Dem Geheimnis auf der Spur:Der verschollene Sarkophag

Dem Geheimnis auf der Spur: In der Menkaure-Pyramide, der kleinsten der drei Pyramiden von Gizeh, stießen Archäologen 1837 auf eine Kammer mit dem Basalt-Sarkophag.

In der Menkaure-Pyramide, der kleinsten der drei Pyramiden von Gizeh, stießen Archäologen 1837 auf eine Kammer mit dem Basalt-Sarkophag.

(Foto: imago images/Wojtek Buss)

Vor fast 200 Jahren verschwand ein Schiff spurlos, das einen spektakulären Fund an Bord hatte: den Sarkophag des Pharao Menkaure.

Von Rudolf von Bitter

Als der englische Zweimaster Beatrice am 20. September 1838 den Hafen von Alexandria in Ägypten verließ, um nach Liverpool zu segeln, barg er in seinen Laderäumen neben 100 Tonnen Ballen Baumwolle ein besonderes Stück: den enormen Sarkophag des Pharao Mykerinos, oder altägyptisch Menkaure. Das monolithische Basalt-Stück sollte dem British Museum übereignet werden, doch der wertvolle Fund kam dort nie an.

Das Rätsel um diesen Sarkophag beginnt bereits mit der Frage, ob ihn sein Entdecker, der britische Oberst Richard William Howard-Vyse, überhaupt nach England verfrachten wollte. Auf der Website des Analog Antiquarian heißt es, Vyse habe mit der Entdeckung seine Mission für erfüllt angesehen. Aber die Annahme, er habe den Sarkophag dem British Museum spenden wollen, was die Verewigung seines Namens bedeutet hätte, erscheint nicht abwegig.

Dabei hatte sich Vyse schon auf andere Weise einen Namen gemacht: als Vertreter der "Schießpulver-Archäologie". Es hatte ihm keine Ruhe gelassen, dass die Gänge und Kammern, die man bis dahin in den Pyramiden von Cheops und Chephren entdeckt hatte, offensichtlich nur einen geringen Teil des riesigen Innenvolumens ausmachten. Außerdem war kein Eingang zur Pyramide von Menkaure bekannt. "Ich kam zu dem Schluss", schrieb Vyse später, "dass sie schon aufgrund des riesigen Volumens und des wenigen bereits erschlossenen Raums viele noch ungeöffnete Kammern enthalten mussten." Mithilfe von Sprengungen erschloss er die Entlastungskammern über der Königkammer der Cheops-Pyramide. Wo das zu wenig brachte, ließ er mit Bohrspitzen an langen Stangen arbeiten. Bei der Pyramide von Menkaure, der kleinsten der drei Pyramiden von Gizeh, hatte ihn die breite Spalte in der Nordseite auf die Idee gebracht, von hier aus in das Bauwerk einzudringen.

Die Briten sprengten Steine in der Pyramide

Es vergingen Wochen und Monate mit Sprengungen und mühseligem Schuttabräumen, erst horizontal voran, später vertikal abwärts. Dann stießen die Archäologen im Juli 1837 zufällig auf einen lachhaft einfachen Zugang im Boden und mussten feststellen, dass andere Grabräuber schon da gewesen waren. Was die Briten noch vorfanden, waren Knochen: von Bein, Hand und Fuß, Rippen, Wirbel - konnten das Reste des Pharao sein? In einer Grotte genau darunter entdeckten sie einen großartigen Sarkophag aus Basalt: leer, der übliche Holzsarg fehlte, und ohne die geringste Inschrift, geschmückt nur mit Motiven in Form einer Palastfassade. "Das hätte bedeutet", vermutete Vyse, "nachdem der Sarkophag nicht bewegt worden war, dass der Holzsarg mit dem Leichnam in den größeren Raum geholt worden ist, um ihn zu untersuchen."

Nachdem Vyse begriffen hatte, dass nicht alle Pyramiden von geheimen Kammern durchsetzt waren , und es in der kleinen Menkaure-Pyramide nicht mehr viel zu finden gab, war hier für ihn nichts mehr zu tun. Im August 1837 reiste er ab und hinterließ dem britischen Generalkonsulat die Aufräumarbeiten. Die Beamten holten mithilfe weiterer Sprengungen den Sarkophag heraus, und brachten ihn im Lauf eines Jahres an Bord der Beatrice.

Doch dieser Schatz sollte niemals sein Ziel erreichen. In ihrem Loss & Casualties Book hat die Versicherung Lloyd's sich darauf beschränkt, mit Datum des 31. Januar 1839 zu erwähnen, dass die Beatrice am 20. September 1838 von Alexandria und am 13. Oktober von Malta nach Liverpool in See stach. Danach gab es keine Neuigkeiten mehr von dem Schiff. Ging die Beatrice vielleicht in einem Sturm unter? Dem British Museum zahlte die Versicherung eine Verlustentschädigung von 148 Pfund 10 Shilling.

Viele Forscher wollen angeblich wissen, wo das Wrack liegt, aber alle nennen andere Plätze

Aber in Lloyd's Register gibt es mehrere Schiffe mit dem Namen Beatrice. Am wahrscheinlichsten, so tippt der Schriftsteller und Unterwasserarchäologe David Gibbins, sei es die Beatrice mit Kapitän Wichelo gewesen, 224 Tonnen, gebaut 1827 in Quebec, und unterwegs zwischen Kanada, England und dem Mittelmeer. Die einzige vernünftige Angabe zum Verbleib des Schiffs stamme von Vyse selbst, der ohne jedes Bedauern vermerke, das Schiff habe in Livorno abgelegt und sei dann wohl an Spaniens Küste vor Cartagena gesunken, denn in der Nähe seien Wrackteile aufgelesen worden.

Der Ägyptologe Paul Boughton zählt eine ganze Reihe Forscher auf, von denen jeder einen anderen Platz weiß, wo die Beatrice mit dem Sarkophag wohl liegen müsse: zwischen Malta und Cartagena, vor der Toskana, vor Gibraltar, am Golf von Biskaya - mit dem Schluss, dass wohl nicht alle recht haben können. Und Kapitän Wichelo sei offenbar gar nicht dabei gewesen. Vielmehr sei er am 10. Oktober 1838 in Alexandria an Bord des Dampfers Blazer gegangen. Mit dieser Erkenntnis hat Boughton Wichelos Nachfahren aufgebracht, die 2011 anmerkten, Kapitän und Eigner hätten denselben Namen getragen, übrigens mit h: Whichelo.

An Absichten, das Schiff mit dem Sarkophag zu heben, hat es nicht gefehlt, doch es kam immer die Frage auf, ob Großbritannien wegen des Schiffs, Ägypten wegen des Ladegutes oder Spanien wegen der Seehoheit einen Anspruch hätten. So unternahm die auf das antike Ägypten fokussierte Privat-Stiftung Fundació Arqueològica Clos in Barcelona 1996 einen Anlauf, das Wrack zu bergen - ohne den Lageort genau zu kennen, sie wollte ihn aber als Erste ausfindig machen. Doch die Pläne liegen wegen der Bürokratie bis heute auf Eis.

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