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Kommune 1:Revolution am Bettrand

Thomas Hesterberg machte 1967 das legendäre Foto der Kommune 1, auf dem die Bewohner ihre nackten Hintern der Kamera entgegenstrecken. Tatsächlich ging es dort gar nicht so freizügig zu. Wir zeigen weitere, bislang unveröffentlichte Bilder.

Von Christian Mayer

15 Bilder

Bewohner der Kommune 1, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Revolutionäre sind oft sehr ernste Leute, und wenn sie Spaß haben, dann dient das auch einem Zweck. Aber es hat ja auch noch keiner behauptet, dass es in der Kommune 1 lustig zuging - am wenigsten die Beteiligten selbst. Enorm anstrengend muss dieses Gesellschaftsexperiment gewesen sein, ein Leben ohne bürgerliche Zwänge, aber dafür mit zahlreichen Verpflichtungen.

Im Bild: Ein paar Bewohner der Kommune 1 von 1967. Gertrud Hemmer (stehend), Ulrich Enzensberger (Mitte, sitzend) und Volker Gebbert (2. von r.).

Süddeutsche Zeitung Photo, das Bildarchiv der SZ, erschließt und betreut die weitgehend noch unveröffentlichten Fotos von Thomas Hesterberg, die 1967/68 entstanden sind.

Volker Gebbert und Ursula Körber in Berlin, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Das Wohnprojekt sollte ein Statement sein gegen deutsche Spießigkeit, gegen den bürgerlichen Mief mit seinen tradierten Moralvorstellungen von Ehe und Familie. In einer Dachwohnung in der Niedstraße in Berlin-Friedenau wollten die Kommunarden das Experiment zum Erfolg führen, vor allem aber wollten sie dem Land, das ihnen zunehmend fremd war, den nackten Arsch entgegenstrecken: Ihr könnt uns alle mal.

Im Bild: Die Kommunarden Volker Gebbert und Ursula Körber während einer Kundgebung auf dem Berliner Kurfürstendamm vor dem Café Kranzler.

Mitglieder der Kommune 1, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Fünfzig Jahre ist das nun her. Und das Bild der Nacktaktion dient immer noch als Beweis für die angebliche Freizügigkeit der Kommune 1. Da stehen sie mit erhobenen Händen wie beim Polizeifoto an der Wand. Vier Männer und drei Frauen, ein kleiner Junge schaut als Einziger in die Kamera.

Kommune 1, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Und einer fehlt: Fritz Teufel, der bei der Aufnahme gerade in Untersuchungshaft saß, weil er während der Proteste gegen den Besuch des persischen Schahs in Berlin mit Steinen geworfen haben soll - an jenem schicksalhaften Tag, an dem der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg mit einem Schuss aus der Dienstwaffe in den Hinterkopf tötete.

Im Bild: Die Bewohner der Kommune 1 Dieter Kunzelmann, Gertrud Hemmer, Volker Gebbert, Dagmar Seehuber (oder Antje Krüger), Rainer Langhans, Dorothea Ridder, Ulrich Enzensberger (v.l.n.r.) stehen nackt mit dem Gesicht zur Wand, dazwischen das Kind von Gertrud Hemmer.

Gertrud Hemmer, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Das Foto vom Juni 1967 von Thomas Hesterberg zählt zu den ikonischen Darstellungen der deutschen Zeitgeschichte. Es steht für die Protestbewegung, für den Widerstand einer jungen, wütenden Generation, die sich damals am Kampf gegen das Establishment aufrieb, und für eine Haltung, in der das Private immer auch politisch sein sollte. Eigentlich müsste es längst verblichen sein, so oft ist es aus dem Archiv hervorgezerrt worden.

Im Bild ist Gertrud Hemmer nach Entstehen des berühmten Fotos zu sehen.

