Sexismus-Debatte:Das hat #Metoo für uns verändert

Sexismus-Debatte: Lina Zaraket, Yazmeen Baker, Friederike Nölting und Elinor Eidt

Lina Zaraket, Yazmeen Baker, Friederike Nölting und Elinor Eidt

(Foto: Nadine Lefler Photography; Tanja Weber; Julia Tänzer; Stefan Klüter)

Im Oktober hat die SZ Schauspielerinnen zu ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Anzüglichkeiten befragt. Heute geben sie zu Protokoll, was sich seitdem verändert hat.

Von Ulrike Schuster

Seit der Affäre um den US-Produzenten Harvey Weinstein berichteten weltweit Millionen von Frauen unter dem Hashtag #metoo von sexuellen Übergriffen. Dabei wurde klar: Hollywood ist überall, auch in der deutschen Film- und Theaterbranche. Im Oktober hatte die SZ Schauspielerinnen gefragt, welche Erfahrungen sie mit sexuellen Belästigungen und Anzüglichkeiten gemacht haben. Heute, zwei Monate später, geben sie zu Protokoll, was sich seitdem verändert hat.

Lina Zaraket, 28

Lina Zaraket

Lina Zaraket ist freie Schauspielerin im In- und Ausland. Sie spielt Theater, aber auch in Kinofilmen und TV - etwa in der ARD-Serie Lindenstraße die Rolle der Meryem.

(Foto: Nadine Lefler Photography)

Die Schauspielerin kritisierte im Oktober, dass sie in der Branche oft übersehen wird, weil sie den Regisseuren nicht sexy genug ist. Sie ließ sich beim Vorsprechen unterbrechen, nach Hause schicken, sagte nichts. Heute macht sie den Mund auf und wehrt sich, wenn sich ein Regisseur weniger für ihre Leistung als für ihre Maße interessiert. Aber auch, wenn sie sich belästigt fühlt.

#Metoo hat mich empfindlicher und radikaler gemacht. Heute stört mich, was mich früher nicht gestört hat. Neulich pfiff mir ein Kerl hinterher. Ich dachte: "Nicht mit mir", drehte mich um, schaute ihm in die Augen, sagte: "Das machst du nicht nochmal." Er war sprachlos. Beim nächsten Mal war es ein Rudel 16-jähriger Buben. Sie fuhren auf der Rolltreppe an mir vorbei. Als ich oben war, hörte ich sie von unten rufen: "Hey, du geile Schlampe!" Ich rollte die Treppe wieder nach unten, schnappte mir den mit der größten Klappe und erklärte ihm, was Respekt heißt. Er schämte sich, nahm sein Käppi vom Kopf, sagte: "Ich wusste nicht, dass dich das verletzt." Ich bin überzeugt, das geht vielen Männern so. Oft wissen sie nicht, was sie tun.

#Metoo hat sich positiv ausgewirkt, Frauen selbstbewusster gemacht. Es war richtig, den Schwerenöter und den Vergewaltiger hinter demselben Hashtag zu versammeln. Das machte klar, was alles gar nicht geht. Und wie vielen Frauen es ähnlich geht. Den Ärger nicht mehr schlucken und das Wissen, damit nicht alleine zu sein - das bleibt von der Debatte.

#Metoo ist aber auch die Chance für beide Geschlechter, offener, direkter und ehrlicher miteinander zu sprechen. Was ist Sexismus, wo ist die Grenze zwischen erlaubt und nicht erlaubt? - solche Fragen kann man nicht mit standardisierten Regeln beantworten. Mann und Frau müssen das zunächst für sich klären und dann miteinander aushandeln. Kommunizieren und Konfrontieren heißt die Lösung.

Yazmeen Baker, 38

Yazmeen Baker

Yazmeen Baker, 38, lebt in Bonn und spielt mit in "Ultimate Justice" und "Kertenkele".

(Foto: Tanja Weber)

Kritisierte im Oktober, dass sie wegen ihrer kumpelhaften Art von Regisseuren oft nicht ernst genommen wird. Heute verhält sich Baker vorsichtiger, auf jeden Spaß will sie aber nicht verzichten. Ihrer Meinung nach muss sich Macht zwischen Frauen und Männern gleich verteilen.

Ich war in Hollywood, habe für eine Rolle in einem Action-Movie vorgesprochen. Drüben durchzustarten, ist im Moment kein Spaß, vielmehr eine heikle Sache. Seit Harvey Weinstein fühlen sich alle hyper-empfindlich und bemühen sich, ultra-professionell zu sein. Die früher am Set üblichen "Locker Room Talks", schlüpfrige Unterhaltungen, dürfen nur noch in den Garderoben zu hören sein. Draußen, auf den Fluren und am Set, ist der unkorrekte Witz verboten. Die Angst, Fehler zu machen, ist omnipräsent, am besten hält man den Mund - das ist die Stimmung.

Das hatte ein Kameramann wohl für einen Moment vergessen, als er eine Situationskomik kommentierte. Als ich sagte: "Das ist riesig", sagte er: "Das hat sie gesagt!". "Hört auf damit", mahnte die Tonfrau, "das bringt uns vor Gericht". Mir ist das alles eine Spur zu steif. Über den ganzen Ernst sollte der Humor nicht verloren gehen. Keinen leichtzüngigen Spaß mehr zu machen, ist ein Preis, den ich nicht zahlen will.

