Nachlass:Alles begann in der verrucht-verrauchten Galerie Fango

Der freischaffende Produktdesigner mischt schon seit Jahren bei vielen Projekten mit, die ihm eher Spaß als Geld bringen. So baut er etwa Bühnenbilder für das legendäre Fusion-Festival, seit 20 Jahren eine einzigartige Parallelwelt aus elektronischer Musik, Theater und Kunst. Anfang 2000 gründete Gerlach mit Freunden in seiner Heimatstadt Cottbus das Kulturforum, eine verrucht-verrauchte Galerie mit dem Ziel, die freie Kunstszene der Stadt aufzumischen und jungen Künstlern eine Heimat zu geben. Einer der ersten Künstler, die in der sogenannten Fango unterkamen, war Sven Pfennig.

Die Fango ist Gerlachs Baby und mit Sven Pfennigs Arbeiten ging es richtig los. Deshalb will Gerlach gemeinsam mit der 29 Jahre alten Kunsthistorikerin Friederike Breuer das Werk seines Freundes weiterleben lassen. Sven Pfennig soll als Künstler wahrgenommen werden, in Cottbus und darüber hinaus. Allerdings ist es ein schwieriges Unterfangen, tote Künstler zu würdigen, ja ihrem Werk vielleicht sogar mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen als zu ihren Lebzeiten. Zumal Cottbus im Vergleich zu Berlin, Leipzig und Dresden kulturelle Provinz ist.

Cottbus wandelt sich. Die Stadt setzt verstärkt auf Kultur, Kunst und Kreativbranche

Während in Berlin die Menschen einer schummrigen Galerie im Wohnzimmerflair, ausgestattet mit Tresen und Soundanlage, die Türen einrennen würden, war die Fango anfangs eher spärlich besucht. Bevor Gerlach an jenem Frühlingssonntag zum Atelierbesuch bei Pfennigs aufbricht, sitzt er mit Breuer auf den alten Sofas in ihrem Ausstellungsraum. Die Wände sind schwarz gestrichen. Eine heimelige Atmosphäre schaffe das, sagt er. Auf dem Fußboden liegt ein dicker Sandteppich.

Gerlach erzählt die Geschichte der Fango. Kein Museum habe anfangs mit ihnen, den "Punks", zusammenarbeiten wollen. Dass sie damals schon keine anarchistischen Rebellen waren, interessierte die Kulturszene der Braunkohlestadt offenbar nicht. Dass die Fango anders und jünger war als das Establishment reichte für diese Einschätzung. Heute läuft die Galerie besser, Cottbus wandelt sich. Der Kohleabbau bricht als Lebensgrundlage allmählich weg. Die Stadt setzt verstärkt auf Kultur, Kunst und Kreativbranche. Für den Cottbusser Kulturamtsleiter ist die Fango inzwischen aus der freien Kunstszene der Stadt nicht wegzudenken.

Im Gespräch zwischen Gerlach und Breuer geht es immer wieder um ihren Verein und Sven Pfennig. Einmal hat der Maler für wenige Wochen hier gewohnt. "Wie so ein kleiner Hausgeist" sei er gewesen, sagt Gerlach. In den Augen der beiden spiegelt sich schwach der Schmerz des Abschieds, den sie noch immer empfinden. "Doch es tut gut, sich mit seiner Kunst auseinanderzusetzen", sagt Breuer.

Aus seiner Asche wächst jetzt ein japanisches Kirschbäumchen

Von der Galerie fährt Gerlach dann raus zu Pfennigs Eltern, um mit ihnen das Atelier zu besuchen. Die Luft in den Räumen unterm Dach ist stickig. Draußen brennt die Frühlingssonne auf die Ziegel. Es wird klar, warum Sven Pfennig in der Dachwerkstatt auf dem Hof seiner Eltern ausschließlich nachts arbeitete, bei kühleren Temperaturen. Die Nacht hielt dem scheuen Künstler auch die Menschen vom Leib, mit denen er so wenig anfangen konnte. Reden war nicht sein Ding. Die Malerei war seine Art, Gespräche zu führen. "Selbstgespräche", sagt seine Mutter. Und mit sich selbst hat Sven Pfennig unfassbar viel geredet.

In einer Ecke des Werkraums windet auf einer Bleistiftzeichnung ein Krake seine Noppenarme um die Schultern einer Frau, zwingt sie zu Boden. Fröhlich ist Pfennigs Kunst nie gewesen. Er selbst auch nicht. Sein Abschied hatte sich über Jahre hinweg abgezeichnet. "Mama, Papa, ihr seid die besten Eltern der Welt. Doch auch ihr könnt mich hier nicht halten", soll er zu ihnen gesagt haben. Seine letzte Ruhestätte fand er hinten im Garten der Familie. Dort steht ein japanisches Kirschbäumchen. In den Niederlanden wurde seine Asche mit Erde vermengt, worauf das Bäumchen gedeihen konnte. Dann holten es die Eltern zu sich auf den Hof, wo es nun eingerahmt von Koniferen ganz wunderbar im Frühjahr blüht. Zu seinem Abschied hatte sich Pfennig zwei Münzen in die Taschen geschoben, für den Fährmann.

Nachlass: Der Krake ringt die Frau zu Boden. Sie hält an ihrem Glas fest.

Der Krake ringt die Frau zu Boden. Sie hält an ihrem Glas fest.

(Foto: sïanaïs / froodmat)

Sven Pfennigs Welt war mystisch. Naturwissenschaft trieb in seinen Augen nur eine törichte Entzauberung der Welt voran. Riesige Kraken, die vermeintlich geheimnisvollen Ungeheuer der Tiefsee, sind ein zentrales Motiv in seinen Bildern. Doch das Rätsel der ungeheuerlichen Wesen aus den Meerestiefen ist längst gelöst, der Fantasie damit ein Riegel vorgeschoben. In der amerikanischen Mystery-Serie "Akte X" fand Pfennig obskure Rätsel zuhauf. So zeichnete er besonders oft Gillian Anderson, die Hauptdarstellerin der Reihe. Leinwand über Leinwand füllte er mit seinen Gedankenbildern.

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