Dorothea Ridder, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Im autobiografischen Bericht von Ulrich Enzensberger "Die Jahre der Kommune I" kann man übrigens nachlesen, wo das Bild erstmals publiziert wurde: Es diente als Umschlagfoto für eine rasch zusammengeheftete Broschüre, mit der die Bewohner der Kommune gegen die wachsende Polizeigewalt und gegen die Stimmungsmache der Boulevardzeitungen aufbegehrten.

Im Bild: Dorothea Ridder zieht sich wieder an.

Dorothea Ridder und Rainer Langhans, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Über die Mitglieder der Kommune 1, zu denen später auch die schöne Münchnerin Uschi Obermaier zählte, ist unendlich viel geschrieben worden, was sicher auch am hohen Mitteilungsdrang der beteiligten Personen liegt. Nur eines ist bisher eher unbekannt: Wer war der Fotograf, der Deutschlands umstrittenster Wohngemeinschaft zu frühem Ruhm verhalf?

Im Bild: Auch Rainer Langhans bleibt nicht nackt.

Thomas Hesterberg, 1968

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Der Fotograf (im Bild) war einfach immer dabei in diesem bewegenden Sommer 1967. Hesterberg stammte aus einer Künstlerfamilie: Sein Vater war Kunstmaler und seine Tante, Trude Hesterberg, schon in der Weimarer Republik eine berühmte Schauspielerin und Sängerin. Nach dem Krieg besuchte Thomas Hesterberg das Internat Burg Nordeck in Hessen, ging mit 16 mit einem Austauschstipendium in die USA und anschließend nach München, wo er Kontakt zu Schriftstellern, Theaterleuten, bildenden Künstlern und Musikern pflegte. Ein unstetes Leben, immer auf der Suche nach neuen künstlerischen Anregungen: "So ging es dann weiter", schreibt Hesterberg in einer biografischen Skizze, "mit Ausbrüchen und Aussetzern, mit Abschweifungen und Ausschweifungen und längeren Tramp-Fahrten, da war man schon mal Tellerwäscher in Stockholm, war Fremdenführer in Istanbul oder Paris, so wie viel früher mal Kupferstichkolorist in Wien und viel später mal Hausmeister in Tanger..."

Proteste für die Freilassung Fritz Teufels, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Thomas Hesterberg kann leider nicht mehr Auskunft geben, wie es damals war, als Besucher bei den Kommunarden. Auch seine Frau Lisa Rheingans kennt die Hintergründe nur aus den Erzählungen ihres 2011 verstorbenen Mannes. "Die Zeitschrift Quick wollte das Foto damals unbedingt drucken, es gab da ein richtiges Wettrennen. Schließlich hat es der Spiegel als Erstes gedruckt", erzählt sie. Hesterberg war kein Pressefotograf, auch wenn Zeitungen manchmal ein Bild von ihm kauften, aber er war einfach immer dabei, in diesem bewegten Sommer. Man spürt die Nähe zu den Akteuren, die der damals 30-jährige Berliner bei seinen Streifzügen durch seine geteilte Stadt begleitete, als eine Art Chronist der Protestbewegung. "Er konnte einfach sehr gut mit Leuten umgehen, und die haben ihm dann vertraut", erzählt Lisa Rheingans.

Im Bild: Polizisten führen 1967 einen Mann mit Maske ab, der zuvor für die Freilassung des festgenommenen Kommunarden Fritz Teufel demonstriert hatte.

Dieter Kunzelmann, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Den Kommunarden Dieter Kunzelmann (im Bild) hatte Hesterberg, wie er schreibt, bereits Anfang der Sechzigerjahre in München kennengelernt. Man traf sich bei der Künstlergruppe Spur und bei der Situationistischen Internationalen, die mit ihren subversiven Flugblättern und Happenings Aufsehen erregten, weil sie die Abschaffung der Lohnarbeit und sämtlicher Hierarchien forderten. In West-Berlin gab es dann im Sommer 1967 ein Wiedersehen. Neben Fritz Teufel war Kunzelmann die bekannteste Figur der Kommune 1, ein linker Politaktivist mit wirrem Bart und schütterem roten Haupthaar, der seine Rolle als Chefprovokateur mit Inbrunst spielte, bevor er sich dann mit der militanten Gruppe Tupamaros West-Berlin immer mehr dem Terror zuwandte.

