Hebammen In jeder zweiten Geburtsklinik fehlt die Kinderstation

Denn wo es viele Krankenhäuser gibt, sind auch die Ärzte, Hebammen und Kinderkrankenschwestern auf viele Häuser verteilt. Man könnte sagen, die geballte Expertise verliert sich in den vielen kleinen Einheiten: Weil wir so viele, nämlich etwa 700 Geburtsstationen haben, aber nur gut 350 Kinderkliniken, findet in der Hälfte der Häuser eine Geburt statt, ohne dass automatisch ein Kinderarzt in der Nähe ist. Darum müssen Kinder - und, wo die Intensivstation fehlt, auch Frauen - im Notfall verlegt werden. Und weil es 180 Kliniken mit weniger als 500 Geburten pro Jahr gibt, haben Ärzte und Hebammen bei kritischen Verläufen weniger Routine.

Das führt dazu, dass Deutschland trotz hoher Kosten schlechter ist, als es sein könnte. Dieser Zusammenhang ist auch für andere Bereiche der Medizin, etwa für die Überlebenschancen von Patienten nach einem Herzinfarkt, so eindeutig belegt, dass sich im Oktober 2016 eine Gruppe führender Mediziner der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle, mit einem viel beachteten Appell an die Öffentlichkeit wandte. Deutschland habe zu viele schlechte Krankenhäuser, warnten die Wissenschaftler. Sie forderten eine Reform, forderten weniger, aber dafür besser ausgestattete Häuser. Dies sei kein Weg, um Geld zu sparen, betonen sie, sondern um mit dem gleichen Geld bessere Medizin zu machen.

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Was ist eine gute Geburt? Eine, die Mütter als solche empfinden. Hebammenmangel und Kreißsaalschließungen sind daher nicht hinnehmbar.   Kommentar von Meredith Haaf

Weniger Häuser sind - und das sagen inzwischen sogar Hebammen - auch ein gangbarer Weg, um die Mitarbeiter zufriedener zu machen und so die Hebammennot zu lindern. Denn wenn Kliniken in Bayern keine Hebammen mehr finden, liegt das nicht daran, dass es heute weniger Hebammen gibt. Es liegt daran, dass die vorhandenen Hebammen - genauso übrigens wie Pfleger und Ärzte - heute nicht mehr bereit sind, drei Wochenenden hintereinander Dienst zu schieben.

Zeit für Familie und Freizeit ist wichtiger als früher, und so konzentriert sich manche Hebamme auf die Vor- und Nachbetreuung der Frauen, und immer mehr arbeiten nur noch Teilzeit in der Klinik. In großen Teams aber können Dienste gerechter verteilt werden, auch der Krankheitsfall der Kollegin wird besser abgefedert. Neben der Qualität ist damit die Personalnot zu einem Argument für größere Geburtskliniken geworden.

Große, gut ausgelastete und damit profitable Stationen sollten dann auch verpflichtet werden, mehr Personal einzustellen, damit nicht eine Hebamme zwischen mehreren Geburten hin- und herflitzen muss. Die Hetze vermiest den Hebammen den Beruf und gefährdet Mutter und Kind.

Der Schiedsspruch erfüllt, was sich alle wünschen: Mehr Zeit

Länder wie Norwegen zeigen, was wir brauchen: Seit 2010 soll dort eine Hebamme nur nicht mehr mehrere Geburten gleichzeitig verantworten. Auch wenn das nicht immer klappt: Die Richtung stimmt. Insofern ist auch der kürzlich ergangene, viel kritisierte Schiedsspruch zu den freiberuflichen Hebammen, die in Bayern den größten Teil der Geburtshelfer in Kliniken stellen, zunächst einmal richtig. Er legt fest, dass diese nur noch zwei Geburten gleichzeitig betreuen dürfen. Auch wenn das die Freiberuflerinnen in finanzielle und die Kliniken in organisatorische Nöte stürzt und sich darum kaum umsetzen lassen wird: Im Grunde erfüllt der Spruch, was sich alle wünschen: mehr Zeit für die Frauen.

Ist es also schlimm, wenn morgen das Krankenhaus vor meiner Haustür verschwindet? Im Einzelfall vielleicht schon: München traf es zuletzt hart, als im Umland mehrere Kreißsäle schlossen, während die Stadt gleichzeitig einen Babyboom erlebte. In Zeiten steigender Geburtenzahlen muss für jeden Kreißsaal, der wegfällt, ein anderer erweitert werden. In Berlin, wo einer Erhebung zufolge im vergangenen Jahr so viele Kinder geboren wurden wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr, wollen nun fünf Kliniken ihre Kreißsäle ausbauen. Das ist gut, dieser Prozess darf aber nicht den Kliniken allein überlassen werden.

Es braucht mutige Politiker, die kluge Vorgaben machen, welche Geburtsstationen wir künftig brauchen und wo. Und wie viele Hebammen und Ärzte dort arbeiten sollen. Damit künftig kein Frühchen mehr ohne Kinderarzt auskommen muss, damit kein Arzt sich am frühen Abend quasi prophylaktisch für einen Kaiserschnitt entscheidet, weil die Kollegin später allein im Dienst ist. Damit keine Gebärende stark blutend verlegt werden muss.

Es stimmt ja, die allermeisten Geburten laufen nicht so ab. Die allermeisten bleiben als schönes Erlebnis in Erinnerung. Aber das nutzt den zwei von 100 Frauen nichts, bei denen alles anders kam. Und deren Leben vielleicht anders verlaufen wäre, wenn sie zur richtigen Zeit in den richtigen Händen gewesen wären. In Händen, die es in Deutschland ja gibt, nur nicht immer gerade dort, wo sie gebraucht werden.

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Dieser Text stammt aus Süddeutsche Zeitung Familie. Das 2in1-Magazin für Eltern und Kinder - jetzt hier bestellen.