weil niemand eingreift. Bemerkenswerterweise sei es oft allein der gesunde Menschenverstand, der einem in solchen Situationen die Augen öffnet und recht gibt, sagt Politikwissenschaftler Meyer.

Dennoch befürchten viele Menschen die Konsequenzen. Wer sich als Einziger gegen den Chef stellt, muss nicht nur mit dessen Unmut oder vielleicht sogar einer Kündigung rechnen. Er wird unter Umständen auch aus der Gemeinschaft der Kollegen ausgeschlossen. Meyer begründet das folgendermaßen: "Wer Missstände offen anspricht, steht nicht nur 'auf der falschen Seite' und wird aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus vom Rest gemieden. Er prangert zugleich auch die Schwäche und die mangelnde Eigeninitiative der anderen an, die sich diesem System unterwerfen." Deshalb sei es unter Umständen klüger, sich erst Verbündete zu suchen, bevor man sich offen gegen ein System auflehnt.

Auch der Komiker Andreas Obering aus Nordrhein-Westfalen, bekannt als "Obel", hat versucht, Verbündete zu finden, als er vor einigen Jahren im Supermarkt mitbekam, wie ein paar angetrunkene junge Männer eine schwarze Familie anpöbelten. Er versuchte, die Umstehenden aufmerksam zu machen - ohne Erfolg. "Alle haben doof geguckt, keiner hat was gemacht", erzählt der 45-jährige Familienvater. Über die Alternative - den Alleingang - musste er nicht lange nachdenken: "Ich hatte so eine Wut, dass ich zurückgepöbelt habe".

Obering sieht die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs "Zivilcourage", der wörtlich übersetzt "Bürgermut" bedeutet, zwiespältig. "Selbst Nazis, die ihren Willen in der Öffentlichkeit kundtun, sind demnach couragiert", sagt er bewusst provokant. Dabei gehe es doch eher darum, als freiheitlich denkender Mensch Werte zu verteidigen.

Undank hinterlässt Narben

Obwohl er als Einziger eingriff, hat er sich später am meisten darüber geärgert, dass er dabei nicht weiter gegangen ist. Als er mit seiner Frau und den beiden Kindern aus dem Laden kommt, sieht er, wie die Männer an die Hauswand pinkeln. Am liebsten hätte er sie "in den Hintern getreten" oder wenigstens ein Foto gemacht und sie angezeigt. Doch dann hat er sich nicht getraut. Darüber könnte er sich heute noch ärgern. Das sei wie eine Narbe, sagt er.

Auch die fehlende Anerkennung einer solchen Tat kann Narben hinterlassen. Denn nicht immer zeigen sich die Menschen, für die man sich einsetzt, erkenntlich. Deshalb muss man eine Pfadfindermentalität entwickeln, rät Obering. Als Schüler hatte er an einer Tankstelle einmal mit einem 500-Mark-Schein bezahlt, das Geld stammte von einem Ferienjob. Der Tankwart gab ihm auf 1000 raus - genau die 500 Mark zu viel, die er brauchte, um sein Schlagzeug abzubezahlen. Er widerstand der Versuchung und brachte das Geld zurück. "Der Typ hat nicht einmal danke gesagt", erzählt Obel, der auch diese Handlung als Akt der Zivilcourage bezeichnet.

Wozu sich einsetzen, wenn weder Anerkennung noch Dankbarkeit erfolgt? "Weil sonst Werte verlorengehen und dann Chaos ausbricht", sagt Obering. Da müsse man sich am Kant'schen Imperativ halten. "Wenn man sich daran hält, kann niemandem etwas passieren", sagt er. "Aber man muss das auch durchsetzen".

Bei der Tankstelle hat Obering "schon aus Prinzip" nie mehr getankt. Sie ging kurz darauf pleite. Manchmal regeln sich die Dinge eben doch von selbst.

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