Jungfrau mit Ende 30:Wenn der Sex auf sich warten lässt

Einsame junge Frau

Manche sind schüchtern, anderen mangelt es am Selbstwertgefühl - die Gründe, warum der Sex auf sich warten lässt, sind vielfältig.

(Foto: John Dow / photocase)

Sie haben noch nie mit jemandem geschlafen. Je länger es nicht passiert, desto unwahrscheinlicher wird es. Zwei "Absolute Beginner" erzählen.

Von Leonie Gubela

Sie stehen mitten im Berufsleben, sind attraktiv, haben Freunde, Hobbys, ein gutes Verhältnis zur Familie. Sie könnten ein erfülltes Leben führen, wäre da nicht ihre Unerfahrenheit, die sich für sie anfühlt wie ein Makel. Unterhalten sich ihre Mitmenschen über Beziehungen und Sex, sind sie still. Oder wechseln das Thema, weil sie sich schämen.

Sophie, 24, und Hendrik, 38, können nicht mitreden - sie hatten noch nie Sex, obwohl sie sich danach sehnen. Sie nennen sich "Absolute Beginner". Der Begriff stammt ursprünglich aus einem Liebeslied von David Bowie, bekanntgemacht hat ihn die gleichnamige Hamburger Hip-Hop-Band. "Absolute Beginner" ist auch der Name eines Selbsthilfe-Forums, in dem sich zahlreiche Nutzer darüber austauschen, wie es ist, noch Jungfrau zu sein.

Die Gründe dafür sind vielseitig und komplex: Sie können mit der Erziehung zu tun haben, mit Schüchternheit, mangelndem Selbstwertgefühl - oder schlicht mit der Tatsache, dass einem die vermeintlich richtige Person für das erste Mal noch nicht begegnet ist.

Sophie: Es gab bislang zwei Typen, mit denen ich mir eine Beziehung hätte vorstellen können. Das Problem war nicht, dass ich grundsätzlich nicht wollte. Irgendwie war ich mir einfach nie sicher, ob ich wirklich verliebt war. Ich fing dann an, mich deswegen zu stressen - doch das machte alles nur schlimmer.

"Es ist eine weit verbreitete gesellschaftliche Annahme, Menschen wären bereit für Sex, sobald sie jemanden anziehend finden", sagt Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS). Dieser Trugschluss sei ein Relikt aus der sexuellen Revolution. "Sex macht Spaß, Sex ist cool - man hat ihn einfach", so der heutige Standard.

Ein Problem, sagt Pastötter, denn sehr viele Leute können sich mit dieser Herangehensweise nicht identifizieren. Für sie gibt es mittlerweile eine eigene Kategorisierung: Demisexuelle. Sie verspüren das Bedürfnis nach Intimität erst, wenn sie bereits eine starke emotionale Bindung zu einer Person aufgebaut haben. Das kann sie immer wieder daran hindern, erste Erfahrungen zu machen - bis sie schließlich glauben, dass es dafür zu spät ist.

Hendrik: In meiner Teenagerzeit stand ich morgens ganz früh immer schon in der Backstube, als meine Freunde noch Party machen waren. Mit Anfang 20 habe ich dann auf einem Campingplatz gearbeitet. Der war sieben Tage in der Woche geöffnet - da konnte ich nicht einfach weg. Je länger mir diese Erfahrung fehlte, desto niedriger erschien mir die Wahrscheinlichkeit, sie zu machen.

Sexualtherapeutin Beatrice Wagner kennt das Dilemma ihrer Patienten: "Jugendliche wollen Grenzen austesten, experimentieren, unvernünftig sein. Es gibt eine Sturm-und-Drang-Phase, in der Teenager hormongesteuert drauflosprobieren und sich über Konsequenzen keine Gedanken machen", sagt die Lehrbeauftrage für Medizinische Psychologie an der Universität München. Wenn man diese Phase, aus welchen Gründen auch immer, verpasse, werde es später immer schwieriger, diese Erfahrungen nachzuholen. "Dann setzt die Scham ein, und die Betroffenen versuchen, ihr Defizit zu überspielen."

