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Ilan Stephani:"Juristisch gesehen war es keine Vergewaltigung"

Auch Sie sind aber im Puff vergewaltigt worden.

Ja, mir ist das passiert, obwohl unser Bordell ein vergleichsweise streng geführter Puff war. Er hatte nur bis 23 Uhr geöffnet, es gab keinen Alkohol und nur wer nüchtern war, durfte rein. Ich habe Federn gelassen und definitiv ein Trauma erlebt. Juristisch gesehen war es aber keine Vergewaltigung. Der Freier hat mir Geld gegeben und ich habe nicht Stopp gesagt. Ich lag da und war wie gelähmt. Ich habe danach viel mit Frauen gesprochen, die ebenfalls vergewaltigt worden sind. Viele erzählen exakt dasselbe: Sie konnten nicht Stopp! sagen.

Woran liegt das?

Ich glaube, es hat mit unserer Erziehung als lächelnde Mädchen im Rüschenkleid zu tun, die gefallen wollen. Würden Mädchen mündiger erzogen, würden sie dem ersten Weinstein in ihrem Leben sagen: "Hast du sie noch alle!?" Und dann die Polizei rufen. In solchen Momenten geht es nicht um das freie Denken, da muss das Reptiliengehirn funktionieren.

Sie haben danach trotzdem weitergemacht. War Geld ein wichtiges Motiv für Sie?

Ich hätte es sicherlich nicht ohne Geld gemacht, aber es war nicht vorrangig. Meine Eltern haben mir klar gesagt: "Wenn du es für Geld machst, dann lass uns dir lieber alles Geld geben, das du brauchst." Aber ich habe bemerkt, dass ich in mir ein ganz ähnliches Muster hatte, wie die Freier, die mir Geld gegeben haben: Ich wollte das Bezahltwerden überspielen - auch vor mir selbst. Selbst heute, zehn Jahre später, fühle ich noch Spuren dieser Scham, wenn ein Mann sein Portemonnaie rausholt, um mir Geld für irgendwas zu geben.

Warum haben Sie Ihren Eltern von Ihrem Nebenjob erzählt?

Ich wollte mich nicht verstecken. Meine Eltern fielen aus allen Wolken. Ich glaube, sie hatten ein paar schlaflose Nächte. Aber was ich ihnen extrem hoch anrechne ist, dass sie nie versucht haben, mir ihre Moralvorstellungen überzustülpen. Auch meine beiden jüngeren Geschwister haben sich nicht von mir abgewandt.

Wie waren sonst die Reaktionen?

Es gab Freunde, die damit total überfordert waren, aber auch welche, die es ganz toll fanden. Ich habe meistens gesagt, dass ich in der Prostitution arbeite, das war so schön schlicht. Die erste Frage war dann oft: Als was? Und ich dachte mir: Erwartest du, dass ich jetzt sage, als Putzfrau?

Sie schreiben, Sie hätten im Puff gelernt, wie Sex und Monogamie zusammenhängen. Warum ausgerechnet dort?

Ich habe oft von Männern gehört: Das hier hat nichts mit meiner Frau zu tun, ich liebe sie. Ich bin zwar der Meinung: Doch, es hat was mit deiner Frau zu tun, sogar mit deinem ganzen Leben. Aber es zeigt doch, wie sehr Monogamie in unserer Kultur verankert ist. Freier haben die Monogamie verteidigt, obwohl sie sie im selben Moment gebrochen haben. Und sobald Gefühle im Spiel waren - es gab viele Freier, die sich im Puff verliebt haben -, wollten die Männer, dass die Frau ihren Job aufgibt.

Weshalb haben Sie aufgehört?

Ich habe mich gelangweilt. Und ich habe damals einen Frauenworkshop besucht, in dem wir gegenseitig unseren G-Punkt ertasten sollten, mit Handschuhen. Und obwohl alles total klinisch war, habe ich plötzlich so ein Fließen erlebt, so ein Schweben. Ich habe geweint, gelacht, geschwitzt und gezittert. Und da wurde mir klar: Irgendwas beim Thema Sex habe ich echt noch nicht begriffen.

Vom französischen Philosophen Michel Foucault stammt die Behauptung, dass das Problem nicht ist, dass Sex zum Tabu wurde, sondern dass in Wahrheit die ganze abendländische Kultur ständig um Sexualität kreist. Hat er recht?

Er hat das brillant analysiert. Wir sollten endlich anfangen uns zu fragen: Wollen wir gerade wirklich Sex haben oder nur unser Selbstwertgefühl steigern? Anders gesagt: Wir sollten viel weniger Sex haben und dafür besseren, befreit von Normen und Erwartungen.

© Sz.de/feko

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