Pro und Contra:Spielt München als Kulturstandort in Europa noch eine Rolle?

In einer einzigen europäischen Stadt wird Adele in diesem Sommer zehn Konzerte geben, nämlich in München. Darüber war man in der Stadt höchst verblüfft, die Sängerin selbst nannte die Entscheidung "ein bisschen zufällig, aber fabelhaft". Ja mei, was denn nun?

Von Reinhard J. Brembeck und Christiane Lutz

Pro: Reinhard

Als Kind wurde er mindestens einmal entführt, weil er eine so betörende Stimme hatte. Dann, zum berühmtesten Komponisten seiner Zeit avanciert, wählte er sich als lebenslangen Wohnsitz - natürlich, möchte man sagen - München. Sein Haus stand im Zentrum, am Platzl. Die Rede ist von dem aus dem belgischen Mons stammenden Orlando di Lasso. Das war vor 500 Jahren, seither ist München ein Zentrum der europäischen Hochkultur, zusammen mit London, Paris, Rom und Wien. Was ausgerechnet in München gern übersehen wird, denn hier verzeichnet man lieber die Defizite und das Dörfliche der zwischen CSU-Freistaat und SPD-Stadt zerriebenen Metropole.

Doch wo sonst gibt es drei Weltspitzenorchester? Und gehören nicht die Staatsgemäldesammlungen zur gleichen Liga wie Prado, Louvre, Uffizien, National Gallery, Berlins Staatliche Museen? Ist nicht die Bayerische Staatsoper im gleichen Zirkel angesiedelt wie Met, Scala, Covent Garden, Pariser Opéra, Wiener Staatsoper? War das Haus der Kunst unter Chris Dercon und vor allem Okwui Enwezor etwa kein internationaler Hingucker? Und kommen neben Adele nicht auch viele der in die Jahre gekommenen Männergroßbands nach München? Wird nicht hier - zur Kultur gehört unweigerlich das Fest und damit die Wiesn - exzessiver gefeiert als anderswo?

Ja, es ist leicht, dem allen ein "Ja, aber ..." anzuhängen, Nachteile und Versäumnisse gibt es hier wie überall. Vor allem gibt es in München ein riesiges Publikum für Kunst. Allein schon, weil das Einzugsgebiet riesig ist. Norditalien, Prag, Zürich, Wien, Frankreich, die Festivals in Bayreuth und Salzburg sind nur wenige Zugstunden entfernt. In keinem anderen Winkel Europas treffen die unterschiedlichsten Kulturkreise auf derart engem Raum aufeinander und werden durch die angestammt bajuwarische Lust an Barock, Pomp und Wichtigtuerei überformt und amalgamiert. München als Kulturzentrum ist auch ein Zentrum der Zuwanderung, die jüngsten Chefdirigenten und Intendanten der Staatsoper stammten aus England, Indien, den USA, Russland, Belgien.

Zudem, davon künden auch die Eintrittspreise der Staatsoper, handelt es sich um ein geldpotentes Publikum, das es beispielsweise in Berlin so gar nicht gibt. Dieses Publikum ist aufgeschlossen für Neues, wenn es denn verführerisch daherkommt. Der protestantische Zugang zu Kunst, der in Stuttgart auch eine gewisse Leidensbereitschaft mit sich bringt, fehlt in München völlig. Große Namen sind gut, weil das Publikum dann weiß, was es kriegt. Das gilt auch für Adele. Aber wenn etwas Unbekanntes kommt, das emotional überwältigt, ist das auch okay, darauf können die Intendanten vertrauen. Staatsopernintendant Serge Dorny nutzt diese Erkenntnis, andere, eher diskursiv gesteuerte Macher haben damit zugegebenermaßen noch ihre Schwierigkeiten. Doch selbst ein einst als Umkrempler der Klassikszene angetretener Dirigent wie Simon Rattle hat jetzt, im Alter, seine wahre Bestimmung in München gefunden.

All das zeigt das enorme Potenzial, das München als Kunststadt besitzt. Das sollte auch in Zukunft genutzt werden, gern noch hemmungsloser als bisher. Denn bisher sind es wie fast überall in Deutschland die meist weniger von Kunstsachverstand denn von Quoten getriebenen Kulturpolitiker, die bestimmen, wer Intendant (oder, sehr viel seltener: Intendantin) wird. Wenn aber 95 Prozent Auslastung das staatstragend wichtigste Kriterium sind, bleibt wenig Mut zum künstlerischen Risiko, das durchaus auch einmal und selbst in München einen Reinfall bedeuten kann.

Für München Kunst zu ermöglichen, bedeutet populäre Innovation. Weil etwas Neues gezeigt werden muss, das schnell eine breite Akzeptanz finden sollte. Das ist keine leichte Übung, zumal für Politiker, die weniger Kunstexperten als von Haushaltsengpässen Getriebene sind. Diese Übung wird zunehmend wichtiger. Nicht erst seit der Seuche verzeichnen viele Kulturinstitutionen im Land einen Besucherrückgang. Wollen junge Menschen ein anderes Kulturangebot? Wollen sie es traditioneller, experimenteller, diversifizierter? Wie wird die Kultur in Zukunft ihr potenzielles Publikum ansprechen, welche Rolle werden dabei die traditionellen Medien noch spielen?

