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Protokoll einer Arbeitsvermittlerin:Manche Kunden machen mich wütend

Doch ich habe auch Kunden, die mich richtig wütend machen. Junge Männer zum Beispiel, die noch bei Mama und Papa wohnen, in meinem Büro das neueste iPhone auf den Tisch legen, Markenklamotten tragen, die ich mir nie leisten könnte. Und mir dann wortreich erklären, warum sie leider wieder keine Bewerbungen schreiben konnten. Da frage ich mich schon: Was legt ihr denn für ein Anspruchsdenken an den Tag? Die ganze Welt ist schuld, nur ich nicht - mit dieser Haltung werdet ihr nicht weit kommen.

Wenn sich jemand gar keine Mühe gibt, dann verhänge ich Sanktionen, so, wie es auch vom Gesetzgeber vorgesehen ist. Häufig beschimpfen mich dann die Kunden, werden persönlich. Dazu kann ich nur sagen: Das Problem gehört dem, der es macht - und ihr habt Euch das Problem selbst gemacht.

Wie ich euch sehe "Was genau finden Sie denn ekelhaft?"
Wie ich euch sehe

"Was genau finden Sie denn ekelhaft?"

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Schwierig ist auch die Arbeit mit Suchtkranken, das nimmt mich sehr mit. Ich betreue gerade zwei schwere Alkoholiker, bei denen ich weiß: Sie werden bald sterben. Zu einem habe ich neulich gesagt: "Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem ich den Anruf kriege, dass Sie nicht mehr sind." Er hat mich nur mit großen Augen angesehen. Ich weiß, dass er trotzdem am nächsten Morgen zum Supermarkt geht und sich seine fünf Flaschen Rotwein kauft.

Es gibt aber auch Fälle, die mir Freude bereiten, die mich sogar beeindrucken. Zum Beispiel saß mir einmal eine Frau gegenüber, die war 42 Jahre alt, wie ich. Sie kam aus Marokko, sprach kein Deutsch, hat mit 17 Jahren ihr erstes Kind bekommen, von einem gewalttätigen Mann, der sie buchstäblich an den Herd fesselte. Menschen, die kein Deutsch sprechen, einen Job zu vermitteln, ist sehr schwer. Ab einem gewissen Alter schaffen es viele auch nicht mehr, die Sprache zu lernen, sich zu integrieren. Die Frau war jedoch blitzgescheit, sehr intelligent. Sie hat es tatsächlich geschafft, sich von ihrem Mann zu trennen.

Ich habe noch nie einen Menschen so schnell Deutsch lernen sehen! Inzwischen macht sie eine Ausbildung zur Erzieherin. Eines Tages fragte sie mich: "Wo finde ich denn Freundinnen? Ich will mich mit anderen Frauen treffen!" Ich arbeite auf dem Land. Also habe ich ihr vorgeschlagen, sich an die Landfrauen zu wenden. Und jetzt steht sie mit ihrem Kopftuch auf dem Markt zwischen den Landfrauen und verkauft selbstgehäkelte Topflappen.

All diese Erlebnisse machen mir bewusst, wie unterschiedlich Leben verlaufen können - und wie wenig Menschen manchmal dafür können, dass sie vor mir sitzen. Denn die Startbedingungen sind nicht für alle Menschen gleich und manchmal passieren Dinge im Leben, die sich niemand wünscht.

Das solltet ihr, die ihr vielleicht das Glück habt, noch nie arbeitslos gewesen zu sein, euch auch bewusst machen. Ihr könnt von der Straßenbahn überfahren werden und danach berufsunfähig sein. Eine hässliche Scheidung durchmachen. Von Arbeitskollegen gemobbt werden. Und in der Folge euren Job verlieren. Ich will natürlich nicht, dass ihr euch ständig Sorgen macht - aber wenn so etwas geschieht, dann wärt ihr auch froh, wenn euch jemand hilft und euch nicht als Faulenzer oder Hartzer beschimpft.

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