Sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch Was aus den "Me Too"-Fällen geworden ist

Demonstrantinnen in Los Angeles, die gegen sexuelle Gewalt auf die Straße gehen. Mit dem Fall Harvey Weinstein gewann die "Me Too"-Debatte an Wucht.

(Foto: AP)

Im Oktober 2017 lösten Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen Harvey Weinstein eine weltweite Bewegung aus: "Me Too". Seitdem wurden viele weitere Personen beschuldigt. Ein Überblick über die einzelnen Vorwürfe und den Stand etwaiger Ermittlungen.

Von Kathleen Hildebrand, Tobias Kniebe, David Steinitz und Hannes Vollmuth

Welche Wucht die "Me Too"-Bewegung entfaltet hat, die im Oktober 2017 begann und bis heute anhält, konnte man in den vergangenen Tagen an den Spekulationen ablesen, die vor der Vergabe des Friedensnobelpreises die Runde machten. Es war doch tatsächlich auch der Name Tarana Burke zu vernehmen. Burke, afroamerikanische Bürgerrechtlerin, hatte "Me Too" schon vor mehr als zehn Jahren ins Leben gerufen. Ins öffentliche Bewusstsein rückte die Bewegung aber erst mit dem Namen Harvey Weinstein. Und die Schockwellen sind noch immer zu spüren, überall auf der Welt, in annähernd allen Gesellschaften und Milieus. Selbst der Literaturnobelpreis war davon betroffen: Er wird in diesem Jahr nicht vergeben. Ob es im kommenden Jahr wieder klappt - wer weiß. Tarana Burke hat den Friedensnobelpreis nicht bekommen. Was nichts daran ändert, dass die weltweite Unterhaltungsindustrie seit "Me Too" eine andere ist. Mit anderen Menschen, anderen Verhaltensregeln und einem anderen Bewusstsein. Mächtige Männer (es waren vor allem Männer) mussten gehen, egal wie lang ihr Wikipedia-Artikel war. Sie fielen, verloren ihre Jobs, verschwanden, zogen sich zurück und loten gerade erst vorsichtig aus, ob eine Rückkehr möglich ist, wenn überhaupt jemals. "Me Too" klebt heute auf einigen großen Namen. Aber was ist mit ihnen seitdem passiert? Gab es Untersuchungen, Prozesse? Wo sind Weinstein & Co. eigentlich jetzt? Eine Übersicht zu den wichtigsten Fällen nach einem Jahr. dbs

Harvey Weinstein

Wer? Harvey Weinstein, 66, US-Produzent ("Pulp Fiction").

Was ist passiert? Am 5. Oktober 2017 erschien in der New York Times ein Artikel, der rekonstruiert, wie Weinstein über Jahrzehnte Frauen missbraucht hat, darunter die Schauspielerinnen Ashley Judd und Rose McGowan. Der Text löst eine Lawine von Anschuldigungen aus, unter anderem werfen ihm die Schauspielerinnen Asia Argento und Paz de la Huerta Vergewaltigung vor. Mittlerweile haben sich über 80 Frauen zu Wort gemeldet, die ihm Vergehen anlasten. Weinstein räumt Fehlverhalten ein, leugnet aber alle strafrelevanten Vorwürfe.

(Foto: Steven Hirsch/AFP)

Stand: In einigen Fällen wurde Strafanzeige gestellt, die Polizei ermittelt in London, Los Angeles und New York. Anklage hat bislang nur die Staatsanwaltschaft von New York erhoben. Am 25. Mai 2018 stellte sich Weinstein freiwillig der Polizei und wurde dem Haftrichter vorgeführt. Nach einer Kautionszahlung von einer Million US-Dollar ist er derzeit auf freiem Fuß, musste aber seinen Pass abgeben und trägt einen GPS-Tracker, um seinen Aufenthaltsort lokalisieren zu können. Der Prozess soll im November beginnen, weitere könnten Folgen. Weinsteins Ehefrau Georgina Chapman hat ihn verlassen, alle wichtigen Verbände haben seine Mitgliedschaft aufgekündigt, darunter die Oscar-Academy. Seine Firma The Weinstein Company hat Insolvenz angemeldet. dbs

Kevin Spacey

(Foto: Melinda Sue Gordon/HBO)

Wer? Kevin Spacey, 59, US-Schauspieler und Oscarpreisträger.

Was ist passiert? Im Oktober 2017 sagte der Schauspieler Anthony Rapp in einem Interview, Spacey habe ihn im Jahr 1986, als Rapp 14 Jahre alt war, auf einer Party sexuell belästigt. Spacey veröffentlicht daraufhin ein Statement, in dem er angibt, "entsetzt" zu sein und sich an den Vorfall nicht erinnern zu können; gleichzeitig outet er sich als schwul. In den folgenden Monaten melden sich immer mehr Männer zu Wort, die dem Schauspieler Missbrauch vorwerfen. Zum Beispiel Mitarbeiter der Netflix-Serie "House of Cards", aber auch des Old Vic-Theaters in London. Zuletzt reichte in dieser Woche ein ehemaliger Masseur beim Bezirksgericht von Los Angeles Klage ein, weil Spacey ihn 2016 sexuell belästigt haben soll.

Stand: In einem Missbrauchsfall aus dem Jahr 1992 hat die Staatsanwaltschaft von Los Angeles gerade angekündigt, keine Anklage zu erheben, da der Fall verjährt sei. In anderen Fällen ermittelt die Polizei in Los Angeles sowie in London weiter, hier könnte es noch zu Prozessen kommen. Nachdem die Missbrauchsvorwürfe bekannt wurden, schnitt der Regisseur Ridley Scott Spacey aus seinem bereits abgedrehten Film "Alles Geld der Welt" heraus. Der Streaming-Dienst Netflix feuerte ihn als Hauptdarsteller von "House of Cards", die letzte Staffel der Serie wurde ohne ihn gedreht und soll im November online gehen. Spacey hat sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist nicht bekannt. dbs

Louis C.K.

(Foto: RW/MediaPunch/IPx)

Wer? Louis C. K., 51, US-Comedian und Schauspieler, Schöpfer der TV-Serie "Louie". Spielte in "American Hustle" und "Blue Jasmine" mit (beide 2013).

Was ist passiert? Am 9. November 2017 veröffentlichte die New York Times einen Bericht, in dem fünf Frauen dem Komiker sexuelle Belästigung vorwerfen: C. K. soll sich vor ihnen ausgezogen und sie genötigt haben, ihm beim Masturbieren zuzusehen - so geschehen in den späten 90ern und frühen 2000ern. Am Tag drauf schrieb C. K. in der Times: Alle Beschuldigungen seien wahr. Er habe gedacht, es sei in Ordnung, einer Frau seinen Penis zu zeigen, wenn er sie vorher frage. Jetzt werde er eine Auszeit nehmen und lange nur zuhören.

Stand: Die Auszeit dauerte genau neuneinhalb Monate. Ende August trat er unangekündigt im New Yorker Comedy-Club "Comedy Cellar" auf und präsentierte 15 Minuten lang neues Material in typischer Louis-C. K.-Manier. Er soll sehr entspannt gewirkt haben. muth