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Sexismus-Debatte:Sexuelle Signale sind erlaubt

Natürlich stimmt es, dass Frauen und Männer über Kleidung und Haltung - unbewusst oder bewusst - sexuelle Signale aussenden, die vom Gegenüber interpretiert werden. Attraktivität - auch sexuelle - ist uns extrem wichtig: Unglaublich viel Geld wird in (hoffentlich vorteilhafte) Kleidung gesteckt, Menschen quälen sich in Fitness-Studios, um rank und schlank zu sein, sie lassen sich für viel Geld frisieren und sogar operieren. Wer will nicht schön sein? Vor allem aber: Wer will nicht begehrt werden? Das alles hängt unmittelbar zusammen.

"Wir punkten mit unserem Aussehen, gelten als das schöne Geschlecht, schnüren uns die Brüste hoch beim Oktoberfest, aber nein, wir wollen damit keine Aufmerksamkeit, wir wollen damit nur unsere inneren Werte betonen", schreibt Kelle ironisch, und weist auf die Sendung "Bachelor" hin, in der man mehr lerne "über Frauen als durch 100 feministische Bücher".

Das ist in dieser Pauschalität übertrieben, aber nicht völlig falsch. Es wäre albern, zu behaupten, ein tiefer Ausschnitt sei für Männer kein Blickfang oder dürfte sie nicht ablenken. Es ist merkwürdig, wenn Frauen, die Wert darauf legen, attraktiv zu sein, zugleich erwarten, dass Männer nicht darauf reagieren. Das Gleiche gilt natürlich auch umgekehrt.

Die Frage ist aber, wie reagiert wird. Hier liegt der Kern des Sexismusproblems.

Sexuelle Signale sind erlaubt - unangemessene Reaktionen nicht

Es ist einfach nur dumm zu sagen, Frauen wären doch selbst schuld, wenn sie plump angemacht würden. Kleidung und Haltung rechtfertigen grundsätzlich keine anzüglichen Bemerkungen und entschuldigen schon gar nicht Schlimmeres. Selbst wenn eine freizügige - sagen wir ruhig aufreizende - Kleidung für viele Männer signalisiert, dass eine Frau Interesse an Sex zu haben scheint, heißt das noch lange nicht, dass diese Interpretation des Stammhirns richtig ist.

Sollte eine Frau ihre Reize aber tatsächlich auf diese Weise einsetzen, um sexuell attraktiv zu wirken, bedeutet das noch immer nicht, dass sie die Aufmerksamkeit von jedem Kerl will, dem sie begegnet. Und das Äußere hat grundsätzlich nichts damit zu tun, wie eine sexuelle Beziehung auf akzeptable Weise angebahnt wird.

Akzeptabel ist nur, was sich jederzeit und ohne negative Folgen für beide abbrechen lässt. Das gilt auch schon für ein Gespräch. Und es gilt unabhängig vom Geschlecht, der sexuellen Orientierung, der Situation der Beteiligten, ihrer Position und der Abhängigkeiten, die zwischen ihnen bestehen. Es gilt für Vorgesetzte und Angestellte, Politiker und Journalisten, Schauspieler und ihre Fans. Wer sein sexuelles Interesse auf eine Weise zeigt, wie es Rainer Brüderle angeblich getan hat, verhält sich nicht nur aufdringlich, sondern sexistisch und diskriminierend.