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Dem Geheimnis auf der Spur:Der falsche Waldemar

Der falsche Waldemar / Burger

Selbstbewusster Hochstapler: Darstellung des falschen Waldemar aus dem 19. Jahrhundert

(Foto: picture-alliance / akg-images)

Im Jahr 1348 erscheint ein Pilger in Wolmirstedt im heutigen Sachsen-Anhalt und behauptet, er sei der alte Markgraf von Brandenburg. Die Geschichte eines legendären Hochstaplers.

Von Florian Welle

Seit letztem Sommer erinnert an der Giebelseite der Wolmirstedter Schlosskapelle eine Bronzetafel an die Köpenickiade, die sich dort einst zugetragen hat. "Im Jahr 1348 erschien auf der Wolmirstedter Burg ein Mann in Pilgerkleidung", ist da zu lesen. "Er legitimierte sich als Markgraf Waldemar von Brandenburg mit einem Siegelring und erhob Anspruch auf die Herrschaft. Erzbischof Otto von Magdeburg, der auf der Burg weilte, erkannte dadurch seine Identität an."

Was auf einer Tafel kurz und bündig klingen muss, hatte Willibald Alexis in einem dicken Historienroman mehr als 150 Jahre früher dramatisch ausgeschmückt. In "Der falsche Woldemar" lässt er den Erzbischof angesichts des älteren Pilgers ausrufen: "Hilf mir, Sanct Moriz! Der Markgraf von Brandenburg lebt. Das ist Woldemars Ring. Sein Siegelring, den er nimmer vom Finger that."

Bis heute gibt die Geschichte vom falschen Waldemar bzw. Woldemar - beide Versionen sind geläufig - Rätsel auf. Kaum zu glauben, was sich in der Mark Brandenburg von 1348 an bis zum Frühjahr 1350 ereignete. Der Markgraf galt bei seinem kuriosen Wiedererscheinen nämlich seit 29 Jahren als tot.

Der echte Waldemar, den die "Allgemeine Deutsche Biographie" 1896 als einen "besonders glänzenden Vertreter des rittermäßigen, thatenfrohen Fürstenthums des späteren Mittelalters" bezeichnet, starb kinderlos bereits 1319 mit 28 Jahren in Bärwalde und wurde dann im Kloster Chorin beigesetzt.

Wie konnte der Pilger, der im Frühjahr oder Sommer des ersten großen Pestjahres 1348 plötzlich aufgetaucht war, nicht nur den Erzbischof, sondern alle hochstehenden Persönlichkeiten und die Bevölkerung davon überzeugen, er sei der leibhaftige Waldemar von Brandenburg? Er argumentierte, den Tod vorgetäuscht zu haben, um ein Gelübde einzulösen und auf Pilgerfahrt ins Heilige Land zu gehen.

Der Grund für Waldemars jahrzehntelanges "Ich bin dann mal weg" seien Gewissensbisse gewesen wegen der Ehe mit der allzu nah verwandten Agnes von Brandenburg. Willibald Alexis legte dem zurückgekehrten Büßer die reuigen Worte in den Mund: "Ja Woldemar hieß ich, jetzt bin ich ein Pilger auf dieser Erde, und habe kein Haus, das mein ist, und suche kein Haus, das eines Andern ist, als das eine kleine Haus, das Jedes ist, und noch Keinem, der daran klopfte, ward die Thür verschlossen."

Auch im wirklichen Leben gingen für den angeblichen Waldemar überraschend erst mal alle Türen auf. War er ein geschickter Hochstapler, der alle zu täuschen wusste, oder Werkzeug einer Intrige? Wenn Letzteres stimmen sollte: Erkannten diejenigen, die von seiner Rückkehr profitierten, spontan ihre Chance, als der falsche Waldemar vor ihnen stand oder war ihr Komplott von langer Hand geschmiedet? Denn woher soll dieser den Siegelring gehabt haben?

Die "Allgemeine Deutsche Biographie" schlussfolgerte einst forsch: "... daß wir in ihm nicht einen Betrüger, sondern einen in gutem Glauben handelnden Irrsinnigen zu erblicken haben, dessen fixe Idee von Anderen zu politischen Zwecken ausgenützt wurde."

Für die Gegner der Wittelsbacher tauchte der falsche Waldemar zur rechten Zeit auf

So oder so: Pseudo-Waldemar muss Ähnlichkeit mit dem echten Markgrafen gehabt haben, der von kleiner, kräftiger Statur war. Auch muss sein Auftreten als Regent überzeugt haben. Daher fällt auf der Suche nach der Identität ein Name immer wieder: Jakob Rehbock. Der Müllergeselle aus Hundeluft, Geburtsjahr unbekannt, hatte dem tatsächlichen Waldemar nicht nur gedient, sondern soll ihm auch ähnlich gesehen haben. Mehr als eine Vermutung ist dies nicht, und so bleibt die wahre Person hinter dem schauspielernden Waldemar weiterhin im Dunkeln.

Die Frage, wer in den machtpolitischen Wirren der Zeit einen Vorteil von der Wiederkehr hatte, dürfte auf die vielversprechendste Spur führen. Dazu muss man wissen, dass die Linie der brandenburgischen Askanier 1320 mit dem Tod von Waldemars Nachfolger, dem unmündigen Vetter Heinrich dem Jüngeren, erlosch.

Drei Jahre später belehnte der Wittelsbacher König Ludwig der Bayer seinen Sohn Ludwig den Älteren mit der Mark Brandenburg und beendete damit das Brandenburgische Interregnum. Über den Dynastiewechsel im Land herrschte gehöriger Unmut, der sich auch nicht gelegt hatte, als Ludwig der Bayer im Oktober 1347 starb und der zuvor von seinen Anhängern zum Gegenkönig ausgerufene Karl IV. von Böhmen aus dem Hause der Luxemburger alleiniger deutscher König wurde.

Für alle Gegner der Wittelsbacher tauchte der falsche Waldemar genau zur rechten Zeit auf, wenn er nicht sogar eigens für das Täuschungsmanöver aufgebaut worden war. Zu ihnen zählten unter anderem der Erzbischof von Magdeburg, die Fürsten von Sachsen und Anhalt und nicht zuletzt Karl IV. Sie alle wollten die Wittelsbacher loswerden und identifizierten den Pilger nach laxer Prüfung nur zu gern als wahrhaftigen Markgrafen. Im Oktober 1348 belehnte ihn Karl IV. mit der Mark Brandenburg.

Die Folge: Scharmützel und Krieg. Erst als Karl der Gegenwind der Wittelsbacher zu scharf wurde, schwenkte er radikal um. Im Frühjahr 1350 erklärte er den einstigen Günstling offiziell zum Scharlatan und gab die Herrschaft an die Bayern zurück. Das Schicksal meinte es aber gut mit dem bluffenden Waldemar. Bis zum Tod 1356 lebte er ehrenvoll am fürstlichen Hofe in Dessau.

Das Fazit, das das "Lexikon des Mittelalters" zieht, behält bis auf Weiteres seine Gültigkeit: "Es wird stets ungeklärt bleiben, inwieweit Pseudo-Woldemar spontan und eigenständig agierte oder bewusst gelenkt und von Karl IV. nach politischem Kalkül fallengelassen wurde."

© SZ vom 10.04.2021/odg
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