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#werwirsind:Die dunkle Seite des Schwarms

Spratelloides delicatulus Spratelloides delicatulus Fischschwarm im Lichtkegel bei Nacht Indisch

Wer sich einer Gruppe zugehörig fühlt, orientiert sich oft am Schwarm - und liegt dabei nicht selten falsch.

(Foto: imago/imagebroker/Andrey Nekrasov)

Die Einteilung in "wir" und "die" liegt in der Natur des Menschen - manchmal mit erschreckenden Folgen. Das kann zu Vorurteilen, Diskriminierung und der Spaltung ganzer Gesellschaften führen.

Von David Wünschel

Neun willkürlich ausgewählte Menschen ermordete der Nationalsozialistische Untergrund zwischen 2000 und 2006. Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt achteten bei ihren Opfern nur auf ein Kriterium: Sie sollten ausländische Wurzeln haben. Zwei der Ermordeten waren türkischstämmige Deutsche, sechs waren Türken, einer war Grieche. Ob die Opfer sich mit ihrer Herkunft identifizierten, spielte keine Rolle.

Die NSU-Morde zählen wohl zu den extremsten Folgen eines Phänomens, das überall auf der Welt existiert: Die meisten Menschen identifizieren sich mit bestimmten Gruppen und bewerten Mitglieder anderer Gruppen schlechter als die der eigenen. Psychologinnen sprechen vom sogenannten "in-group bias" oder der "Eigengruppenbevorzugung". Die Eigengruppe muss sich dabei nicht unbedingt über ein konkretes Merkmal definieren. Mitunter reicht schon eine abstrakte kollektive Identität wie die der "Deutschen", die aus der Sicht mancher dann eben jener der "Migranten" überlegen ist.

"Es kann selbst dann zu Diskriminierung kommen, wenn es dafür keinerlei Gründe gibt"

Wie stark diese Einteilung in "wir" und "die anderen" in der Natur des Menschen verankert ist, zeigen Experimente des Psychologen Henri Tajfel aus den 1970er-Jahren. Darin teilte er Probanden auf Zufallsbasis in zwei Gruppen ein und bat sie, einen kleinen Geldbetrag zwischen anderen Studienteilnehmern aufzuteilen.

Obwohl es außer der vollkommen bedeutungslosen Gruppenzugehörigkeit keinen Grund dafür gab, bevorzugten die meisten Probanden die Mitglieder der Eigengruppe deutlich. Davon war selbst Tajfel so verblüfft, dass er schrieb: "Es kann selbst dann zur Diskriminierung von Fremdgruppen kommen, wenn es dafür keinerlei Gründe hinsichtlich eines eigenen Vorteils gibt."

Ursache dieses irrationalen Verhaltens ist ein allzu menschliches Bedürfnis: Jenes nach einem positiven Selbstwert. Denn der hängt nicht nur von der eigenen Persönlichkeit ab, sondern auch davon, mit welchen Gruppen man sich identifiziert. "Wenn diese Gruppen im Vergleich mit anderen gut abschneiden, erhöht das das Selbstwertgefühl", sagt die Sozialpsychologin Beate Küpper, die an der Hochschule Niederrhein zu Rechtsextremismus und Gruppenkonflikten forscht.

Allerdings spielt nicht nur der objektive Unterschied zwischen Fremd- und Eigengruppe eine Rolle, sondern vor allem der wahrgenommene. Küpper zufolge dienen Vorurteile dazu, den subjektiven Stellenwert der eigenen Gruppe zu verbessern. So könne dann auch gerechtfertigt werden, warum man selbst auf der sozialen Leiter weiter oben stehe als andere: "Man bezeichnet die Fremdgruppe als illegitim, kriminell, faul, dreckig, unzuverlässig", sagt Küpper. "Aber die eigene Gruppe ist das alles nicht. Deshalb bin auch ich besser, normal und richtig, und daher steht mir auch mehr zu."

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Beate Küpper, Professorin für Soziale Arbeit in Gruppen und Konfliktsituationen an der Hochschule Niederrhein.

