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Übergewicht in den USA:Die Gegenoffensive der Fetten

Die Gegenoffensive der Fetten kommt im richtigen Moment. Trotz der gelegentlichen Empörung über die anorektischen 16-Jährigen, die der Welt als Ideal vorgehalten werden, trotz des Erfolgs einiger kurioser Abweichler wie Beth Ditto, ist der fette Mensch zum Symbol persönlichen und gesellschaftlichen Versagens geworden.

Das hat auch mit der wechselnden Konjunktur der Gesundheitsbedrohungen zu tun: Von Ronald Reagans "War on Drugs" ist nicht mehr geblieben als Polizeiroutine. Zu Aids ist alles gesagt. Die Ächtung des Rauchens ist ein Selbstläufer geworden. So wurde der Kampf gegen die Fettleibigkeit zum Disziplinierungsprojekt der Stunde.

Schulbehörden streichen Fritten und Burger aus den Schulmenüs. In New York ist eine Steuer auf Soft Drinks im Gespräch. Restaurants sollen demnächst die Kalorienwerte ihrer Gerichte angeben. Und Michelle Obama mahnt Schüler bei der Arbeit im Gemüsegarten des Weißen Hauses, dass nicht nur das Happy Meal von McDonald's glücklich macht.

Die Medien liefern die illustrierende Begleitung - und nicht nur mit der unaufhörlichen Parade schöner dünner Menschen: Der Film "Precious" führt drastisch vor, wie Fettleibigkeit, Armut und Bildungsmangel zusammenhängen, während die Abnehmshow "The Biggest Loser" den Dicken ihre Läuterung und Wiedergeburt als Dünne vorschreibt: eine zwar sportlich-spaßige, aber auch unvermeidliche Pflicht.

Langfristig abnehmen? "Unmöglich!"

Ob zynisch, wohlmeinend oder wissenschaftlich abgesichert: die Leute von Fat Pride empfinden jedes Sprechen über Körpergewicht als diskriminierend, solange es das Ziel ist, dieses zu verringern. "Da die Menschen nun einmal die Körper haben, mit denen sie geboren sind, sollte es darum gehen, dass sie lange und glücklich mit diesen leben können", sagt Esther Rothblum, die in San Diego Women's Studies lehrt und Mitherausgeberin des Fat Studies Reader ist. Langfristig abzunehmen sei "unmöglich", behauptet sie. Die Utopie, jeder könne den Körper haben, den er wolle, wenn er hart genug an sich arbeite, sei ein Märchen, erfunden von denen, die damit Millionen verdienen.

Nicht Ernährung, Milieu und Lebensgewohnheiten seien schuld an der Fettleibigkeit, sondern völlig normale Variationen in der genetischen Ausstattung: "Nehmen Sie eine Gruppe fetter Menschen und geben Sie ihnen das gesündeste Essen. Ich wette 100.000 Dollar mit Ihnen, dass sie nach einem Monat genauso viel wiegen wie vorher." Und das sei auch gut so.

Dass Übergewichtige häufiger an Diabetes, Bluthochdruck und Herzkrankheiten litten, sei ein Mythos. In ihrem Buch führt sie allerhand Statistiken auf, nach denen Fette sogar länger und gesünder leben.