Dem Geheimnis auf der Spur:Der komplette Saal brach in schallendes Gelächter aus

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Dem Geheimnis auf der Spur: Mit 13 Jahren komponierte Mozart schon Opern.

Mit 13 Jahren komponierte Mozart schon Opern.

(Foto: mauritius images / Alamy / CBW)

Drei Opern schrieb der junge Mozart für Mailand. Alle waren begeistert, doch dann war seine Italien-Karriere plötzlich zu Ende.

Von Helmut Mauró

Am 13. Dezember 1769 ging es für die Mozarts, die schon halb Europa bereist hatten, erstmals nach Italien. Wolfgang Amadé war gerade mal 13 Jahre alt, und Vater Leopold hoffte auf neue Kompositionsaufträge, Anerkennung, Einkünfte. Es sah gar nicht so schlecht aus damit nach der Grand Tour über Verona, Mailand, Bologna, Florenz, Rom, Neapel, Turin, Venedig, Padua und Vicenza. In Bologna wurde Wolfgang Amadé nach eingehender Prüfung seiner Fähigkeiten in die respektable Accademia Filarmonica aufgenommen, in Rom ernannte ihn Papst Clemens XIV. zum Ritter vom Goldenen Sporn, und in Mailand wurde seine Oper "Mitridate, re di Ponto" aufgeführt. Mit so großem Erfolg, dass er später noch zwei weitere Kompositionsaufträge erhielt.

Der nächste Auftrag kam 1771 für die theatralische Serenata "Ascanio in Alba", ein musikalisches Dramolett zu den Hochzeitsfeierlichkeiten des Erzherzogs Ferdinand, des vierten Sohnes von Maria Theresia, mit der Prinzessin Maria Beatrice Ricciarda d'Este, Tochter des Herzogs von Modena. Die Hochzeit des erst 17-Jährigen hatte die Kaiserin verfügt. Sie warnte auch in einem Brief vor den Mozarts, diesen armen Schluckern, die nur auf eine Stelle am Mailänder Hof aus seien. War dies bereits Mozarts Karriereende? Ferdinand jedenfalls wollte Wolfgang Amadé eine Stelle geben, musste aber den Anweisungen der Mutter folgen. In der Tat stammen aus dieser Zeit die erschütterndsten Briefe von Vater Leopold Mozart, wenn man sie denn vor diesem Hintergrund liest. Leopold liefert in seinen Briefen nach Salzburg eine Eloge nach der anderen, aber je mehr er seinen hochtalentierten Sohn in den Himmel hebt und von der allgemeinen Anerkennung und Bewunderung in Mailand erzählt, desto mehr scheint die schiere Verzweiflung durch, es könne doch nicht klappen mit der avisierten Stelle.

Der Herzog ließ die Musiker drei Stunden warten

Die dritte Oper für Mailand wurde schließlich am 26. Dezember 1772 uraufgeführt. Es ist die Seria "Lucio Silla". Drei Stunden vor dem geplanten Beginn der Aufführung schreibt Leopold an seine Frau in Salzburg. Er ist nervös: "Gott gebe seine Gnade." Aber die Hauptprobe sei bestens verlaufen, und die Primadonna singe wie ein Engel. Tatsächlich schien sich Maria Anna de Amicis nach anfänglichen Schwierigkeiten bestens in ihrer Rolle zurechtzufinden, und auch der primo uomo, der Kastrat Venanzio Rauzzini in der Rolle des heldenhaften Liebhabers Cecilio, stand bereit. Nur der Startenor Cardoni fehlte, er hatte krankheitsbedingt abgesagt. Man musste einen opernunerfahrenen Kirchensänger engagieren, Bassano Morgnoni aus Lodi. Mit ihm wendete sich das Blatt, und die Katastrophe nahm ihren Lauf. Alle waren nun hochgradig nervös, die Premiere wackelte. Und dann ließ der Herzog die Musiker auch noch drei Stunden lang warten, weil er Neujahrsgrüße schreiben musste, und Schreiben war nicht seine Stärke. Es dauerte. Für eine Gesangsstimme ist das katastrophal, sie muss immer wieder neu eingesungen werden. Immerhin, um acht Uhr abends ging es endlich los und dauerte bis zwei Uhr früh.

Das Stück verlangte, dass der Tenor vor der Primadonna in Zorn geriet, aber der Mann aus Lodi übertrieb so maßlos, "dass es schien, als wolle er ihr Ohrfeigen geben und ihr die Nase mit der Faust wegstoßen", wie Leopold berichtete. Daraufhin brach der komplette Saal in schallendes Gelächter aus. Dies wiederum irritierte die Primadonna so sehr, dass sie den ganzen Abend keinen vernünftigen Ton mehr herausbrachte. Dabei war sie ohnehin schon verunsichert. Denn nicht sie, sondern der Kastrat Rauzzini wurde mit tosendem Applaus aus der Fürstenloge begrüßt. Und zwar bei jedem einzelnen seiner Auftritte. Was sie nicht ahnte: Rauzzini hatte mitteilen lassen, dass er nervlich angeschlagen sei, aber ein aufmunternder Auftrittsapplaus würde ihm darüber hinweghelfen.

Nirgends sprach man über die neue Oper Mozarts

Das Resümee Leopolds? Die Irritationen der Primadonna seien bei einer Audienz am nächsten Tag ausgeräumt worden, und in den folgenden Vorstellungen habe sie "die Oberhand" gehabt, und ihre Arien seien wiederholt worden. Und wie zur Bekräftigung seines Urteils setzt er fort: "Madame d'Aste, wo ich schreibe, empfiehlt sich und wünschet ein glückliches neues Jahr." In Wirklichkeit machte sich der Vater ernste Sorgen. Wenn nicht bald eine Festanstellung gefunden würde, wäre es wohl gänzlich aussichtslos. Damit sollte er recht behalten. Also suchte er nach Gründen, nach Ursachen der Schwierigkeiten, in Mailand Fuß zu fassen. Von der Warnung der Kaiserin an ihren lebenslustigen Sohn wusste er nichts, er wäre auch gar nicht auf die Idee gekommen, dort nach Gründen zu suchen. Salzburg hatte ihn als abhängigen, pflichtschuldigen Untertan geprägt. Die Obrigkeit war tabu, aber Kirche, Konzertsaal, Opernhaus - das waren seine künstlerischen Herrschaftsgebiete, da konnte er sich auch durchsetzen. Immerhin hatte er es zum Vizekapellmeister gebracht.

Dass sich der Sohn mit einer solchen Position nicht zufriedengeben würde und dies auch nicht sollte, war dem Vater bald klar. Aber Hofkapellmeister in Mailand, das wäre was. Es stand also viel auf dem Spiel bei der Premiere von "Lucio Silla". Hat der Vater vielleicht doch übertrieben in seinen Berichten, wollte er den dringend benötigten Erfolg herbeischreiben? Gut möglich, denn von dem Mailänder Großereignis war nördlich der Alpen nichts zu hören. Nirgends sprach man über die neue Oper Mozarts. Mit der Anstellung wurde es auch nichts, und schlimmer noch: Aus Italien hat Mozart nie mehr einen Opernauftrag erhalten. War es also die missglückte Premiere oder doch der Brief der Kaiserin, der Mozarts Karriere in Italien so unerwartet beendete?

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