Tag der offenen Gesellschaft Räume für den Austausch schaffen

So ähnlich sagt das auch Konstantin Welker, der Kampagnen für die Offene Gesellschaft plant: "Als die Stimmung 2015 gekippt ist, hatten wir den Eindruck: Das liegt eigentlich gar nicht an den Geflüchteten. Sondern daran, dass es keine Räume gibt darüber zu reden, wie wir uns unsere Gesellschaft vorstellen." Er steht auf dem Tempelhofer Feld in Berlin-Neukölln, etwa 16 Kilometer entfernt von jenem in Marzahn, und baut mit anderen Initiatoren Zelte, Tische und Infostände auf.

Später soll hier zum Beispiel noch die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli sprechen, zuständig für ehrenamtliches Engagement - und Reizfigur der Rechten. Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck unterstützt die Initiative, ebenso die Schauspielerin Katja Riemann und die Moderatorin Dunja Hayali, die in Berlin ihren eigenen Tisch aufbietet. In Marzahn sitzt die Vizepräsidentin des Bundestags Petra Pau mit am Tisch. Auch in anderen Städten hat die Initiative namhafte Unterstützer, zum Beispiel das Schauspielhaus Stuttgart.

Auch das Walddorf Straberg, Oberkrämer und Zirndorf sind dabei

Mascha Roth freut sich aber an diesem Tag über etwas anderes noch mehr. Sie koordiniert die vielen Tische deutschlandweit und sagt: "Beim letzten Mal war noch sehr viel in Städten - diesmal musste ich bei vielen Tischen erst einmal den Ort nachschlagen, weil ich ihn nicht kannte." Der Tag der offenen Gesellschaft sei regionaler geworden, auf Twitter und der Webseite der Initiative laufen Bilder aus dem Walddorf Straberg, aus Oberkrämer und Zirndorf ein. "Wenn man sich das anguckt, dann bekommt man ein ganz anderes Bild von Deutschland."

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Dabei ist das Bekenntnis zur offenen Gesellschaft nicht überall so leicht wie hier. Auf dem Tempelhofer Feld ist jedes Wochenende Tag der offenen Gesellschaft, ganz ohne Aufforderung. An diesem Samstag feiert eine türkische Familie einen Geburtstag unter einem eigens angeschleppten Pavillon, mehrere Familien picknicken unter einem mit Girlanden geschmückten Baum, zwei Mädchen ziehen auf Inline-Skates Drachen hinter sich her, zwei Frauen küssen sich auf einer Bank. Wer all das nicht erträgt, kommt nicht hierher.

"Das ist natürlich eine ganz andere Voraussetzung für einen Tisch als zum Beispiel in Kandel", sagt Mascha Roth. Kandel ist die Stadt, die Auswärtige nur kennen, weil dort ein junger Flüchtling ein Mädchen erstochen hat. Seitdem nutzen Rechte die Stadt für Proteste und Kundgebungen. Doch auch hier hat ein Verein einen Tisch angemeldet.

Sie wollen sich nicht irre machen lassen

Und auch die Initiatoren selbst wollen sich nicht in Berlin einigeln. Sie sind zum Beispiel im vergangenen Jahr mit einem Bus durch jene Regionen getourt, die inzwischen so gern das Adjektiv "abgehängt" angehängt bekommen. "Da ist uns auch Misstrauen entgegengeschlagen", sagt Konstantin Welker. "Wer seid ihr, was wollt ihr hier, wer finanziert euch, seid ihr von der Kirche, von einer Partei?" Dennoch seien oft erstaunliche Gespräche entstanden, über Zusammenhalt und Werte, die Vergangenheit und die Gegenwart.

Dabei müsse es auch nicht immer im strengen Sinne politisch zugehen. "In den vergangenen Jahren bekamen wir von vielen Menschen die Rückmeldung: Es war einfach schön, mal mit Leuten zu reden, die man nicht kannte." Und eben auch mit Leuten, die eine andere Meinung haben als man selbst. Denn was genau eine offene Gesellschaft ist, das wollen die Initiatoren gerade nicht definieren.

Da dürfen sich höchstens jene ausgeschlossen fühlen, für die "offen" und "tolerant" Schimpfworte sind. Auch von denen gibt es inzwischen einige, das weiß, wer hin und wieder Facebook und Twitter öffnet oder auch einfach im Biergarten, in der Kneipe, auf der Straße die Ohren offen hält. Ob dagegen Zuhören und Reden hilft, ob gegen Wut und Hass nicht auch etwas mehr Wut und deutliche Worte angebracht wären - darüber streitet sich die deutsche Mitte seit Monaten, ja, Jahren. Eine Antwort gibt der Tag der offenen Gesellschaft nicht. Aber immerhin eine Ahnung, dass es in Deutschland Menschen gibt, die sich schlicht weigern "irre zu werden" an der Flüchtlingsfrage, wie es Ex-Außenminister Sigmar Gabriel befürchtet. Darauf einen Kartoffelsalat.

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