(Foto: Hochschule Niederrhein)

Was Trump über Identität verstanden hatte

Zwar ist der in-group bias nur eines von vielen Verhaltensmustern, die Menschen im Zusammenhang mit Gruppen aufweisen. Aber Tajfels Ergebnisse wurden seit den 1970er-Jahren in zahlreichen Experimenten repliziert. Der US-amerikanische Journalist Ezra Klein sieht in den Erkenntnissen eine Erklärung für die zunehmende Polarisierung in seinem Heimatland. Im Buch "Der tiefe Graben" geht Klein der Frage nach, warum die politische und gesellschaftliche Spaltung in den USA immer größer wird. Eine seiner Thesen: Viele Anhänger von Republikanern und Demokraten würden sich mittlerweile so sehr mit der eigenen Partei identifizieren, dass der Sieg über die andere Partei wichtiger sei als politische Inhalte.

Klein zufolge liegt das unter anderem an der demographischen Spaltung der Wählerschaft. Während weiße, christliche und auf dem Land lebende US-Amerikaner eher die Republikaner unterstützen, sammeln die Demokraten viele Stimmen bei Schwarzen, Einwanderern und Stadtbewohnerinnen. Diese Merkmale seien eng mit der eigenen Identität verwoben, so Klein. Trump habe das verstanden: "Die Konservativen waren eine Identitätsgruppe, die bedroht war. Solange man ihnen Schutz und Siege versprach, würden sie einem in die Hölle und zurück folgen." Eine der wichtigsten Fragen in der US-Politik ist laut Klein daher, wie stark man sich mit der eigenen Gruppenzugehörigkeit identifiziere: Davon hänge ab, "wie sehr wir uns einem Team zugehörig fühlen und wie sehr wir befürchten, gegen das andere Team zu verlieren".

Tajfels Experimente zeigen, dass Gruppenidentitäten sehr schnell entstehen können. Und Klein zufolge wollen wir umso mehr gegen die Fremdgruppe gewinnen, je stärker wir uns mit der Eigengruppe identifizieren. Ist es also ganz natürlich, sich bestimmten Gruppen zugehörig zu fühlen und andere abzuwerten? "Diese Tendenz gibt es, aber sie ist nicht in allen Kontexten gleich ausgeprägt", so Sozialpsychologin Küpper. Die Einteilung in "wir" und "die anderen" sei zwar universell. Nach welchen Kategorien eingeteilt werde, hänge jedoch von Kultur, Sozialisation und Medien ab. Jede Gesellschaft sei mit wertenden Bildern über Fremdgruppen durchsetzt, von denen die meisten Menschen vermutlich einige verinnerlicht hätten. Um ungewollte Diskriminierung zu vermeiden, empfiehlt Küpper daher, die eigenen Vorurteile zu reflektieren.

Wie diese Vorurteile ausgelebt werden, hängt Küpper zufolge mit den verbreiteten Werten und Normen zusammen: "Das Abwerten von Fremdgruppen wird mal mehr, mal weniger von der Gesellschaft sanktioniert oder gefördert." Auch die Persönlichkeit eines Menschen spiele eine Rolle: "Wer soziale Hierarchien befürwortet, neigt dazu, eine ganze Batterie von Gruppen abzuwerten", sagt Küpper. Sexistische Menschen hätten also auch eher rassistische oder antisemitische Einstellungen.

Mit letzteren machte der spätere Spitzenpsychologe Henri Tajfel ganz persönliche Erfahrungen. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg zog er für ein Studium nach Frankreich. Dort kämpfte er in der Armee, kam 1940 in Kriegsgefangenschaft und verbrachte fünf Jahre in deutschen Straflagern. Tajfel überlebte nur, weil die Aufseher dachten, er sei Franzose. Hätten sie seine wahre Identität herausgefunden, wäre sein Schicksal - wie bei den NSU-Opfern - dadurch entschieden worden, dass er einer bestimmten Gruppe angehörte: Tajfel kam nicht aus Frankreich. Geboren wurde er als polnischer Jude.

© SZ
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