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Ilan Stephani:"Ich war die Vorzeigetochter aus gutem Hause"

Der Macho-Freier ist also ein Klischee?

Natürlich unterscheiden sich die Freier von Bordell zu Bordell. Aber auch wenn ein Freier in ein Flatratebordell geht, 20 Euro zahlt und sagt: "So, jetzt gehörst du mir", dann behaupte ich, dass das eine Schutzfunktion ist. Weil die Situation so beschämend ist und er sich so beschissen fühlt, dass das Einzige, was jetzt noch funktioniert, der Macho mit dem Ständer ist. Was nicht heißt, dass ich dieses Verhalten gutheiße, aber ich würde sogar sagen: Der Job des Freiers ist oft härter als der einer Prostituierten.

Warum?

Das Kunststück, das er innerlich vollbringen muss, ist viel kränker. Das Puff-Setting ist an sich extrem unerotisch. Die Hure lächelt, weil sie Geld kriegt. Bei Minute 31 hört sie auf zu lächeln. Das aber müssen die Männer ausblenden. Dass ihnen das überhaupt gelingt, hängt damit zusammen, dass wir auch außerhalb des Puffs nicht darüber reden, warum Frauen wirklich Sex haben, selbst in Beziehungen nicht. Die ehrliche Antwort würde lauten: Heute habe ich Sex, weil ich wirklich Lust auf dich habe, das letzte Mal, weil ich wollte, dass du noch mein Fahrrad reparierst, das vorletzte Mal weil ich dachte, es ist mal wieder Zeit.

Warum haben Sie sich prostituiert?

Ich habe viel drüber nachgedacht. Auch darüber, ob ich vielleicht als Kind missbraucht wurde, aber dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Ich bin sehr behütet auf dem Land aufgewachsen, mit zwei jüngeren Geschwistern, der Vater Arzt, die Mutter Physiotherapeutin. Ich war Einserschülerin, Klassenbeste, habe eine Klasse übersprungen. Ich war die Vorzeigetochter aus gutem Hause. Und genau das war wohl das Problem.

Deshalb sind Sie in den Puff?

Ich war total verkopft und verschwiegen. Darunter habe ich sehr gelitten. Nach dem Abitur wollte ich mich lebendig fühlen. Ich wollte irgendwie ein Erdbeben hinkriegen. Technopartys oder Drogen waren nicht mein Ding. Als ich mit 19 nach Berlin zog, ging ich alleine in einen Swingerclub. Dort habe ich gemerkt: Die sind irgendwie alle ganz normal. Es war sehr unspektakulär.

Mit 19 alleine in einen Swingerclub - für viele wäre das spektakulär genug.

Das stimmt, aber ich stand zum Beispiel die ersten Abende nur mit einem Pärchen an der Bar und habe Cocktails getrunken. Aus den Erfahrungen im Swingerclub wusste ich: Ich kann anonymen Sex. Die Prostitution war für mich ein Befreiungsschlag, obwohl ich eigentlich immer total dagegen war und auch heute noch bin. Als Schülerin habe ich glühende Diskussionen mit allen möglichen Familienmitgliedern geführt.

Wie kam es zu dem Umschwung?

Ich hatte ab der 11. Klasse eine Leistungskurslehrerin in Deutsch, die mein erstes weibliches Vorbild war. Sie war Feministin und saß da im Minirock und Schneidersitz vor uns und hat mit uns Alice Schwarzer gelesen. Ihre Art, niemanden um Erlaubnis zu fragen, hat mich sehr beeindruckt. Nur durch Alice Schwarzer war mir überhaupt bewusst: In Berlin gibt es diese Huren-Organisation Hydra.

Die veranstaltet regelmäßig ein Frühstück für Prostituierte und Nicht-Prostituierte.

Als ich nach Berlin zog, wollte ich "den Feind" kennenlernen und bin da hin. Ich wollte mit den Frauen über Sex sprechen, aber sie haben sich nur über ihre Kinder und den letzten Urlaub unterhalten und ich habe irgendwann die Sozialarbeiterin gefragt: Was soll das hier? Habt ihr keinen Kontakt zu Prostituierten? Da meinte sie: Du bist die einzige Nicht-Prostituierte hier. In diesem Moment sind all meine Klischees zusammengestürzt. Ich habe erkannt: Es gibt per se keinen Unterschied zwischen Huren und Nicht-Huren. Ich habe mich dann bei Hydra beraten lassen und beschlossen, es selbst auszuprobieren.

Alice Schwarzer dürfte schlecht werden, wenn sie das hier liest. Sie ist entschiedene Gegnerin der Prostitution.

Sie hat ja auch in vielem recht. Es gibt an ganz, ganz vielen Prostitutionsformen berechtigte Kritik. Aber ich bin dafür, dass wir genauer hinschauen. Prostitution ist unser globaler Kopfschmerz. Natürlich ist es nicht okay, Kopfschmerzen zu haben. Aber es ist besser, durch Kopfschmerzen herauszufinden, was im Leben schiefläuft, als es nicht rauszufinden und sich sein Leben lang mit Aspirin abzufüllen. Prostitution ist vor allem deshalb nützlich, weil sie ein Spiegel unserer Gesellschaft ist, den man lesen kann.

Frauen werden darin immer als Opfer gesehen, Männer als Täter. Entspricht das der Realität?

Nein, selbst wenn man davon ausgehen würde, dass 95 Prozent aller Frauen in die Prostitution gezwungen werden, gäbe es bei geschätzt 400 000 Prostituierten in Deutschland immer noch 20 000 Frauen, die sagen: "Alice, mir geht's im Puff besser als davor in meinem Bürojob."

Es gibt Schätzungen der Polizei, die besagen, dass etwa 80 Prozent der Frauen in Deutschland sich nicht freiwillig prostituieren.

Die Frage ist: Was ist freiwillig? Gehen Sie freiwillig zur Arbeit? Aber natürlich ist Zwang in der Prostitution ein großes Problem. Die wenigsten Huren arbeiten unter so freien Arbeitsbedingungen wie ich es getan habe.

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