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Sexskandal:Toll trieben es die alten Römer

Arrivo di Bacco sull isola di Andros Baccanale degli Andrii Arrivee de Bacchus sur l ile d Andro

Orgiastisches von Tizian: "Das Bacchanal von Andros" hängt im Prado.

(Foto: imago/Leemage)

Der ungarische Politiker József Szájer galt als konservativ. Bis er bei einer Orgie erwischt wurde. Wie bitte, Orgie, in diesen Zeiten? Eine Kulturgeschichte der Schamlosigkeit.

Von Hilmar Klute

Man muss immer ein bisschen blinzeln, wenn man in diesen Tagen das Wort Orgie liest und rasch seine innere Asservatenkammer mit den entsprechenden Accessoire-Vorstellungen - Peitsche, Lack und Maske - besichtigt. Aber wer bringt heute noch den Begriff Maske mit dem düsteren Fetisch der Saturnalie in Verbindung, anstatt an das Filtering Face Piece (FFP) zu denken? Dieses Piece gibt es in drei Varianten, keines davon ist auch nur annähernd sexy. Aber es stimmt tatsächlich, in Brüssel ist der ungarische EU-Abgeordnete József Szájer, ein harter konservativer Brocken der Fidesz-Partei, bei einer homosexuellen Orgie von der Polizei erwischt worden.

Die Fidesz-Partei, Szájer hat sie mitgegründet, mag eigentlich keine Schwulen, keine Ausschweifungen und keine Drogen, sondern wünscht sich eine klassische bürgerliche Familie, wie sie übrigens auch Szájer hat: eine Tochter, seine Frau ist Landesrichterin. All dies wird womöglich auch József Szájer selbst schwer vereinbar mit dem vorangegangenen Lustgeschehen vorgekommen sein, als er am späten, sehr kühlen Abend in Brüssel an der Regenrinne hing, über die er dem polizeilichen Zugriff zu entkommen versuchte.

Die Orgie ist in der Pandemie in etwa so selbstverständlich wie ein Treffen zwischen Gott und dem Teufel ohne Mund-Nasen-Bedeckung. Undenkbar scheint sie und schon in der Vorstellung derart kontaminiert, dass einem Berichte darüber wie moderne Legenden vorkommen. Aber ist die Orgie nicht selbst auch eine Legende? Wurde sie nicht von Geschichtsschreibern überliefert, die eigentlich mehr der mythischen Poesie verschrieben waren als historischer Wahrheit?

Von Theokrit gibt es eine Schilderung darüber, wie die Bacchantinnen sich auf den Weg zum Fest des Dionysos machen. Die Aufzählung des Personals sagt uns schon alles: Drei partybereite Frauen suchen den Partygott par excellence auf, mit dabei: drei Schwärme Mänaden, also eine Menge Groupies. Die Bacchantin Autonoë entdeckt plötzlich den Partymuffel Pentheus, der keine Orgie feiern will, sondern den großen Bacchus fangen möchte.

Der römische Senat beschloss eine Obergrenze für Orgien

Der folgende Dialog, wie Theokrit ihn überliefert, zeigt schon noch ein bisschen, wie gereizt die Stimmung gewesen sein muss: "Da rief Pentheus: Was wollt ihr denn, Weiber? Autonoë aber schrie darauf: "Gleich noch eh du es hörtest, wirst du es wissen." Junge, Junge. Aber sie sollte recht behalten: Im nächsten Augenblick reißt seine durch die Aussicht auf das Bacchanal schon komplett entflammte Mutter Agaue "ihm die große Schulter vom Leib". Es geht also nicht gut aus für Pentheus, die Feinde der Orgie waren damals eher in der schwachen Position.

Allerdings gilt das ausschließlich für den literarischen Raum, denn der Leumund der Orgie war auch in den Zeiten des Römischen Reichs eher schlecht. Im Jahr 186 vor unserer Zeitrechnung erließ der römische Senat den Beschluss, die überhand nehmenden Bacchanalien zu verbieten oder nur nach Anmeldung zu erlauben. Der "Senatus Consultum de Bacchanalibus" verordnete eine Art Lockdown für alle Römer, die sich unter Aufbietung von Drogen, erotischer Zügellosigkeit und ähnlicher Riten trafen und die öffentliche Ordnung gefährdeten: "Mehr als fünf Personen insgesamt, Männer und Frauen, dürfen keine Rituale veranstalten, noch dürfen unter ihnen mehr als zwei Männer bzw. mehr als drei Frauen an den Ritualen teilnehmen ohne Genehmigung durch den Stadtprätor und den Senat."

Kommt uns das heute nicht alles sehr bekannt vor? Immer wenn Menschen die Sau rauslassen wollten, gab es Zuchtmeister, welche die Sau wieder in den Stall zurücktrieben. Martin Luther war einer der größten Zuchtmeister, jedenfalls als er 1520 den Vorschlag machte, alle Feiertage zu verbieten, "denn als nu der Mißbrauch mit Saufen, Spielen, Mußiggang und allerlei Sund gaht, so erzurnen wir mehr Gott auf die heiligen Tag denn auf die anderen": Wenn wir also aus dem Arbeitsalltag ausscheren, neigen wir zur Orgie.

Ein Doppelmoralist wie József Szájer hätte allerdings auch in normalen Zeiten wenig Sympathien für seine Teilnahme an der Brüsseler Zusammenkunft sammeln können. Für Orgien muss man eine Lässigkeit mitbringen, und man sollte sich hinterher nicht schämen müssen.

Als Jörg Immendorff schon todkrank war, kam heraus, dass er 27 Orgien mit Prostituierten und Kokain gefeiert hatte. Vor Gericht wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, als Motiv für die Orgienfeiern gab Immendorff seine "Lebensgier" an. Wie wird sich József Szájer erklären? Wird er sagen, er habe einmal persönlich und ohne Scheuklappen überprüfen wollen, wie verwerflich und unmoralisch eine solche Orgie wirklich ist?

© SZ/kar
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