Haben & Sein:Es wird heller!

Haben & Sein: Serhat Işık und Benjamin Alexander Huseby, Gründer des Berliner Labels GmbH.

Serhat Işık und Benjamin Alexander Huseby, Gründer des Berliner Labels GmbH.

(Foto: Hyungsikkim)

Mutmacher in der zweiten Halbzeit des Winters: Ein starkes Statement aus Berlin, ein Buch voller Grünzeug, ein frischer Duft von Hermès und Freiheit durch Stricken.

Von Anne Goebel, Tanja Rest, Max Scharnigg und Silke Wichert

Berliner Botschaft in Paris

Es ist immer wieder belämmernd, wie schwer sich die Mode tut, in einer Zeit gesellschaftlicher Unruhen und bewaffneter Konflikte Stellung zu beziehen - dabei nimmt sie sonst gerne für sich in Anspruch, über den Laufsteg hinaus relevant und humanitär zu sein. Nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs eierten die meisten Häuser um das heikle Thema Russland auf Zehenspitzen herum, und auch beim Gaza-Krieg pflegt die Branche gerade die vornehme Zurückhaltung. Nicht so das Berliner Label GmbH, das am vergangenen Sonntag die Pariser Herrenmodeschauen beschloss. Politische Statements gehörten hier von Anfang an dazu, was maßgeblich mit der Biografie der Gründer zu tun hat. Beide sind Kinder muslimischer Einwanderer nach Europa, Serhat Işık hat türkisch-deutsche Wurzeln, Benjamin Alexander Huseby norwegisch-pakistanische. Ihre Mode, mit Preisen überhäuft, ist von Techno und Streetwear beeinflusst und sprengt mit Vorlieben Grenzen - zwischen männlich und weiblich, arm und reich, den unterschiedlichsten Kulturen und Konfessionen.

Die Schau in Paris begann damit, dass Işık und Huseby ans Stehpult traten und eine bemerkenswerte Rede hielten. Als Designer seien sie es gewohnt, Gedanken durch Kleidung auszudrücken und den Rest der Imagination zu überlassen. Dies aber sei nicht mehr die Zeit dafür. "Schlaflose Nächte", ein "Gefühl der Hilflosigkeit" hätten ihnen die Bilder aus dem Gazastreifen beschert. Auf einer Demonstration seien sie festgenommen worden. "Als Kinder muslimischer Einwanderer sind wir keine Terroristen." Sie forderten eine Waffenruhe, die Freilassung aller Geiseln und ein Ende der Besatzung. Sie sprachen sich gegen Antisemitismus genauso aus wie gegen Islamfeindlichkeit. Sie kritisierten, dass Auftritte von jüdischen wie von palästinensischen Künstlern, Autoren und Musikern in den vergangenen Monaten in Deutschland abgesagt wurden. "Wir sollten alle erschrecken, wenn Deutschland wieder Juden und andere unbequeme Stimmen zum Schweigen bringt." Sie schlossen mit Passagen aus einer Rede der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy, gehalten im Jahr 2002 zum "War on Terror". Dann begann das Defilee.

In düsteren Zeiten: So engagiert kann Mode sein. (Nachzusehen auf Instagram)

Salat-Jahr

Haben & Sein: Grüne Wochen mit Dean&David.

Grüne Wochen mit Dean&David.

(Foto: Dean&David)

Auch wenn der Frühling momentan noch ein sehr unglaubwürdiges Versprechen ist - das wird sich in den nächsten sechs Wochen erfahrungsgemäß ändern. Und mit der einsetzenden neuen Leichtigkeit will man dann auch wieder den Speiseplan umkrempeln. Das dürfte die richtige Zeit für das erste "Dean&David"-Kochbuch sein, das in diesen Tagen erschienen ist. 2007 gegründet haben die Dean&David-Filialen hierzulande durchaus Pionierarbeit geleistet, was urbane Lunchkultur und gesundes To-go-Essen angeht. Mittlerweile gibt es zweihundert Standorte - aber eben noch kein Kochbuch. Während der Corona-Lockdowns fand Gründer David Baumgartner aber die Zeit, bewährte Rezepte zu sortieren und die Küchenphilosophie des Unternehmens in Worte zu fassen - daraus ist ein Buch mit dem Schwerpunkt Salat entstanden. 50 besondere Salatvariationen finden sich darin und viele Tipps, wie sich die Eckpunkte Gesund und Genuss verbinden lassen. Erhältlich im Buchhandel, 24,95 Euro.