Sophie: Es ist ja immer so: Je länger du Sachen aufschiebst, desto größer werden sie in deinem Kopf. Bei mir ist genau das der Fall. Manchmal werde ich richtig traurig bei dem Gedanken und habe Angst, dass ich nie in der Lage sein werde, mit jemandem zu schlafen.

Wagner hat Patienten, die ihre Unerfahrenheit nahezu wie einen monolithischen Block empfinden, den sie im Alltag permanent mit sich rumtragen und der jeden Erfolg, jede schöne Situation überschattet. Zum persönlichen Druck kommt der gesellschaftliche: "Keinen Sex zu haben wird ja heute fast als krankhaft angesehen", sagt Sexualforscher Pastötter.

Wenn der Leidensdruck zu groß wird

Sophie: Sex war ständig Thema. Ich sprach mit meinen Freundinnen darüber und hörte ihre Geschichten - sie hatten Sex, ich nicht. Die Vorstellung, wie es ablaufen muss, wie es sein sollte, war dadurch für mich schon vorgegeben. Das ließ meine sexlose Realität noch seltsamer erscheinen.

Hendrik: Meine Freunde wissen nicht, dass ich noch nie Sex hatte. Vielleicht denken sie es sich, aber wir sprechen nicht darüber. Wenn es bei uns um Frauen geht, halte ich mich lieber zurück und rede über Dinge, die eher allgemein mit dem Thema zu tun haben.

Wer ihre Praxis aufsucht, für den ist der Leidensdruck zu groß geworden, erklärt Sexualtherapeutin Wagner. Die meisten sind zwischen 20 und 40, eine Handvoll im Rentenalter. Gemeinsam mit ihnen ergründet sie zunächst die Ursachen. Manche ermutigt sie zu kleinen optischen Veränderungen, um das Selbstwertgefühl anzuheben: "Ich habe schon Patienten dazu gebracht, sich die Zähne machen zu lassen, sie zum Friseur geschickt, Stilberatungen vereinbart."

Der nächste Schritt sind kleine soziale "Hausaufgaben": sich beispielsweise in der Bahn nicht hinter dem Smartphone oder einem Magazin verstecken, sondern die Umgebung wahrnehmen und den Blick einer anderen Person suchen - "nur ein kurzer Flirt mit den Augen zwischendurch". Gemeinsam studieren Therapeutin und Patient ein, wie man selbstbewusst Kontakt aufnimmt - vom richtigen Händedruck bis zum unverkrampften Smalltalk.

Die moderne Gesellschaft funktioniere nun mal wie ein Affenfelsen, sagt Pastötter. "Man muss sich zur Schau stellen, sich produzieren, die Spielregeln einhalten. In irgendeiner Form rausgehen." Selbst wenn das am Ende doch nur darauf hinauslaufe, mit Smartphone oder Laptop auf dem Sofa zu sitzen: "Chatrooms sind eine gute Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden." Abgesehen davon müsse man für Dating-Apps nahezu die gleiche Extrovertiertheit mitbringen, die man brauche, um jemanden in der Disco anzusprechen.

Für das erste Mal zu einer Prostituierten zu gehen, davon rät Pastötter ab. "Erschreckenderweise ist vielen nicht bewusst, dass das eine andere Art von Sex ist als mit einer Partnerin", sagt der Sexualforscher - und warnt in dem Zusammenhang vor unrealistischen Erwartungen. "Menschen wollen als Person begehrt werden. Prostituierte hingegen bieten ein Handwerk". Das sei nicht das, was Absolute Beginner suchen.

Hendrik: Ich möchte, dass mein erstes Mal etwas Besonderes wird. Ich bin stolz darauf, nicht wie viele andere dafür ins Bordell gegangen zu sein.

Viele Absolute Beginner hätten das Gefühl, Zuneigung nicht verdient zu haben, sagt Wagner. "Weil ihnen in der Kindheit das Gefühl vermittelt wurde, nichts wert zu sein, weil sie mit ihrer Persönlichkeit oder ihrem Körper hadern."

