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Imam Kamouss über Radikalisierung:Was Kamouss und Buschkowsky über die Gründe von Radikalisierung denken

Während Deutschland darüber rätselt, warum so viele und zunehmend auch deutsche Jugendliche für einen Glauben in den Krieg ziehen wollen, den sogenannten "Islamischen Staat" unterstützen oder sich hierzulande radikalisieren, liefert Buschkowsky in seinem Buch und im Gespräch seine Antworten aus Neukölln.

Heinz Buschkowsky

Heinz Buschkowsky (SPD), Bezirksbürgermeister von Neukölln, war auch bei Jauch. Er glaubt Kamouss den Wandel nicht.

(Foto: dpa)

Zum Beispiel diese: Wenn junge Menschen, die sich radikalisieren, "in die Werteordnung der westlichen Demokratie integriert wären und einen eigenen Lebensplan hätten, dann wären sie für Heilsversprechen nicht anfällig. Insofern ist es zumindest bei diesen Menschen die Quittung für eine gescheiterte Integration."

Buschkowsky: "Sie empfinden menschliche Kälte"

Wer sich radikalisiere, hätte "an irgendeiner Stelle einen Knacks. In der Sozialisation dieser Leute ist etwas so schief gelaufen, dass ihre Beziehung zu anderen Menschen oder zur Gemeinschaft gestört ist. Sie empfinden menschliche Kälte, haben das Gefühl des Ausgegrenztseins, sie sehen keine Perspektive für sich und den Sinn des Lebens. Dann kommt eine Gruppe voller Wärme, Einigkeit, Freundschaft, alle stehen füreinander ein und die Welt ist geteilt in gut und schlecht, alles ist vorgegeben." Das wohlige Gefühl der Gruppenzugehörigkeit, des gleichen Denken und Handelns, sei oft eine Folge des Gefühls der Ausgegrenztheit innerhalb der Gesellschaft.

Für Kamouss hat dieses Gefühl der Ausgegrenztheit eher politische Gründe:

"Wenn etwa ein Regime, das in Ägypten demokratisch anerkannt wurde, nach einem Jahr durch Putschisten mit Panzern entmachtet wird, die so viele Gefangene nehmen: Intellektuelle, Akademiker, Politiker. Und dann kommt die deutsche Regierung und erkennt dieses Regime an. Dann denken viele muslimische Jugendliche in Deutschland: Guck mal, die arbeiten gegen den Islam! Und gegen alles, was islamisch ist."

Auch die Medien spielen für ihn eine Rolle: SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi hatte zuletzt davor gewarnt, die islamistischen Terroristen des IS in die Nähe des Islams zu rücken. Die Gruppierung solle öffentlich nicht als "radikal-islamisch" bezeichnet werden, forderte Fahimi. "Dies ist eine Zuweisung, die die Muslime hier in Deutschland in ihrer Ehre berührt." Kamouss sieht das ähnlich und findet: Muslime würden in Deutschland von zu vielen Medien über einen Kamm geschoren und gegen ihren Willen mit mittelalterlichen Betrachtungsweisen in Verbindung gebracht: "Wenn wir Muslime so was hören, hören wir daraus einen Hass gegen alles, was nur einen Geruch von Islam hat."

Kamouss: "Sie wollen Antworten"

Er selbst glaubt, auch deshalb so viel Zulauf zu haben, weil er Antworten auf Fragen gebe, die Jugendliche anderswo nicht bekämen. "Aufgrund des Sicherheitsdrucks von außen, durch den Verfassungsschutz, machen die Vorstände der Moscheen ganz gravierende Fehler", so Kamouss. IS, Kampf und Dschihad würden als Tabuthemen ausgespart, um bloß nicht in den Verdacht zu geraten, damit in irgendeiner Weise zu tun zu haben. Damit würden die Muslime selbst eine "Radikalisierungslücke" bei Jugendlichen schaffen. "Und dann kläre ich sie selber auf in den Moscheen: Eure Kinder - die verliert ihr deswegen. Passt auf, was ihr macht!"