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Neunzigerjahre:Bleibt, wo ihr wart!

Stirnbänder, Plateauschuhe, Neonklamotten - die Neunziger sind zurück. Aber es gibt da auch so ein paar Dinge, die wir bitte, bitte auf gar keinen Fall wiederhaben wollen.

Ist das hier wirklich 2019? Diese Frage war jüngst doch aufgekommen; etwa, als weiße Plateauschuhe - sehr viele weiße Plateauschuhe - plötzlich wieder über den nicht sehr weißen Großstadtboden zogen. Als auf der x-ten Hochzeit in diesem Jahr abermals die Backstreet Boys (ironisch) und Haddaway (unironisch) gespielt wurden. Als "Akte X" wieder lief. Oder sind das hier doch eher die Neunziger?

Damals - die Jungen vergötterten Kurt Cobain oder die Spice Girls, die etwas Älteren übten Inhalieren in der schulischen Raucherecke - war der Heranwachsende ständig damit beschäftigt, die Eltern von der nächsten Kaufentscheidung zu überzeugen: Gameboy, einschnürende Tattoo-Ketten, Dauerwelle. Heute sind die Pubertierenden von damals selbst die Konsumenten. Retro-Konsumenten in einer Gesellschaft des Kaufens und Verkaufens, welche die zwar wunderbar schrulligen, aber nicht durchweg ästhetischen Neunziger für sich entdeckt hat: Stirnbänder, Plateauschuhe, bunte Trainingsklamotten, bauchfreie Tops. Alles wieder da. Der Konsument lässt ja alles mit sich machen, solange er oder sie sich wieder jung fühlen darf. Na ja, fast alles. Es gibt da ein paar Trends, Accessoires und Kleinodien aus den Neunzigern, die ganz sicher nie mehr wiederkommen werden. Zumindest hoffen wir das, inständig sogar.

Arschgeweih

Tattoos -Thema auch für Bundespolitiker

Das "Arschgeweih": eine in die Haut gestochene Kriegserklärung an Eltern, Sittenwächter und den guten Geschmack.

(Foto: dpa)

Das Tribal-Tattoo über dem weiblichen Steißbein war so etwas wie die bloße Fortsetzung des aus der Hose ragenden Tangas mit militärischen Mitteln: eine in die Haut gestochene Kriegserklärung an Eltern, Sittenwächter und den guten Geschmack. Dass von dem Trend heute nicht mehr übrig ist als ein Schlachtfeld umgestochener und vom Laser vernichteter Tattoos, liegt vor allem daran, dass der Trend irgendwann einen Namen bekam. "Wer", fragte zum Beispiel der auch damals sehr erfolgreiche Witzereißer Michael Mittermeier plötzlich sein Publikum, "hat ein Arschgeweih?" Nichts vernichtet einen Trend effektiver als ein Name.

Tamagotchi

To match feature Japan Tamagotchi; tama+jetzt

Das Tamagotchi: 1996 in Japan entwickelt, wurde es kurze Zeit später auch in Europa und den USA zum Trendobjekt.

(Foto: REUTERS)

Heute hält man seine Timelines am Leben, unterfüttert sie mit Bildern und sonstigen Beweisen der eigenen Existenz, in den Neunzigern versorgte man ein kleines Plastik-Ei, das Container in die Welt hinaus schifften: das Tamagotchi. 1996 in Japan entwickelt, wurde es kurze Zeit später auch in Europa und den USA zum Trendobjekt. Hatte man das virtuelle Küken einmal eingeschaltet, wurde es zum ewig piependen Haustier. Es wollte essen, es wollte schlafen, es wollte spielen, es wollte auf Toilette, es wollte Zuwendung und wurde zum festen Inventar des Neunzigerjahre-Kinderzimmers. Sehr lange dauerte der Hype nicht an, doch in Japan gab es immer wieder Neuauflagen des Tamagotchis, auch in Deutschland soll bald eine neue Version kommen. Aber wer braucht das denn heute schon, wenn man eine eigene Timeline hat, an der man sich abarbeiten kann?

Nasenpflaster

Fußball 1. Bundesliga: 1. FC Kaiserslautern - Vfl Wolfsburg

Das Nasenpflaster klebte plötzlich in jedem Fußballergesicht - auch in dem von Olaf Marschall, der hier im Jahr 1998 ein Tor für den 1.FC Kaiserslautern bejubelt.

(Foto: DPA)

Plötzlich klebte da dieses Pflaster in jedem Fußballergesicht, es muss die Europameisterschaft 1996 gewesen sein, als es losging. Ein schmaler Streifen auf dem Nasenrücken, der angeblich das Atmen erleichtern sollte, entwickelt ursprünglich für Schnarcher. Damals gab es natürlich noch Spieler, zu denen das Pflaster passte, in das wildbärtige, von einem zotteligen und verschwitzten Vokuhila umwehte und irgendwie geschundene Gesicht des bulgarischen Liberos Trifon Iwanow zum Beispiel. Nicht nur der Fußball war damals ja noch roher, ungekämmter, unfrisierter, sondern auch das Männerbild. Dass das Pflaster noch mal zum Trend wird, ist heute so wahrscheinlich wie ein zotteliger Vokuhila auf dem Kopf von Marco Reus.