Die Kulturstadt München kann diese Fragen leichter und besser beantworten als andere Regionen, in denen Subventionen und Besucherzahlen rückläufig sind. Anderswo mag alles besser sein, aber kein Künstler kann auf München verzichten, das in Sachen Kultur Vorbild über Europa hinaus ist. Lasso wählte seinerzeit München als seine Residenz, Adele gibt hier jetzt erst einmal nur zehn Konzerte. Und vielleicht wird ja noch mehr daraus.

Contra: Christiane

Das Große findet sich manchmal im Kleinen. Daher eine kleine Beobachtung aus dem vergangenen Sommer. Weil das "Kulturzentrum Gasteig" generalsaniert und für lange Zeit geschlossen sein wird, haben ein paar Menschen auf seinem Dach einen Garten eingerichtet. Wer diesen Garten zum ersten Mal betrat, dem bot sich ein erstaunlicher Anblick. Weite Flächen, Bars, Sitzecken, Gemüsebeete und, jetzt kommt das Beste: eine Aussicht, wie es sie in München kein zweites Mal gibt. Halbhoch über der Stadt schwebte der 360-Grad-Blick ungehindert von der Allianz-Arena über die Frauenkirche bis zu den Alpen. Prächtig.

Prompt gefolgt von der Frage: Warum erst jetzt? Warum hat es so verdammt lang gedauert, bis den Münchnern dieser Ausblick gewährt wurde? Der Gasteig steht da ja nicht erst seit gestern, er wurde vor fast 40 Jahren eröffnet. Das Dach bislang: ungenutzt. Gesperrt. Keine Aussicht für niemanden. Das ist, mit Liebe ausgedrückt, typisch München. Selbst das Naheliegende ist hier oft fürchterlich bürokratisch kompliziert, oder gar nicht erst erlaubt.

Drei Weltorchester hin, viele tolle Museen her, hochkulturell ist München natürlich spitze, aber das ist ja alles Bestand, der in Bayern glücklicherweise in der Regel gut subventioniert wird, auch wenn gerade ein gewisser Sanierungsstau herrscht: Die Neue Pinakothek ist geschlossen, die Villa Stuck ist geschlossen, das Münchner Stadtmuseum wurde erst sehr lang von der Politik ignoriert und ist jetzt für eine unbestimmte Anzahl Jahre, genau, geschlossen. Man muss aber auch ins Kleine investieren für das Große. In die Zukunft, wenn man morgen auch noch strahlen will. Eine Subkultur, die eine Stadt flirren lässt, die noch unbekannte Künstlerinnen anzieht: Sie schwächelt, weil die Mieten horrend und Arbeitsräume entsprechend rar und teuer sind.

Was der Stadt außerdem zum europäischen Kulturstandort fehlt, ist der Mut zum ganz großen Wurf. Kühnere Ideen als zehnmal Adele in Riem, viermal Rammstein im Olympiastadion und "Klassik am Odeonsplatz" gab es hier schon lange nicht mehr. Kultur ist in München immer auch etwas, mit dem man in Broschüren die Expats beeindrucken will, die für Google und Apple in die Stadt ziehen sollen. Immer ein bisschen viel Dekor, immer ein bisschen zu wenig Seele. Zu wenig Dringlichkeit. Anders als in Wien zum Beispiel, wo sich die Leute nach einer missglückten Theaterpremiere am liebsten vor den Fiaker werfen würden vor lauter Kummer.

Wo bleibt der Mut zur Improvisation, zum vielleicht erst mal nur halb Fertigen? Der amerikanische Schauspieler und Autor Del Close, aus dessen Schule einige der größten Comedians aller Zeiten hervorgegangen sind, hat einmal gesagt: "Es erzählt etwas Gutes über den menschlichen Geist, dass eine Handvoll Leute, wenn sie zusammenkommen und ein paar einfache Verkehrsregeln befolgen, Kunst erschaffen, ein Publikum unterhalten und sich gegenseitig mitreißen und erheben können." Die Prise Wahnsinn, die es auch braucht, um Gigantisches zu schaffen, sucht man in München leider vergeblich.

Zuletzt hat sich die Hasenherzigkeit beim Projekt des Münchner Konzerthauses materialisiert. Der vorgesehene Platz im Münchner Osten mag vielleicht Mariss-Jansons-Platz heißen, in Erinnerung an den verstorbenen Dirigenten, dessen Orchester, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dort endlich eine ihm angemessene Heimat finden sollte. Die Baustelle aber liegt brach. Ob dort jemals ein Konzerthaus stehen wird, ist mehr als fraglich, Ministerpräsident Markus Söders diesbezügliche "Denkpause" dauert jedenfalls schon verdächtig lange an. Aus dem Konzerthaus könnte ein Konzertsaal werden - der bayerische Kunstminister Markus Blume spricht davon, das Projekt müsse "redimensioniert" werden. Die Kosten, leider! Und was wurde eigentlich aus David Chipperfields Plänen für den Umbau des Hauses der Kunst? Ach ja, man zankte sich um Bäume und Sichtachsen.

Einzig aus dem neu gebauten, 2021 eingeweihten, absolut grandiosen Münchner Volkstheater schicken die Mitarbeitenden vermutlich täglich Dankgebete gen Himmel, dass die Planungen schon vor der Pandemie abgeschlossen und damit nicht mehr abzuwenden waren. Solch klare Entscheidungen, gefolgt von quasi lautloser Umsetzung, sind in München selten.

"Munich, a bit random, but still fabulous", sagte passend dazu Adele, als sie auf Instagram ihren Triumphmarsch Richtung Riem ankündigte. Frei übersetzt: Im Fabelhaften ein bisschen willkürlich. Recht hat sie.

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