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Ostern 2015:Warum beten nicht vergebens ist

A Christian worshipper take part in a prayer after a procession in the Church of the Holy Sepulchre on Good Friday, during Holy Week in Jerusalem's Old City

Betende in der Grabeskirche in Jerusalem.

(Foto: REUTERS)

Erstaunlich viele Menschen bekennen sich zum Gebet - und schämen sich dafür. Zu Unrecht, denn das Zwiegespräch mit Gott hilft selbst dann, wenn man nicht an ihn glaubt.

Kommentar von Heribert Prantl

Manchmal scheint es keinen Ausweg mehr zu geben, manchmal gibt es wirklich keinen mehr. Manchmal scheint alles verloren zu sein, manchmal ist wirklich alles verloren. Manchmal gibt es nichts mehr, was Rettung bringt oder wenigstens Zuversicht: keinen Aufschub, keinen Ausweg, keine Flucht und keine Fristung; es gibt nur das echt oder vermeintlich Unabänderliche: kein Ostern, nirgendwo; keine Auferstehung, kein Halleluja.

Manchmal schlägt diese Erkenntnis ein wie ein Blitz; manchmal schleicht sie sich an wie ein Dieb. Manchmal quält die Schärfe dieser Erkenntnis nur einen einzelnen Menschen, kaum ein anderer kann dessen Ausweglosigkeit nachempfinden. Manchmal ist es kein Einzelner, sondern eine große Gefahrengemeinschaft, die ihr Verlorensein spürt.

Krankheiten und Katastrophen können eingebildet sein oder furchtbar real; und je nachdem kann der Spruch "Da hilft nur beten" eine kleine, gar spöttische Ermunterung sein, die ein ironisch trainiertes Bewusstsein kitzelt - oder aber ein schicksalsschwerer und verzweiflungsnaher Satz, der ein Wunder beschwört. "Not lehrt beten", heißt ein Spruch, in dem sich Geschichte und Welterfahrung spiegeln.

Das Gebet ist lebendiger als die Kirchen, die es lehren

Beten Sie? Mit kaum einer anderen Frage kann man Menschen so irritieren. Die Frage ist peinlich, die Antwort ist peinlich; es offenbart sich in dieser sprachlosen Peinlichkeit so etwas wie eine transzendentale Obdachlosigkeit. Beten gilt als kindlich und kindisch - weil das Gebet meist die erste frühe Begegnung mit dem Glauben war. Und doch sind die frommen Verse, die einem die Oma als Abendgebet gelehrt hat, auf zarte Weise vertraut geblieben. Oft ist Beten daher auch das Letzte, was Menschen in ihrem Leben tun. Alpha und Omega.

Beten Sie? Die Frage gilt als Zumutung, die gestammelte Antwort ist meist auch eine - weil der Beter weiß, dass Beten ohne einen Rest von kindlichem Urvertrauen nicht funktioniert. Beten ist reden mit Gott, mit einem Wesen also, das nicht antwortet. Das ist naiv, das ist seltsam, das ist suspekt, das gilt als ein Überbleibsel der alten und unaufgeklärten Zeiten in einer säkularisierten Welt. Ist das wirklich so? Ist Beten praktizierte Unvernunft?

"Willst du hören von Liebe und Tod" - so beginnt der mittelalterliche Roman von Tristan und Isolde. Liebe und Tod: In diesen Worten spiegeln sich das Menschenleben, seine Wunder, seine Not, sein Glück und Schmerz. Die Gebete der Menschen kreisen seit jeher darum: Liebe, Tod, Erbarmen. Beten hat mit Grenzerfahrungen zu tun.

Erstaunlich viele Menschen bekennen sich zum Beten

Beten, sagen die Religionswissenschaftler, sei schlechthin selbstverständlich. Ist das noch so in Westeuropa? In allen heiligen Büchern sämtlicher Religionen ist das Beten einfach da und immer da gewesen. Beten war und ist also ein Menschheitsbrauch. Geht er zu Ende, oder verändert er sich? Ist das Kreuz, das der Fußballer vor dem Elfmeter schlägt, ein letzter Rest des Brauchtums - und das Händefalten in einer Notlage auch?

