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Napoleon und die Mode:Des Kaisers neue Kleider

Napoleon als Trendsetter: Eine Ausstellung in Mailand zeigt die Anfänge des modernen Moderummels zu Zeiten Bonapartes. Er selbst wollte eigentlich nur die heimische Industrie stärken.

Endlich haben sie Platz in ihrer Wohnung. Jahrelang haben Cristina Barreto und Martin Lancaster Stoffe gesammelt, Kleider, Hüte, Schals und Schuhe, Zeitschriften, Bücher, Schmuckgegenstände, Kämme und dergleichen mehr. Der Flügel verschwand unter historischen Drucken, der Weg zum Schlafzimmer war mit Schachteln verstellt, im Flur standen die Puppen Spalier. Wie viele Sammler haben auch sie sich ihre kleine verrückte Nische gesucht: die Mode in der Epoche Napoleons. Cristina Barreto ist Brasilianerin und einstige Stylistin von Armani. Martin Lancaster ist Engländer und Textilunternehmer. Mailand ist der Ort ihrer Leidenschaft.

Oskar Lafontaine in der Bütt, 1998

Trendsetter bis heute: Oskar Lafontaine verkleidete sich 2009 anlässlich einer Kappensitzung als Napoleon.

(Foto: ag.ap)

Jetzt haben sie ihre Wohnung für eine prächtige Ausstellung in der Mailänder Triennale, dem lebhaften Kultur- und Ausstellungspalast am Rande des Parco Sempione, ausgeräumt. Unter dem Titel "Napoleon und das Imperium der Mode 1795-1815" führt sie uns in die Zeit, in der die Mode als Massenphänomen entstand, so wie wir sie heute kennen. Der Anfang war gleichsam demokratisch und dazu höchst sinnlich. Nach den blutigen Terrorjahren der Revolution atmete Paris unter der Regierung des fünfköpfigen Direktoriums auf. Man zeigte seine Gesinnung in "republikanischen", an die Antike angelehnten Kleidern.

Reifröcke, Korsetts oder gar gepuderte Perücken waren verpönt (und machten Träger und Trägerin als Royalisten verdächtig). Lang und gerade fielen die meist weißen, zart gemusterten Gewänder. Frauen kleideten sich wie griechische oder römische Statuen. Natürlichkeit war Trumpf (so wie es Rousseau in seinem Roman "Emile" bereits gefordert hatte), und unter den Stoffen aus durchscheinendem Musselin ließen sich die Körperformen erahnen. Schwarz trug man dagegen die Haare, und wer blonde hatte, ließ sie sich färben. Mode galt jetzt nicht mehr nur für den Adel, sondern durchdrang die ganze Gesellschaft und zog Reiche und Neureiche, Bürger und Beamte in ihren Bann.

Denn dann kam er, Napoleon. In seiner Ära von 1799 an explodierten Mode und Moden geradezu und veränderten sich im immer schnelleren Wechsel, was zuvor Jahrzehnte, wenn nicht Epochen gedauert hatte. Eigentlich war Mode für Napoleon "Landwirtschaft", wie Martin Lancaster beim Rundgang durch die Ausstellung mit ihren mehr als 50 aufs feinste mit Originalkostümen bekleidete und den entsprechenden Accessoires geschmückten Puppen sagt. Bonaparte interessierte erst einmal nicht so sehr, wie man sich kleidete, sondern womit.

Seide und Leinen aus Frankreich

Er wollte die französische Industrie stärken und sich von Exporten aus dem Ausland - wie etwa Musselin aus britischen Kolonien - unabhängig machen. Seide aus Südfrankreich und Leinen aus dem Norden waren nun angesagt. Die Männer, Soldaten wie Beamte, steckte der dann 1804 zum Kaiser gekrönte Korse in Uniformen, dessen Bekleidungsvorschriften mehrfach wechselten. Und die Kaiserin trug der Damenwelt jeweils vor, was diese - standesgemäß abgestuft, versteht sich - zu tragen hatte. Wenn möglich immer wieder andere, immer wieder neue Kleider im Stil des Empire, der sich auch auf die Architektur und die Wohnungseinrichtungen ausweitete.

Die Schlichtheit des Stils des "Directoire" geriet in Vergessenheit, die Stoffe wurden farbiger und mit aufwendigen Stickereien verziert. Als Josephine ihrem Napoleon aber einmal in einem Kleid erschien, das sie schon mal getragen hatte, goss er ihr erbost Tinte über den Stoff, so dass sie sich schnell umziehen musste.

Die Mode in Frankreich ließ sich von der Euphorie der Siegeszüge des Korsen anstecken. Als Napoleon während des Ägyptenfeldzugs sich vor der nächtlichen Kälte mit Kaschmirschals schützte und sie anschließend Josephine schenkte, die sie öffentlich trug, wurde ganz Paris nach den neuen Schals närrisch. Sie waren kostspielig, ein Schwarzmarkt bildete sich und Läden für Mode zweiter Hand schossen wie Pilze aus dem Boden.

Zu Verbreitung und Steuerung der Modetendenzen im Land trug schließlich ein neues Medium bei. Die Modezeitschrift Journal des Dames et des Modes und die über sie vertriebenen Drucke des "Costume Parisien" zeigten der Provinz, aber auch dem Ausland, wie man sich in Paris kleidete und welche Stoffe man trug. Angereichert waren sie mit Klatsch und Tratsch, und sogar Rätsel durften nicht fehlen. In Frankfurt wurde eine extra für den deutschen Markt bestimmte Ausgabe des Journals gedruckt, über das man auch die Kleider bestellen konnte.

Auch Zeitschriften, Bücher und Drucke haben so den Weg aus der Wohnung von Cristina Barreto und Martin Lancaster in die Ausstellung gefunden, die noch bis zum 12. September zu sehen ist. Dafür dürfen jetzt die drei Hunde des Paares zurückkehren, die zuvor ins Wochenendhaus verbannt worden waren.

Haute Couture Paris

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