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Liebeslüge im Internet:Chris und Kai sind dieselbe Person

Heute weiß sie, dass hinter Chris und Kai ein und dieselbe Person steckt. Eine Person, die Leute ausgespäht und Doppelprofile erstellt hat - allein 17 Facebook- und fünf Twitter-Profile hat Victoria inzwischen herausgefunden. Auch dass er auf Twitter ausschließlich Kontakt zu Frauen hatte: parallel zu Victoria weitere neun. Bei zwei Freundinnen und drei weiteren Frauen ist sie sicher, dass der ominöse Chris ebenfalls Kontakt aufgenommen hat mit der Absicht, dieselbe Nummer abzuziehen.

Die Wahrheit erfährt Victoria durch eine Freundin. Die hatte das getan, was für sie zu dem Zeitpunkt noch undenkbar erschien: Beim Einwohnermeldeamt angerufen, bei seiner Arbeitsstelle recherchiert und an der Schule nachgefragt. "Das wäre ein Riesenschritt für mich gewesen", sagt Victoria. Ein Schritt, der ihr das Gefühl, geliebt und verehrt zu werden, von einem Moment auf den anderen genommen hätte. Die Wahrheit war, dass ein Kai dort nirgends bekannt war, dass er in Münster nicht existierte. Kai war ein Nichts. Nichts als ein Fake. Als sie ihn zur Rede stellt, gibt er sich betroffen und erklärt, dass er nur wegen seines Freundes Chris auf Twitter sei, dass er wegen seines Jobs anonym bleiben wolle und sich deshalb unter einem fremden Profilfoto angemeldet habe. Und dass sein echter Name Daniel sei.

Dass der Mann hinter Chris und Kai, der sich jetzt als Daniel ausgibt, ebenso wenig existiert, wird ihr ziemlich schnell bewusst. Zunächst spielt sie mit, sie will herausfinden, wer dahinter steckt. Und vor allem, warum er das tut. "Warum machte sich jemand so viel Mühe, betreibt diesen ganzen Aufwand, investiert so viel Zeit und Geld? Wofür? Was war das Ziel hinter der ganzen Aktion?", fragt sie in ihrem Blog. Inzwischen kennt sie die Antwort. Es ging nie um Geld oder Liebe. Es ging immer nur um Macht. Victoria sollte sein Geschöpf sein, nur ihm gehören. Und je mehr sie sich von ihren Freunden, ihrer Familie entfernte, desto stärker wurde seine Macht über sie.

Bis heute kennt sie seinen richtigen Namen nicht, weiß nicht, wo er lebt und wie viele Identitäten er derzeit nutzt. Und es interessiert sie auch nicht mehr. Was jetzt zählt, sind ihre Familie und ihre Freunde. "Mir ist klar, dass ich im Moment nicht rankomme an diesen Menschen, deshalb verschwende ich meine Energie nicht, rauszukriegen, wer er ist." Stattdessen beschäftigt sie sich damit, all den Frauen zu antworten und zu helfen, die ihr geschrieben haben und ihre Geschichte erzählen. Die meisten sprechen zum ersten Mal über ihre Erlebnisse. Sie können es sonst niemandem erzählen, weil ihre Freunde und Verwandten sie auslachen würden. "Niemand würde verstehen, wie mir sowas passsieren konnte", schreibt eine Betroffene.

Außerhalb des Internets wäre ein Betrug in diesem Umfang wohl kaum möglich, da ist sich Victoria sicher. Andererseits könne das Internet dabei helfen, solchen Betrügern auf die Schliche zu kommen. "Ein Mensch, der sich derart rege im Netz bewegt, vor allem wenn er einen Beruf mit Patienten- oder Kundenkontakt hat, müsste über Google zu finden sein", sagt Victoria. Um sicher zu gehen, empfiehlt sie die Nutzung von Bildersuchmaschinen, mit denen man Bilder hochladen und die Person identifizieren kann. Vor allem sollte man den Mut haben, mit seinen Freunden und der Familie darüber zu reden. Am wichtigsten aber sei, die Beziehung möglichst schnell ins "real life" zu ziehen, also sich persönlich zu treffen.

Was sie wohl tun würde, wenn sie ihm doch einmal gegenüber stehen würde, im echten Leben? "Ich würde ihn fragen, ob ihm eigentlich klar ist, welchen seelischen Schaden er bei Menschen anrichtet", sagt sie. Zum Beispiel bei Menschen, die nicht das Glück haben, aufgefangen zu werden.