Pullover-Damen

Haben & Sein: Dula, eine der Frauen, die zu Hause in Sarajevo die berühmten Pullover des Berliner Labels Maiami strickt.

Dula, eine der Frauen, die zu Hause in Sarajevo die berühmten Pullover des Berliner Labels Maiami strickt.

(Foto: Tina Linster)

"Die Damen" waren schon immer wichtig beim Berliner Label Maiami. Als die Gründerin Maike Dietrich irgendwann die vielen Bestellungen für ihre außergewöhnlichen (und deshalb außergewöhnlich gefragten) Pullover nicht mehr selbst bewältigen konnte, suchte sie per Annonce nach Strickerinnen und lernte Frauen in ganz Deutschland kennen, die daraufhin nach ihren Strickmustern loslegten. Mittlerweile ist die Nachfrage nach ihren luftig-coolen Designs von Japan bis USA so groß, dass Dietrich längst auch im Ausland fertigen lässt, allerdings nicht vor allem dort, wo es möglichst günstig ist. Sie vergibt Aufträge gezielt in krisengeschüttelte Regionen, etwa nach Sarajevo, wo sie mit der bosnischen Organisation Udružene zusammenarbeitet, die 350 Strickerinnen vertritt und unterstützt. Damit sie sich eigenhändig ein Stück Unabhängigkeit verdienen oder häufig auch, weil sie ihren Töchtern finanzieren wollen, was ihnen nie möglich war.

Viele dieser Damen haben nämlich außer dem tradierten Stricken auf höchstem Niveau nie viel mehr lernen können. Nicht nur der Krieg und seine Folgen standen der schulischen oder beruflichen Bildung oft im Weg, sondern auch eine noch immer patriarchalisch geprägte Gesellschaft. Erst kürzlich besuchte das Team von Maiami einige der Frauen vor Ort, etwa Dula (im Bild), die meist zwei komplette Pullover oder Cardigans pro Woche strickt, oder Merima, die sogar bis zu sieben schafft, weil sie als regelrechtes Handwerksgenie gilt. Und das, obwohl die Maiami Entwürfe manchmal bis zu zwanzig verschiedene Garne verwenden. Zum Vergleich: Eine Maschine schafft gerade mal acht. 2024 ist übrigens ein besonderes Jahr für das Label. Dietrich (und manche ihrer Damen) feiern zwanzigjähriges Bestehen. Grobmaschig gesagt: Läuft bei ihr (maiami.de).

So sprüht der Frühling

Haben & Sein: Duftet nach allerlei Grünem: "H24 Herbes Vives" von Hermès.

Duftet nach allerlei Grünem: "H24 Herbes Vives" von Hermès.

(Foto: Hermès)

"Körnige Birne" klingt eher ungewöhnlich, vor allem als Duftbeschreibung. Wobei es ja längst zur Vermarktung von Parfums gehört, möglichst abgelegene Zutaten aufzulisten, ob das Bleistiftspäne, Zuckererbsen oder die staubigen Straßen von Brooklyn sind. Wie deutlich man diese Nuancen dann beim Aufsprühen tatsächlich wahrnimmt, ist eine andere Frage, aber die Aufmerksamkeit ist geweckt. Ein Haus wie Hermès hat solche Einfälle natürlich nicht nötig, und die fruchtige poire granitée im neuen Herrenduft "H24 Herbes Vives" ist auch nur ein Akzent in der Gesamtkomposition. Die baut, ganz nach der Philosophie des Unternehmens, auf Bewährtem auf: Grundlage ist das Parfum "H24", vor drei Jahren lanciert und sofort ein Erfolg, überhaupt scheint die Marke zurzeit kaum etwas falsch machen zu können. Die grüne Rezeptur aus Bohnenkraut und Salbei sei nun intensiviert worden "wie nach einem Regenguss", heißt es poetisch in einer Mitteilung, dazu die Obstanklänge - das riecht vor allem nach: Frühling.

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Der Niederländer Paul Kooiker gehört derzeit zu den gefragtesten Fashion-Fotografen. Seine Bilder macht er ausschließlich mit dem iPhone, in einer staubigen Ecke seines Amsterdamer Studios. Auch sonst hält er nicht viel von Glamour. Trotzdem wollen Louis Vuitton, Hermès und Zara unbedingt mit ihm arbeiten.

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