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Studie: Bedürfnisse älterer Menschen:Klarheit statt Seniorenteller!

Die Ernährungsbranche in Deutschland hat sich noch nicht ausreichend auf die Bedürfnisse von Menschen über 50 eingestellt. Das ist das Ergebnis einer Studie.

"Nein, ich will keinen Seniorenteller!" - so lautet der Titel eines Romans, in dem die 65-jährige Autorin Virginia Ironsides versucht, würdevoll zu altern, ohne den typischen Klischees zu erliegen.

Seniorin ist ein Eis

Die meisten Produkte gehen an den Bedürfnissen älterer Menschen vorbei - das hat eine Lebensmittel-Studie ergeben.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Dass die Britin sich mit ihrer Einstellung in guter Gesellschaft befindet, belegt nun eine Studie des Zentrums für Lebensmitteltechnologie (ZLT) in Mecklenburg-Vorpommern. Das Ergebnis: Die Ernährungsbranche in Deutschland geht suf die Bedürfnisse von Menschen über 50 nicht genügend ein.

"Ältere wollen regionale Lebensmittel, eindeutige Kennzeichnungen und einfach zu öffnende Verpackungen", sagte ZLT-Leiter Holger Gniffke in Neubrandenburg. In der Gastronomie sollte es drei Größen von Gerichten - S, M, L - geben, statt der mancherorts noch angebotenen "Seniorenteller".

Bei der Studie testeten 48 Frauen und Männer im Alter von 50 bis 76 Jahren über ein Jahr verschiedene Lebensmittel von 30 Unternehmen. "Diese Gruppe ist durchaus interessant für die Hersteller, sie verfügen meist über genug Geld und kaufen bewusster ein als Jüngere", erläutert der Lebensmittelexperte.

Wenn die Ergebnisse der Studie genügend beachtet würden, könne der vielzitierte 'demografische Wandel' auch als Chance für die Gesundheitsbranche gesehen werden. "Die Testprodukte waren unter anderem Wurst, Fisch, Milchprodukte, Kekse, Säfte, Spirituosen und Gemüse", erläutert der Versuchsleiter Patrick Röhl. Sprossen, die den EHEC-Erreger verbreitet haben sollen, waren nicht darunter.

Die Testpersonen saßen nach einer Schulung in kleinen Kabinen und erhielten über Klappen mehrere Varianten eines Produktes auf einem Tablett, ohne sich mit dem Nebenmann oder der Nebenfrau austauschen zu können. Auf einer Skala von 1 bis 9 wurde das Produkt bewertet. Merkmale waren unter anderem: Aussehen, Farbe, Geruch, Geschmack und Textur sowie eine praktikable Verpackung. "Ein Molkedrink mit Gemüse drin fiel dabei anfangs gleich durch", erinnert sich Röhl.

Die Ergebnisse überraschten die Experten selbst. "Wie wichtig die Verpackung ist, hätte ich nicht gedacht", gesteht Gniffke. So wollten Ältere meist kleinere und vor allem gut zu öffnende Verpackungen. "Manche Milchpackung fällt da durch." Die Wurst sollte generell weniger salzig und weicher sein. Milchmischgetränke seien oft zu süß. "Und ganz wichtig sind die Hinweise auf der Packung, die auf Deutsch und gut verständlich sein sollten", lautet die Auswertung. Jede "Verdenglischung" sollte vermieden werden.

Hintergrund der weniger gesunden Ernährung vieler Menschen ist laut Gniffke die Geschmackswahrnehmung, die sich beim Menschen seit 10.000 Jahren nicht gewandelt habe. "Männer mögen immer noch eher Zartbitter-Schokolade, Frauen eher süße Schokolade und Tees", ist Gniffkes Beobachtung. Und Kinder essen gern süß und fettig.

Insgesamt, so der Lebensmitteltechnologe Röhl, sind die geschmacklichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern deutlich größer als zwischen den verschiedenen Altersgruppen.

Inzwischen spiele aber der Gesundheitsaspekt ab 50-plus eine größere Rolle: "Die Leute wollen gern genau auf der Verpackung lesen, wenn ein Produkt gesundheitsfördernd ist", sagt Gniffke. Das sei in Deutschland problematisch, da sich die Pharmaindustrie gegen die Ernährungsbranche stark abschotte. Deshalb seien teure wissenschaftliche Untersuchungen vor einer entsprechenden Etikettierung nötig.

Bei der Becel-Margarine habe ein Konzern einmal die Kosten auf sich genommen - die Summe belief sich auf rund 100 Millionen Euro.

© sueddeutsche.de / dpa/vs

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