Massaker in Norwegen Giske erinnert sich noch, wie schwer der Sarg war

Als Giske am 22. Juli 2011 die ersten Schüsse hört, dauert es, bis er versteht, was los ist. "Da war plötzlich dieser Typ, der so gerannt ist, wie ich es in meinem Leben noch nie gesehen habe. Voller Panik." Erst jetzt wird ihm klar, dass er fliehen muss. Sie sind ungefähr zu acht, als die MS Thorbjørn ablegt. Giske kauert neben den anderen auf dem Boden des Decks, auch als sie sich schon Hunderte Meter von Utøya entfernt haben.

Etwa eine Stunde später steht Johannes Dalen Giske auf einem Campingplatz am Ufer des Tyrifjords. Dort kommen die Jugendlichen an, die sich ins Wasser gestürzt haben. Auf der Flucht vor den Schüssen. Giske umarmt sie, spendet Trost, funktioniert. Einem Mädchen gibt er seine Schuhe, die Füße bluten. Als es schon dunkel ist, sitzt er mit einem Kollegen in einem Caravan von belgischen Touristen. Die Urlauber bringen die beiden zum Hotel Sundvolden. Der Ort, der zur Anlaufstelle für die Traumatisierten wurde. Auf dem Weg dorthin sieht er einen Krankenwagen hinter dem anderen. "Für mich war es wie eine Szene aus einem Horrorfilm. Fast immer gibt es diesen Moment, wenn das Schlimmste vorbei ist. Dann zieht die Kamera auf, im Hintergrund spielen ein paar Streicher, und das ganze Ausmaß der Zerstörung wird klar."

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Diderik, Johannes Dalen Giskes bester Freund, wurde am 5. August beerdigt. Giske erinnert sich noch, wie schwer der Sarg war. "Diderik war ein großer Junge, ungefähr 1,90." Wenn er über ihn spricht, fallen Wörter wie charmant, herzlich, schlau. Das erste Mal sahen sich die beiden auf Utøya, 2010. Giske fühlte sich damals einsam, war gerade erst von zu Hause ausgezogen. Er fand Diderik und die anderen, alle jung, alle Mitglieder bei AUF. In den ersten Monaten nach Dideriks Tod schrieb Johannes Dalen Giske manchmal auf die Facebook-Pinnwand seines besten Freundes: "Du fehlst mir."

Dideriks Name steht auch auf dem großen Metallring, der im Nordosten der Insel zwischen drei Bäumen schwebt. Giske ist gerne hier, besonders im Sommer. Auch wegen der Schmetterlinge, die dann um den Ring kreisen, weil hier spezielle Blumen gepflanzt wurden. Er mag das Denkmal, das auf Initiative der AUF entstand. "Es ist ein Kreis, es gibt niemanden, der zuerst, und niemanden, der zuletzt genannt wird. Jeder ist gleich viel wert." Ein staatliches Denkmal gibt es auch siebeneinhalb Jahre nach dem 22. Juli 2011 nicht.

Manche sind wütend auf die Regierung, die kein würdiges Denkmal findet

"Jeder hat das Recht, wütend zu sein", sagt Giske, als er vor dem großen Metallring steht. Viele haben der Polizei Vorwürfe gemacht, warum es so lange gedauert hat, bis sie den Täter stoppten. Manche waren wütend auf die AUF, weil hier seit 2015 wieder Ferienlager stattfinden. Andere auf die Regierung, die es nicht auf die Reihe bekommt, ein würdiges Denkmal zu finden.

Giske war wütend auf die Medien. Er ging davon aus, dass Breivik ihn auf dem Boot gar nicht wahrgenommen hatte. Dass sie zwei Fremde waren. Dann öffnet er an einem Sonntag im November 2011 um 23 Uhr eine norwegische Nachrichtenseite. Dort steht: Der Täter hat ihn nur nicht erschossen, weil er dachte, dass er kein Parteimitglied wäre. Breivik nannte das im Nachhinein einen "taktischen Fehler". Johannes Dalen Giske sagt: "Sie haben das einfach geschrieben, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, was das für mich bedeutet." Die Journalisten hatten Zugang zur Rekonstruktion der Polizei, die mit Breivik, gefesselt und schwer bewacht, auf die Insel zurückkehrte.

Giske kommt regelmäßig nach Utøya, er hat sich dafür eingesetzt, dass hier wieder gezeltet wird. Dass Breivik nicht gewinnt. Manchmal begleiten ihn norwegische Schüler, die sich freiwillig gemeldet haben. Sie übernachten auf Utøya, sprechen über den Anschlag, über Demokratie und Hate-Speech. "Wir sollten weniger hassen." Einer der Sätze, die Johannes Dalen Giske an diesem Wintertag immer wieder sagt. Seine Art, mit dem 22. Juli 2011 umzugehen. Es ist halb vier am Nachmittag, als er noch ein Foto vom Hauptgebäude macht, das er am Abend auf Instagram posten wird. Ein Bild von der Insel, die er nicht Breivik überlassen will.

Dann legt die MS Thorbjørn ab und Utøya wird kleiner und kleiner.

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