Marihuana in Mexiko:Kürbis statt Cannabis

A FEDERAL POLICE WEARING AN ANTI-FIRE SUIT GUARDS THE BURNING OF COCAINE

Kokain und Marihuana sind auch in Mexiko verboten. Allerdings gehen die Behörden nur selten dagegen vor, indem sie die Drogen zum Beispiel verbrennen.

(Foto: Heriberto Rodriguez/Reuters)

Mexikanische Bauern haben gut vom Marihuana-Anbau gelebt. Durch die Cannabis-Legalisierung in Teilen der USA müssen sie umsteigen - auch auf andere Drogen.

Von Boris Herrmann, Badiraguato

Den Bauern Juán Hernández fragt man besser nicht, wie die Geschäfte laufen. Es schlägt diesem von Natur aus fröhlichen Mexikaner schwer aufs Gemüt, wenn er an seine Arbeit denkt. Der 54-Jährige bewirtschaftet drei kleine Flurstücke in den Ausläufern der Sierra Madre, unweit der Kleinstadt Badiraguato. Die Gegend ist als "El Triángulo Dorado" bekannt, als das goldene Dreieck zwischen den Bundesstaaten Sinaloa, Durango und Chihuahua. Aber das Leben hier ist nicht golden, am wenigsten für Kleinbauern wie Hernández. Das Geld reicht weder um sein altes Autos vollzutanken noch um ein Paar Schuhe ohne Löcher zu kaufen und schon gar nicht für die Handyrechnung. Schlecht gehen die Geschäfte, "beschissen", wenn er ehrlich ist. Die Not ist so groß, dass Hernández ernsthaft darüber nachdenkt, Nahrungsmittel anzubauen. Mais, Bohnen oder Kürbis zum Beispiel. "Mit Marihuana kommt man hier nicht mehr über die Runden", sagt er.

Hernández baut Marihuana an, seit er fünfzehn ist. Nicht weil er drogensüchtig wäre, sondern weil es lange Zeit seine einzige verlässliche Einnahmequelle war. Da gab es immer einen krisenfesten Absatzmarkt. Badiraguato ist die Heimat einiger der mächtigsten Drogenbosse Mexikos, auch der weltweit gesuchte Joaquín "El Chapo" Guzmán hat hier als kleiner Gras-Dealer angefangen. Gleichzeitig ist es einer der ärmsten Flecken des Landes, etwa ein Drittel der 35 000 Einwohner lebt am Rande des Existenzminiums. Kürbisse kann man selber essen, klar. Hat auch Vorteile. Aber mit seiner Cannabis-Plantage war für Hernández eben zu besseren Zeiten ein bisschen mehr drin als gerade so nicht zu verhungern. "Ich bin doch deshalb kein schlechter Mensch", sagt Hernández.

Er rackert jeden Tag auf seinen eineinhalb Hektar unter der Sonne Sinaloas, wie jeder herkömmliche Landwirt. Seine Ernte aber verkauft er an die "Señores". So nennt er seine Kontaktleute vom Sinaloa-Kartell, dem von El Chapo gelenkten Weltmarktführer im Drogen-Business. Wer in diesem Marktsegment tätig ist, der weiß, dass es extrem gesundheitsschädlich ist, wenn man zu viel plappert. Juán Hernández zieht es deshalb vor, seinen echten Nachnamen zu verschweigen. Reine Vorsichtsmaßnahme. Er hat wegen seiner illegalen Geschäfte mit der Drogenmafia kein schlechtes Gewissen. Sein Problem ist eher, dass diese Geschäfte nichts mehr einbringen.

Kleine Revolution im Drogenhandel

400 Pesos zahlen ihm die Señores im Moment für ein Kilogramm Marihuana, rund 22 Euro. Vor wenigen Jahren, sagt Hernández, sei der Preis noch doppelt so hoch gewesen. Der Preisverfall ist für ihn unerklärlich. Er vermutet aber, dass mal wieder die Gringos dahinter stecken. Und das mag sogar stimmen.

Die Amerikaner haben die Drogen einst nach Sinaloa gebracht. Im Zweiten Weltkrieg förderten die USA den Anbau von Schlafmohn, weil Morphium für verwundete Soldaten gebraucht wurde. Bald aber wurden die Drogen nördlich des Rio Grande zum Lifestyle und südlich davon zur wichtigsten Einnahmequelle. Dann rief US-Präsident Richard Nixon den "War on Drugs" aus. Seither hat noch jede US-Regierung versucht, den Mexikanern ihren Handel mit militärischen Mitteln wieder abzugewöhnen. 80 000 Tote allein im vergangenen Jahrzehnt sind das Ergebnis dieser Politik. Geholfen hat sie nicht. In den USA wurde weiterhin konsumiert, in Mexiko für Nachschub gesorgt. Aber jetzt ist eine kleine Revolution im Gange.