Sophie: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand in mich verliebt. Auch nicht, dass mich jemand hübsch findet. Für mich ist es unbegreiflich, dass Jungs mich derart anziehend finden könnten, dass sie mit mir schlafen wollen. Ich lerne langsam, diese Gedanken in den Griff zu kriegen, doch manchmal knallen mir die Sicherungen durch. Dann ertrage ich es nicht, körperlich mit jemandem zusammen zu sein. Zu viel passiert in meinem Kopf, und alles schreit "Du bist nicht schön", "Du bist nicht trainiert". Ich kann mich dann nicht mehr fallen lassen.

Wie viele Erwachsene zur Gruppe der Absolute Beginner zählen, ist schwer zu sagen - ausführliche Statistiken gibt es zu dem Thema nicht. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2015 hatten drei Prozent aller 25-jährigen Frauen noch nie Sex, bei den Männern sind es doppelt so viele.

Auch Wagner hat überwiegend männliche Patienten - bei ihnen sind die Versagensängste stärker ausgeprägt: "Weil von Männern in der Regel die aktive, dominante Rolle beim Sex erwartet wird. Er soll wissen, was zu tun ist." Frauen könnten sich dagegen in die Passivität flüchten, sich leiten lassen und darauf bauen, dass der Mann die Führung übernimmt - so zumindest die verbreitete Meinung.

Alles gesehen, aber nie einen Kuss bekommen

Trotzdem sei es wichtig, dass Frauen für sich herausfinden, wie sie sexuell ticken. Daher ermutigt Wagner ihre Patientinnen, sich genau im Spiegel zu betrachten, "von oben bis unten, wohlwollend Schicht für Schicht". In manchen Fällen gibt sie Anleitung zur Masturbation. "Sich mit dem eigenen Körper auszukennen, sorgt für eine positive Ausstrahlung."

Beim Thema Selbstbefriedigung hätten Männer kein Problem - im Gegenteil, sagt Wagner. Was nicht bedeutet, dass damit alle Probleme beseitigt wären. Seit Pornografie im Internet jederzeit und frei verfügbar ist, beobachtet die Sexualtherapeutin eine steigende Hypersexualität bei ihren männlichen Patienten: "Die haben alles gesehen, was es zu sehen gibt, aber noch nie einen Kuss bekommen." Es sei eben um einiges einfacher, virtuell und in der Phantasie zu agieren, als eine echte Frau zu verführen. Zumal der Sex im Zweifelsfall nicht so spektakulär sei, wie das, was man tagtäglich online konsumiert.

Sophie: Ich glaube, das Problem ist weniger, den Richtigen zu finden. Bei mir ist es eher eine Kopfsache.

Hendrik: Mit einer lief's ganz gut, wir haben uns öfter gesehen. Beim fünften oder sechsten Treffen habe ich ihr möglichst beiläufig erzählt, dass ich noch Jungfrau bin. Sie hat dann gleich gesagt, dass das überhaupt nichts für sie sei. Sie brauche einen Mann mit Erfahrung. Ich habe sie nie wieder gesehen.

Die Angst vor der großen Offenbarung, vor Zurückweisung teilen viele Absolute Beginner. Beatrice Wagner trainiert daher mit ihren Patienten, sich darüber bewusst zu werden, wer sie sind und was sie ausmacht. "Sobald man selbstbewusst nach außen trägt und klar sagt, was Sache ist und dazu steht, gibt es keinen Grund, sich schämen zu müssen. Der andere wird diesen Mut honorieren." Mut machen sich die Absoluten Beginner auch im Netz.

Hendrik: Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass da noch mehr von uns sind. Ich glaube übrigens auch, dass es unter meinen Kumpels den ein oder anderen gibt, der noch sehr unerfahren ist. Nur würde das keiner zugeben.

"There's no reason to feel all the hard times, to lay down the hard lines" - Es macht keinen Sinn, sich das Leben so schwer zu machen, sich dem Unglück zu beugen, singt David Bowie. "Wir sind absolute Beginner, die nicht viel zu verlieren haben."

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