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Imam Kamouss über Radikalisierung:Wie beide über Prävention denken

Kamouss plädiert deshalb dafür, dass Politik und Staat in Präventionsprogrammen mit ihm und anderen Imamen zusammenarbeiten sollten. Denn: "Wir sind ein sehr wichtiger Verbindungspunkt der Gesellschaft zu den muslimischen Communitys. Wir predigen am Freitag vor 1000 bis 2000 Gläubigen. Manchmal sind es 15 000, bei Seminaren oder großen Jahresveranstaltungen."

Kamouss: "Man muss unter den Rückkehrern differenzieren"

Das fehlende Vertrauen in ihn durch Zuständige aus Politik und Verwaltung liegt wohl auch daran, dass der Verfassungsschutz Kamouss weiter beobachtet - obwohl er sich, wie er sagt, von dem "Quatsch", den er früher gepredigt habe, unter anderem über Frauen, abgewendet habe. Früher habe er allein das nachgebetet, was er von Gelehrten übernommen habe - inzwischen habe er selbst nachgedacht und sei schlauer geworden. Es gehe ihm nun um Dialog, Frieden und Aufklärung, und darum, dass die Scharia von den Gläubigen in ihrem Alltag ohne Probleme gelebt werden könne - ohne das Grundgesetz zu tangieren.

Er rufe außerdem die jungen Muslime dazu auf, die Gesetze dieses Landes zu respektieren. Man müsse unter den Syrien-Rückkehrern differenzieren, nicht alle seien automatisch Terroristen, aber er will deutlich machen: "Ich will nicht die Scharia einführen, Deutschland soll bleiben, wie es ist. Wenn jemand behauptet, er möchte die Welt islamisieren, sage ich: Du gehst gegen ein Gesetz Gottes vor, dass die Erde so vielfältig ist, niemals wird dir das gelingen." Auch bei Youtube sind viele Videos über seine Predigten zu finden, in denen er um Toleranz gegenüber Andersdenkende bittet und zu Frieden und Mäßigung aufruft. Wie er allerdings außerhalb der Öffentlichkeit redet, lässt sich von außen schwer erkennen.

Salafisten beten

Salafisten beten mit Pierre Vogel auf dem Marktplatz in Pforzheim.

(Foto: dpa)

Für Heinz Buschkowsky ist das reine Doppelzüngigkeit. Auch der Verfassungsschutz sieht in Kamouss eher einen Mann, der Wasser predigt und Wein trinkt. Für Kamouss ist das Berührungsängsten geschuldet, die viele Sicherheitsexperten als auch Politiker gegenüber dem Islam hätten. In der Tat sind sich Buschkowsky und Kamouss vor der Sendung bei Jauch nie persönlich begegnet.

Für Buschkowsky ist das auch nicht erstrebenswert, denn: "Ich lasse mich nicht vorführen. Der Mann kommt aus einer Welt, die nicht die meine ist und die ich politisch bekämpfe. Er ist mein Gegner. Daraus mache ich keinen Hehl." Kamouss sei keinesfalls "der Friedensstifter, Heilsbringer, Sender der Barmherzigkeit und Retter der Jugend, als der er sich aufspielt".

Buschkowsky: Keine Burn-out-Lehrer in Brennpunkte versetzen!

Laut Buschkowsky führt der einzige Weg, Jugendliche von der Radikalisierung fernzuhalten, über die Bildungseinrichtungen. "Nur über die Elternvertreter oder Kindergarten und Schule erreichen wir die Familien. Weder im Jobcenter noch im Knast." Eine Kindergartenpflicht und flächendeckende Ganztagsschulen würden das Problem abmildern, außerdem besser ausgebildete und besser unterstützte Lehrerkollegien in sozialen Brennpunkten: "In London lässt man Schulen in Problembezirken ihre Kollegien selbst zusammenstellen. Junge unverbrauchte Kräfte von der Uni. Bei uns sind soziale Brennpunkte immer noch geeignet für die Versetzung eines erschöpften Burn-out-Syndroms aus der Nachbarregion."

Auch die in der Gesellschaft angekommenen Muslime müssten gestärkt werden, die als Vermittler zwischen den Kulturen derzeit gar nicht wahrgenommen würden. "Bei mir war vor kurzem ein türkischer Elternvertreter", erzählt Buschkowsky. "Er war zutiefst frustriert, als er sagte: 'Ich reiße mir den Hintern auf, erfahre aber keine Unterstützung. Ich pralle an den Wohnungstüren meiner Landsleute ab. Wenn ich frage, warum kommt ihr nicht zur Elternversammlung, dann heißt es nur, das sei ein Thema für Mamas - und Frauen hätten abends zu Hause zu sein. Damit ist das Thema beendet.'" Diesen Vermittlern auf die Schulter zu klopfen, reiche nicht aus. "Wir müssen sie auch formal und öffentlich unterstützen."

In diesem einen Punkt sich die beiden Gegner also einig. Stellt sich nur noch die Frage, welche dieser Vermittler zwischen den Welten als vertrauenswürdig eingeschätzt werden, und wie lange die Verhandlungen darüber dauern. Und nicht zuletzt: Wie viele Jugendliche sich bis dahin radikalisiert haben.

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