Kommune 1, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Insgesamt sehen die Revolutionäre erschöpft und desillusioniert aus. Der Nähe-Terror hat offenbar seine Spuren hinterlassen. Auf einem weiteren Foto sieht man dann die Protagonisten gemeinsam auf einem Bett sitzend: Rainer Langhans widmet sich seiner Zeitung, Gertrud Hemmer hält eine Zigarette in der Rechten und ihren Sohn Nessim auf dem Schoß, während Volker Gebbert und Dieter Kunzelmann einen sehr unbeteiligten Eindruck machen.

Rudi Dutschke auf einer Demonstration in Berlin, Anfang 1968

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Hesterbergs Fotos sind in der Zeit vor dem radikalen Abdriften entstanden, so auch das legendäre Nacktbild. Beim Betrachten der spontanen Aufnahmen kann man wie bei einem Daumenkino ungefähr ahnen, was sich in der Hausgemeinschaft abgespielt haben mag. Ein Foto zeigt Dorothea Ridder auf dem Bett sitzend, sie zieht sich gerade an, während ihr Mitbewohner Rainer Langhans sehr konzentriert seinen Pulli in Form bringt. So richtig erfreut scheinen beide nicht zu sein, die Szene hat etwas Verklemmtes und widerspricht damit allen Fantasievorstellungen, die sich die Republik von der angeblichen Sex-WG machte. Gertrud Hemmer wiederum wirkt fast schon verloren, als sie sich nackt, aber schon mit den Kleidern in der Hand auf die große Flügeltür zubewegt. Auf dem Foto sieht man sie von hinten neben einem Kachelofen und einem Waschbecken. Hesterberg machte die Aufnahmen in der Kaiser-FriedrichStraße 54a am Stuttgarter Platz, wo die Kommune, die mehrmals umzog, die meiste Zeit lebte.

Im Bild: Rudi Dutschke, der Wortführer der Studentenbewegung, auf einer Demonstration in Berlin im Gespräch mit dem Black-Power-Aktivisten Dale A. Smith von der SNCC.

Proteste für die Freilassung Fritz Teufels, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Klar, dass solche Bilder die Häme der journalistischen Hausbesucher weiter befeuerten: Gerne lästerte der Spiegel damals darüber, dass in der Kommune 1 auch die Männer Windeln wechseln und Hausarbeiten machen mussten und dass die Spaßguerilla vor allem am selbstproduzierten Überdruss leide. Zwar gebe es in der WG keinen Privatbesitz, aber auch "kaum Nacktes außer Glühbirnen".

Im Bild: Proteste für die Freilassung Fritz Teufels.

Begräbnis Paul Löbes, 1967

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Der Fotograf Thomas Hesterberg bleibt nicht allzu lange in dieser WG. Es treibt ihn wieder hinaus, in die Freiheit, auf die Straße, wo er Fotos von den Demonstrationen macht, die auf den gewaltsamen Tod Benno Ohnesorgs und auf die Verhaftung von Fritz Teufel folgen.

Im Bild: Proteste am Rande der Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen ehemaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe vor dem Schöneberger Rathaus. Während der Trauerfeier veranstalteten Mitglieder der Kommune 1 ein Happening, um für die Freilassung von Teufel zu demonstrieren.

Rudi Dutschke vor einem Berliner Einkaufsladen, Anfang 1968

Quelle: Thomas Hesterberg/SZ Photo

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Die aufgeheizte Stimmung in West-Berlin, der Kampf zwischen der Staatsgewalt und der Protestbewegung - das ist sein Thema in dieser Zeit. Wenn er nicht einfach nur mit Rudi Dutschke zum Einkaufen geht (im Bild). Auch Revolutionäre müssen ja manchmal etwas essen.

© SZ.de/lala

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