Dennoch: So gutgläubig wie vor #metoo bin ich nicht mehr. Männern, die ich nicht sehr gut kenne, erzähle ich nicht mehr alles. Termine vereinbare ich nur noch tagsüber im Café. Das werde ich solange tun, bis es den Machtunterschied zwischen Männern und Frauen nicht mehr gibt. Das ist die große Chance, die #metoo eröffnet: miteinander auf Augenhöhe zu kommen.

Ein Gefühl für Grenzen

Friederike Maria Nöltig, 27

Friederike Nölting

Friederike Maria Nölting, 27, lebt in Berlin, und arbeitet als freiberufliche Schauspielerin und Synchronsprecherin an wechselnden Theatern.

(Foto: Julia Tänzer)

Bereute damals, dass sie nicht den Mut hatte, sexuellen Übergriffen zu widersprechen. Den Ärger über "du Fotze" und ungleiche Bezahlung schluckte sie. Heute wehrt sie sich und überlässt die Definition der Grenzen nicht dem Mann. Sie fordert: Frauen und Männer müssen klar Ja und Nein sagen.

Im ersten Interview ärgerte ich mich sehr über einen Regisseur. Er traute sich, mir für sechs Wochen Probe 1000 Euro Gehalt zu bieten. Seine Erklärung: "Du bist eine Frau. Du wirst immer weniger verdienen als ein Mann." Ich bezeichnete seine Äußerung als sexistisch. Die Reaktionen waren: "Reg dich nicht auf, ist doch nicht so tragisch, und sexistisch schon gar nicht." Das ärgerte mich noch mehr. Verdient die Frau für die gleiche Arbeit weniger als der Mann, ist und bleibt das Sexismus. Es nicht so zu nennen, verwischt die Grenze.

Darüber, wo die richtige Grenze verläuft, wird eine hitzige Debatte geführt. Seit #metoo beteiligen sich auch immer mehr Männer daran. Sie entwickeln Feingefühl und versuchen, den richtigen Ton zu treffen. Ihre Unbedarftheit weicht einer neuen Aufmerksamkeit, wenn sie mit Frauen sprechen. Albern sie mit ihnen, dann nicht mehr bedenkenlos. Flirten sie, dann nicht mehr kopflos. Die Männer sind vorsichtig geworden. Das sensible Bewusstsein ist erwacht. Schläft es für einen Moment ein, fragen sie: "Schreibst du mich jetzt hinter den Hashtag?"

Doch ich will das Grenzenziehen nicht den Männern überlassen. Ich sehe die Frauen in der gleichen Verantwortung. Wir haben die Aufgabe, ein klares Nein oder ein klares Ja zu formulieren. Dann lässt es sich auch abends entspannt auf ein Bier treffen.

Elinor Eidt, 30

Elinor Eidt

Elinor Eidt, 30, lebt in Berlin, und spielt mit in: "Die Fallers", "Sturm der Liebe", "Im Labyrinth des Schweigens".

(Foto: Stefan Klüter)

Beklagte im Oktober, dass Männer die Grenze zwischen persönlicher Lust und professioneller Kunst nicht klar genug ziehen. Heute sieht sie den Mann in der Pflicht, sich zu emanzipieren.

Die #metoo-Debatte hat mich mutiger gemacht - wie alle Frauen, die ich kenne. Die Bedenken, als anstrengend und schwierig wahrgenommen zu werden, sind weg. Als Frau scheut man nicht mehr davor zurück, das lustige Spiel mit den Männern ernsthaft zu unterbrechen, wenn ein Kommentar despektierlich ist. Ganz im Gegenteil: Klartext zu reden, zu widersprechen, ist en vogue. Überall beobachte ich Frauen, wie sie sich darin üben. Die Männer hingegen sind in einer schweren Krise. Auf der Bühne, in jeder romantischen Szene fällt mir das besonders auf. Ich sehe geradezu, wie es im Kopf meines Schauspielkollegen rattert: Wie weit darf ich gehen? Bis wohin ist Anfassen erlaubt?

#metoo zwingt den Mann, nachzudenken. Ich finde das prima, es ist die logische Konsequenz. Nur mit Reflektion kommt der Mann durch die Emanzipation. An diese Sorte will ich glauben: Der souveräne Mann, der die Situation richtig einschätzt, macht mir Mut. Er weiß, wie weit er gehen darf. Dabei müssen die Frauen den Männern helfen. Sie sollten sie ermuntern, sensibel sein zu dürfen, ja zu müssen.

Insofern vereint die Sexismus-Debatte die Geschlechter. Sie verschafft Gerechtigkeit. Die Frau hat sich durch die letzten Jahrzehnte emanzipiert. Jetzt ist der Mann dran. Angekommen ist er, wenn er weiß, dass Macht nicht da ist, um sie zu missbrauchen. Der emanzipierte Mann geht mit Macht feinfühlig um. Weigert er sich, das zu erkennen, werden ihm die Frauen keine andere Wahl lassen.

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