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Ostern 2015:Erstaunlich viele Menschen bekennen sich zum Beten

Beten, sagen die Religionswissenschaftler, sei schlechthin selbstverständlich. Ist das noch so in Westeuropa? In allen heiligen Büchern sämtlicher Religionen ist das Beten einfach da und immer da gewesen. Beten war und ist also ein Menschheitsbrauch. Geht er zu Ende, oder verändert er sich? Ist das Kreuz, das der Fußballer vor dem Elfmeter schlägt, ein letzter Rest des Brauchtums - und das Händefalten in einer Notlage auch?

In Umfragen bekennen sich erstaunlich viele Menschen zum Beten. Sie tun das oft schamhaft und ungelenk. Aber ist das nicht besser als die Schamlosigkeit, mit der US-Präsident Bush jr. sich vor dem Irak-Angriff öffentlich im Gebet gezeigt hat?

Das Gebet ist lebendiger als die Kirchen, die es lehren. Es ist deswegen lebendiger, weil man die kirchlichen Lehren und ihre Hierarchie dazu nicht unbedingt braucht; andererseits hängen die Rituale auch daran, dass die Institutionen, die diese Rituale tradieren, weiter existieren.

Das Beten gibt der Not eine Sprache, es vermeidet die Sprachlosigkeit in existenzieller Lage. Beten heißt: eine Sprache und eine Geste finden für Glück, Unglück und Wünsche. Da gibt es nichts, was man nicht sagen dürfte - bis dahin, dass der Beter seinen Gott schüttelt und anklagt: "Warum hast du mich verlassen?" "Warum?", klagt der Beter. "Wie lange?", fragt er. Man erlegt sich keine Zensur auf im Gebet. Ist das Glaube? Das ist nicht wichtig. Man kann auch ungläubig beten.

Beten hilft beim Wieder-Aufstehen

Wichtig ist: Wer Fragen stellt, resigniert nicht. Wer fragt, klagt, bittet, wer aufbegehrt - der hat schon angefangen, etwas zu unternehmen gegen das, was ihm und den anderen angetan wird. Wer es nicht mit dem religiösen Wort "Gebet" benennen will, nenne es therapeutisches Selbstgespräch. Und wenn das, was man Gebet nennt, dabei hilft, der absoluten Sinnlosigkeit standzuhalten, wenn der Tod so nicht das allerletzte Wort hat - dann ist das überhaupt nichts Frömmlerisches, dann hat das Gebet etwas Österliches: Es hilft beim Wieder-Aufstehen.

Was kann ein Gebet denn schon ändern, fragt man sich. Christen glauben an die Macht des Gebetes, daran, dass es sehr viel ändern kann. Sie bestürmen ihren Gott daher mit kleinen und großen Bitten. Es gibt "Weltgebetstage" für bestimmte Anliegen. Und die Wallfahrtsorte hängen voll mit Danksagungen für erfahrene Hilfe. Das alles muss man nicht glauben; und als Nichtchrist mag man das belächeln. Gott, wenn es ihn gibt, ist kein Icon, das man anklickt, um das Programm zu öffnen, das man haben will.

Wenn ein christlicher Schriftsteller wie der zu Unrecht vergessene Reinhold Schneider 1936 sein berühmtes Sonett wider die Nazis schreibt "Allein den Betern kann es noch gelingen / Das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten" - dann denkt man sich, dass ein klarer Widerstand der Kirchen erfolgreicher gewesen wäre als die Beterei. Aber das ist überheblich, weil Beten tatsächlich etwas verändert. Es verändert den Betenden. Dem evangelischen Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, dessen Hinrichtung sich jetzt zum 70. Mal jährt, war klar, dass man Hitler nicht wegbeten konnte. Aber aus dem Gebet schöpfte er Kraft zum Widerstand. Es ist die Macht des Gebetes, dass es etwas mit dem Menschen macht, der betet.

Beten kann heilen und wieder mit dem Lebenswillen verbinden. Teresa von Avila, die vor 500 Jahren geborene Mystikerin, vergleicht die Wirkung des Gebets für die Seele mit dem Regen, der einen Garten bewässert. Das Klage- und Bittgespräch macht ruhiger, geordneter, gewisser. Es macht auch mutiger. Manchmal so, dass man die Welt tatsächlich ein wenig zum Guten verändern kann. Dann ist Ostern.