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Whatsapp:Beginnt jetzt ein peinlichkeitsbefreites Leben?

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Keine neue Nachricht? Vielleicht gab es mal kurz eine, aber sie wurde gelöscht.

(Foto: dpa)

Wer schnell genug ist, kann nun bei Whatsapp gesendete Nachrichten löschen. Betrunkene Liebesgeständnisse zum Beispiel. Ein Segen? Ach nein.

Es gibt sicher Menschen, die noch nie peinliche Textnachrichten verschickt und sich danach geschämt haben. Disziplinierte, kopfgesteuerte Leute, auch in anderen Lebensbereichen der Askese zugetan, die nie jemand anderen mit ihren Emotionen überfallen würden. Mit Liebesschwüren. Oder Wutausbrüchen. Oder irgendwelchen Geständnissen, die nun wirklich niemanden etwas angehen. Diese Menschen können an dieser Stelle eigentlich aufhören zu lesen.

Bei allen anderen dürfte die neue Whatsapp-Funktion größtes Interesse auslösen. Man kann Nachrichten löschen, jucheissa! Wie viel Ungemach hätte man sich erspart, hätte es die Funktion schon früher gegeben. Im SMS-Zeitalter zum Beispiel. Als man sich abends in der Kneipe von einem Mitschüler die Nummer des hübschesten Jungen aus der Parallelklasse besorgte, weil man es nach zweieinhalb Alkopops für eine gute Idee hielt, ihm "einfach mal nett zu schreiben". Den Rest des Schuljahrs übte man sich dann in Unsichtbarkeit.

Oder Jahre später, als man der Bekannten via Sprachnachricht eine Menge Unflätigkeiten zukommen ließ, weil sie sich blöd verhalten hatte und nicht ans Telefon ging und man doch irgendwo hin musste mit seinem Ärger, der zwei Stunden später sowieso verraucht gewesen wäre.

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Beginnt jetzt also ein neues, peinlichkeitsbefreites Leben? Wer nach der ersten Euphorie noch ein bisschen nachdenkt (ein Trick, der sich in vielen Lebenslagen lohnt), dem kommen Zweifel.

Schon allein wegen der Rahmenbedingungen. Die harmloseste zuerst: Das Getippte verschwindet nicht spurlos, ein verräterischer Hinweis bleibt: "Diese Nachricht wurde gelöscht". Gut, wer nicht ganz daneben ist, wird auf Nachfrage eine Erklärung herbeiflunkern können. Hat man halt aus Versehen der falschen Person geschrieben. Oder man wollte eine Bohrmaschine leihen, hat dann aber schon von anderer Stelle eine bekommen und die Nachricht aus leseökonomischen Gründen wieder entfernt.

Schon etwas schwerer wiegt die Sache mit den sieben Minuten. Das ist der Zeitraum, in dem man eine Nachricht löschen kann. Warum auch immer. In sieben Tagen erschuf Gott die Erde, in sieben Minuten kann sich der Whatsapp-Nutzer entscheiden, ob er möglicherweise existenzgefährdende Nachrichten so stehen lassen will - oder nicht.

Das Ding ist ja: Bevor man eine potenziell peinliche Nachricht versendet, überlegt man auch so schon recht lang. Soll ich das schicken? Oder lieber nicht? Ehrlichkeit ist doch wichtig! Aber eventuell mache ich mich dann zum Horst! Aber vielleicht entsteht daraus die Romanze des Jahrhunderts! Aber wenn nicht, muss ich mir einen neuen Planeten suchen! Und so weiter. Das Hin und Her wird durch die sieben Zusatzminuten nur verlängert. Soll ich das löschen? Oder nicht?

Es sei denn, der Moment des Abschickens hatte reinigende Wirkung. Das soll ja vorkommen. "Was habe ich getan?" - wer sich diese Frage trotz vorheriger Abwägung stellt, der dürfte tatsächlich glücklich über die Löschfunktion sein. Genauso wie Menschen, die versehentlich private Details an die Großfamiliengruppe geschickt haben oder die Einkaufsliste an den Whatsappkanal der SZ.

Bleibt die unschöne Tatsache, dass man wohl nie ganz sicher sein wird, ob das Getippte auch wirklich ungelesen blieb. Wer weiß, was in den bis zu sieben Minuten zwischen Senden und Löschen passiert ist? Womöglich ist die Nachricht beim Empfänger gar im Sperrbildschirm aufgetaucht. Während man früher zumindest mit Bestimmtheit wusste, sich unmöglich verhalten zu haben, bleibt jetzt ein nagender Zweifel.

Überhaupt. Ist es nicht schön, manche Dinge einfach nicht zurücknehmen zu können? In Zeiten der ewigen Unverbindlichkeit, in denen man Geburtstagseinladungen auf Facebook mit "vielleicht" beantwortet und Treffen spontan auf später und noch später verschiebt? Wer löscht, weiß schließlich nie, was passiert wäre, hätte er die Nachricht doch stehenlassen. In ihrer ganzen peinlichen Schönheit.

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