Gastronomie:"Ja, man muss den Kindern schon ein bisschen entgegenkommen ..."

Es ist nicht so, dass man Kinder nicht gern sähe im Tantris. Oder in anderen großen Restaurants. Im Gegenteil. Schon von den eigenartig skulpturalen Fabelwesen, die vor der Tantris-Himmelspforte in Schwabing die Kunst des Essens beschützen, könnten sich Kinder angezogen fühlen. Und drinnen erhalten sie kleine, kindgerechte Portionen (zu Preisen allerdings, muss man sagen, die zwar einem guten Essen absolut entsprechen, dann aber doch mehrheitlich nicht familientauglich sind). Oder sie dürfen in die Küche marschieren und sich vom Küchenchef persönlich etwas wünschen. Haas sagt: "Ja, man muss den Kindern schon ein bisschen entgegenkommen . . . Pfannkuchen essen natürlich die meisten Kinder gern, aber die können ja beispielsweise auch mal mit Ragout gefüllt sein. Worauf es jedenfalls ankommt: Wenn die Kinder einen Fisch wollen, dann gebe ich ihnen auch einen Fisch - und keine Fischstäbchen."

Keine Fischstäbchen! Offenbar sind die im Tantris noch verrückter, als man bisher dachte. Wo man doch schon nach wenigen Restaurantbesuchen mit Kindern weiß, dass Kinder erst mit dem "Käpt'n-Blaubär-Teller" befriedet werden können, also mit Fischstäbchen an Pommes, wobei der Blaubär-Teller auch als "Nemo", "Moby Dick", "Arielle" oder "Captain Hook" bekannt ist. (Ob Disney eigentlich Prozente kriegt für jedes Arielle- und Captain-Hook-Fischresteteil?) Manchmal, aber dann wird es bereits komplex, werden statt Pommes auch Salzkartoffeln oder Kartoffelsalat gereicht zum, hm, Fischartigen. Wie auch zum Wienerschnitzel, das leider nur selten ein Wiener Schnitzel ist (also vom Kalb). Meist ist es vom Schwein oder gleich von der komplett unwienerischen Pute. Es heißt dann entweder "Balu", "Goofy", "Donald Duck", "Schnibitzi" oder "Benjamin Blümchen". Manchmal gibt es dazu auch Kartoffelpuffer ("Puffi"). Muss man noch erwähnen, dass die Nuggets entweder "Harry Potter", "Chicken Dynamite" oder wenigstens "Hähnchen-Crossies" heißen?

Für Kinder zu kochen, ist nicht unbedingt leicht

Das ist nicht allein ein Problem von Skihütten und krachledernen Wirtshäusern. Das Phänomen von Kinderkarten, bei denen man sich fragt, ob die Ambitionen zusammen mit den Pommes in die Fritteuse gefallen sind, kennt man auch andernorts. Beispielsweise vom - immerhin mit fünf Sternen ausgewiesenen - "Bio- und Wellnessresort Stanglwirt".

Beim Stanglwirt, mit Blick auf den Wilden Kaiser, in Tirol, "wo der Trend auf die Tradition trifft", geht dieses Treffen kulinarisch für die Kinder tragisch aus: Es gibt "Captain Fisch", also Fischstäbchen für acht Euro, es gibt den "Stanglman" (Superheld in Lederhose mit grünem Cape und Augenzwinkern), also Putenschnitzel für acht Euro, es gibt die "Nudelfee", also Spaghetti für acht Euro, und es gibt Nuggets mit Pommes, die beim Stanglwirt halt "Stangl-Fritz" heißen und übrigens acht Euro kosten.

Nun weiß jeder, der für seine Kinder kocht, dass es nicht leicht ist mit ihnen. "Ihhh, was ist denn das Grüne?" - "Nur ein bisschen Rosmarin." So der typische Küchen-Dialog, der sich auch um Rotes drehen kann (ochneee, Paprika), um Weißes (bähhhh, Spargel) oder Gelbes: Ist das, pfffft, etwa Honig? Dann mag ich's nicht.

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