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Nach der Bluttat von Orlando:Homosexuelle verdienen mehr als Toleranz

Gendenken an die Opfer von Orlando.

(Foto: AP)

Selbst im liberalen Westen wird die LGBT-Gemeinde von vielen nur toleriert, dabei sind wir ihr alle zum Dank verpflichtet - und zum Beistand gegen Repressalien in anderen Teilen der Welt.

Ein freimütiges Gespräch, das Wolfgang Schäuble vor zehn Tagen mit der Zeit führte, brachte den als wertkonservativ bekannten Finanzminister auch auf die Schwulen. Allerdings nannte er sie nicht so. "Von den ,Gleichgeschlechtlichen'", hieß es da, "habe das Land Toleranz gegenüber Minderheiten gelernt, eine Eigenschaft, die sich nun beim Zusammenleben mit den Muslimen bewähre."

An diesen Worten sind zwei Dinge bemerkenswert. Zunächst, dass sie vor dem Massaker von Orlando gesagt und publiziert wurden, also ohne pflichtschuldigen Anlass. Und dann, dass sie den Blick nicht allein auf die einzelne Minderheit richteten, sondern auf die Gesellschaft insgesamt. Sie wird durch Toleranz ein besserer Ort für alle.

Man kann nun über Toleranz und Anerkennung weiterstreiten, denn Toleranz genügt auf Dauer nicht, gerade wenn man Minderheiten integrieren will - dulden heißt beleidigen, wie Goethe sagt. Soeben hat eine neue Studie zu den Türken in Deutschland gezeigt, dass ihr wirtschaftlicher Erfolg und ihre subjektive Zufriedenheit sie der Mehrheitsgesellschaft immer näher bringt - allein, es fehlt am Gefühl, anerkannt zu werden, und diese Wahrnehmung ist ein starkes Motiv zu einer neuen Hinwendung zum Islam.

So geht konservativ

Trotzdem ist unmissverständlich, was Schäuble meinte. Er widersprach einem neu-rechten Diskurs, der gegen ein angeblich von den Achtundsechzigern "versifftes" Deutschland mit seinen Türken, Schwulen und Feministinnen wütet, in dem Konservative "heimatlos" geworden seien. Der wahre Konservativismus, das ließ Schäuble einmal mehr wissen, besteht im Geltenlassen einer seit über fünfzig Jahren gewachsenen Wirklichkeit; zu ihm gehört also auch diese tolerante Unbefangenheit.

Jetzt, nach Orlando, werden überall in den westlichen Demokratien Regenbogenfahnen aufgezogen, selbst Donald Trump verstolpert sich beflissen mit der Buchstabenfolge "LGBT" (der Abkürzung für "Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender"). Der Blick auf die verkorkste Psyche des Attentäters setzt die westliche Liberalität samt aufgeweichten Geschlechterrollen in ein günstiges Licht. Sie mag zwar oft anstrengend sein, hat aber den Vorteil, solche Wut- und Selbsthasskatastrophen unwahrscheinlicher zu machen.

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