Indien Örtchen-Offensive

Eine offene Feldtoilette in Ostindien (Symbolbild).

(Foto: REUTERS)
  • Mehr als 20 Milliarden Dollar hat die Regierung Modi in Indien in den Bau von Toiletten gesteckt.
  • Doch der Bau ist nicht das Problem - entscheidend ist, ob Menschen die Toiletten annehmen und sich kümmern.
  • Das ist schwierig in einer Gesellschaft, die noch immer vom Kastensystem geprägt ist.
Von Arne Perras

Hanifa Zaara strengte sich mächtig an, denn ihr Vater hatte ihr etwas versprochen. Wenn sie Klassenbeste bleibe, dann werde er zu Hause eine Toilette bauen, ganz bestimmt, so sagte er. Die Siebenjährige hängte sich also rein, ihre Noten waren super, doch der Vater löste sein Versprechen nicht ein. Ganz schön mies, fand Hanifa. Und so beschloss sie eines Tages, zu den Dorfpolizisten zu marschieren, um den brisanten Fall zu melden. Sie gab eine Beschwerde zu Protokoll, damit ihr Papa endlich aufwachte.

Man darf gespannt sein, wie die kleine Episode ausgeht, die der New Indian Express aus dem Süden erzählte. In jedem Fall wirft die Aufmüpfigkeit der kleinen Hanifa ein Licht auf einen großen Notstand. Vielleicht macht ihr Beispiel bald Schule, indem indische Kinder ihre Eltern in Sachen Müll und Hygiene erziehen. So war es nach dem Krieg mancherorts in Europa. Schüler mahnten Erwachsene, dass der Müll nun nicht mehr auf die Straße, sondern in den Eimer gehörte.

In Indien nutzen viel zu wenig Menschen eine Toilette. Und Premier Narendra Modi setzt großen Ehrgeiz daran, das zu ändern. Die Regierung rechnet vor, dass sie seit 2014 den Bau von 80 Millionen Toiletten gefördert habe, bis zum nächsten Sommer sollen es 111 Millionen sein. Mehr als 20 Milliarden Dollar fließen ins Programm "Clean India". Dass das Geld gut investiert ist, rechnen Experten schon lange vor, mangelnde Hygiene ist für jeden zehnten Todesfall in Indien verantwortlich.

Frauen leiden besonders unter der Situation

Nun sind Toiletten schnell gebaut. Entscheidend ist aber, ob Menschen sie annehmen und sich kümmern. Auf dem Land ist es noch immer so, dass jeder Zweite das Feld bevorzugt, viele glauben, das sei gesünder. Zum einen hat das mit der Routine und fest gefügten Vorstellungen zu tun, die nur durch gute Berater aufzubrechen sind. Zum anderen macht Armut den Wandel schwer. Wasser ist knapp, Kanalisation oft nicht vorhanden. So nützen neue Toiletten alleine gar nichts, was sich anfangs auch als Schwäche des Modi-Programms erwies: Sechs von zehn staatlich gebauten Klos hatten kaum Wasser, so standen sie nutzlos herum. Daran wird zwar gearbeitet, doch Experten sind nicht sicher, ob die Zielmarke 2019 für ganz Indien zu erreichen ist. Manche bemängeln, die Mittel für Aufklärung seien zu gering.

Besonders Frauen leiden unter den Zuständen. Schülerinnen, die ihre Periode bekommen, bleiben dem Unterricht fern, wenn es keine Toiletten gibt. In den Dörfern trauen sie sich erst aufs Feld, wenn es dunkel ist, das Warten ist eine Qual, abgesehen vom Risiko sexueller Gewalt in der Nacht.

Der Entwicklungsökonom Dean Spears, der ein Buch über verlassene Klos in Indien geschrieben hat, ist skeptisch, ob ein Bewusstseinswandel so schnell greifen kann, wie es Modi sich wünscht. Die Kastenhierarchie, offiziell abgeschafft, spielt noch immer eine Rolle. Gemeinden sperren sich, das Leeren von Latrinen zu organisieren, weil sie glauben, das sei Aufgabe für die untersten Schichten, Dalits genannt. Und dann ist es eine ungeheure Zahl von Menschen, die es zu erziehen gilt. Wenn sich 500 Millionen jeden Tag auf dem Feld erleichtern, muss schon eine ganze Armee von Beratern ausrücken.

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