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Das goldene Dreieck heißt ja deshalb so, weil dort viele Jahrzehnte lang goldene Drogengeschäfte gemacht wurden. Und immer noch gemacht werden. Aber ein Teil dieses Geschäftes ist nun ernsthaft in Gefahr. Und zwar nicht weil der Kampf verschärft, sondern weil die Gesetze liberalisiert wurden. Seit einige US-Bundesstaaten wie Colorado, Oregon oder Washington Marihuana legalisiert haben, ist der Preis in Mexiko eingebrochen - und offenbar auch ein gewichtiger Teil des blutigen Schmuggels. Aus dem aktuellen Bericht der US-Anti-Drogenbehörde DEA geht hervor, dass 2014 an der Grenze zu Mexiko fast 24 Prozent weniger Marihuana sichergestellt wurden als im Vorjahr. Selbst die DEA spricht von einem "möglichen Einfluss der Legalisierungspolitik".

Manche setzen nun auf Crystal Meth

Die mexikanischen Kartelle machen ihren größten Umsatz mit Kokain, das sie in Südamerika einkaufen und mit phänomenalen Gewinnmargen zu den Endverbrauchern bringen, größtenteils in die USA. Aber der Handel mit Marihuana ist keinesfalls nur ein marginales Nebengeschäft. Einige Experten schätzen, dass diese verhältnismäßig einfach zu produzierende Droge etwa ein Drittel der Umsätze der großen Kartelle ausmacht. Vielleicht muss man bald sagen: ausmachte.

Im kommenden Jahr will auch Kalifornien über eine Freigabe von Marihuana abstimmen. Uruguay hat das Verbot bereits als erstes Land komplett gekippt. Und selbst in Mexiko hat das Oberste Gericht in einem Präzedenzfall die Tür zur Legalisierung geöffnet. Das sind schlechte Nachrichten für Produzenten wie Hernández und die Kartelle, weil ihre Geschäftsgrundlage auf dem Verbot basiert. Aber es lässt all jene hoffen, die den Krieg gegen die Drogen für gescheitert halten, weil er mehr Schaden anrichtet als der Konsum selbst.

"Sie werden ihn hier niemals finden"

Marihuana in Mexiko: Mario Valenzuela López ist Bürgermeister im Drogen-Ort Badiraguato. Er will die Bauern für Biogemüse begeistern.

Mario Valenzuela López ist Bürgermeister im Drogen-Ort Badiraguato. Er will die Bauern für Biogemüse begeistern.

(Foto: Fernando Brito/AFP)

Der Krieg ist noch längst nicht vorbei, doch die ersten Effekte der Liberalisierung sind schon zu spüren. Und Mario Valenzuela López, der Bürgermeister von Badiraguato, hat deshalb gerade mit zwei sehr unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen. Die DEA glaubt daran, dass sich der im Juli aus einem mexikanischen Hochsicherheitstrakt entwischte Guzmán in seiner Heimatregion versteckt. Dort kann er nicht nur auf die Solidarität der Bevölkerung zählen, sondern auch auf die Geografie. Badiraguato ist ein 5800 Quadratkilometer großes, bergiges Dickicht, größtenteils ohne Strom und asphaltierte Straßen. Auf der Jagd nach El Chapo unternimmt die mexikanische Armee mit DEA-Unterstützung seit Wochen Großeinsätze in der Gegend. "Sie werden ihn hier niemals finden, aber sie terrorisieren unschuldige Leute", schimpft Valenzuela. Mehrere Familien hätten schon aus Angst vor den Kampfhubschraubern ihre Häuser verlassen.

Auf der anderen Seite ergibt sich auch aus den ersten Ansätzen einer neuen Drogenpolitik und dem damit verbundenen Preisverfall von Marihuana ein Problem für den Bürgermeister, ein soziales nämlich. Valenzuela schätzt, dass die Hälfte der Einwohnerschaft Badiraguatos vom Grasanbau abhängt, von einem Krisengewerbe also. Wenn er durch die unendlichen Weiten seiner Gemarkung fährt, dann denkt er sich oft: "Herrje, was kann man tun, damit die Leute mit diesem Zeug aufhören?"

Alles außer Drogen

Der Mann müht sich rührend. Der 36-Jährige ist Mitglied der Regierungspartei PRI, denkt aber unkonventionell. Seine Krawatte hängt am Kleiderständer. Valenzuela investiert in den biologischen Obst- und Gemüseanbau. Er will Bauern wie Juán Hernández fördern, wenn sie Mais, Pfirsiche, Äpfel, Tomaten und Chilis anpflanzen. All die schönen Dinge, die hier gut wachsen, aber über Jahrzehnte vernachlässigt wurden. "Wir geben den Leuten eine zweite Option", sagt Valenzuela.

Zweite Option soll heißen: alles außer Drogen. Der Bürgermeister sieht allerdings selbst ein, dass er da noch reichlich Arbeit vor sich hat. "Die Kartelle haben sich bereits modernisiert", sagt er. Sie verlegen sich zunehmend auf andere Drogen wie Crystal Meth. "Wir haben schon mehrere Meth-Labore hochgenommen. In fast jedem Dorf gibt es neuerdings welche", erzählt Valenzuela. Die logische Anschlussfrage, die nicht nur ihn interessiert, lautet: Was würde eigentlich in Sinaloa passieren, wenn die USA auch harte Drogen wie Meth und Kokain freigeben würden?

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