In Umfragen bekennen sich erstaunlich viele Menschen zum Beten. Sie tun das oft schamhaft und ungelenk. Aber ist das nicht besser als die Schamlosigkeit, mit der US-Präsident Bush jr. sich vor dem Irak-Angriff öffentlich im Gebet gezeigt hat?

Das Gebet ist lebendiger als die Kirchen, die es lehren. Es ist deswegen lebendiger, weil man die kirchlichen Lehren und ihre Hierarchie dazu nicht unbedingt braucht; andererseits hängen die Rituale auch daran, dass die Institutionen, die diese Rituale tradieren, weiter existieren.

Das Beten gibt der Not eine Sprache, es vermeidet die Sprachlosigkeit in existenzieller Lage. Beten heißt: eine Sprache und eine Geste finden für Glück, Unglück und Wünsche. Da gibt es nichts, was man nicht sagen dürfte - bis dahin, dass der Beter seinen Gott schüttelt und anklagt: "Warum hast du mich verlassen?" "Warum?", klagt der Beter. "Wie lange?", fragt er. Man erlegt sich keine Zensur auf im Gebet. Ist das Glaube? Das ist nicht wichtig. Man kann auch ungläubig beten.

Beten hilft beim Wieder-Aufstehen

Wichtig ist: Wer Fragen stellt, resigniert nicht. Wer fragt, klagt, bittet, wer aufbegehrt - der hat schon angefangen, etwas zu unternehmen gegen das, was ihm und den anderen angetan wird. Wer es nicht mit dem religiösen Wort "Gebet" benennen will, nenne es therapeutisches Selbstgespräch. Und wenn das, was man Gebet nennt, dabei hilft, der absoluten Sinnlosigkeit standzuhalten, wenn der Tod so nicht das allerletzte Wort hat - dann ist das überhaupt nichts Frömmlerisches, dann hat das Gebet etwas Österliches: Es hilft beim Wieder-Aufstehen.

Was kann ein Gebet denn schon ändern, fragt man sich. Christen glauben an die Macht des Gebetes, daran, dass es sehr viel ändern kann. Sie bestürmen ihren Gott daher mit kleinen und großen Bitten. Es gibt "Weltgebetstage" für bestimmte Anliegen. Und die Wallfahrtsorte hängen voll mit Danksagungen für erfahrene Hilfe. Das alles muss man nicht glauben; und als Nichtchrist mag man das belächeln. Gott, wenn es ihn gibt, ist kein Icon, das man anklickt, um das Programm zu öffnen, das man haben will.

Wenn ein christlicher Schriftsteller wie der zu Unrecht vergessene Reinhold Schneider 1936 sein berühmtes Sonett wider die Nazis schreibt "Allein den Betern kann es noch gelingen / Das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten" - dann denkt man sich, dass ein klarer Widerstand der Kirchen erfolgreicher gewesen wäre als die Beterei. Aber das ist überheblich, weil Beten tatsächlich etwas verändert. Es verändert den Betenden. Dem evangelischen Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, dessen Hinrichtung sich jetzt zum 70. Mal jährt, war klar, dass man Hitler nicht wegbeten konnte. Aber aus dem Gebet schöpfte er Kraft zum Widerstand. Es ist die Macht des Gebetes, dass es etwas mit dem Menschen macht, der betet.

Beten kann heilen und wieder mit dem Lebenswillen verbinden. Teresa von Avila, die vor 500 Jahren geborene Mystikerin, vergleicht die Wirkung des Gebets für die Seele mit dem Regen, der einen Garten bewässert. Das Klage- und Bittgespräch macht ruhiger, geordneter, gewisser. Es macht auch mutiger. Manchmal so, dass man die Welt tatsächlich ein wenig zum Guten verändern kann. Dann ist Ostern.

© SZ vom 04.04.2015/cmy
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