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La Boum:Die Nuggets

La Boum
(Foto: Steffen Mackert)

Die Touristen kommen zurück nach Paris. Gute Nachrichten, findet unsere Kolumnistin. Dann haben die Taschendiebe wieder was zu tun.

Von Nadia Pantel

Mich hat schon seit Ewigkeiten niemand mehr nach dem Weg gefragt. Dabei war das immer so eine hübsche Gelegenheit, sich selbst zu zeigen, dass man angekommen ist. Oui, oui, ich bin von hier. Ich schickte Menschen zum Louvre, wies ihnen den Weg zur Metro, manchmal bekam ich sogar ein Telefon in die Hand gedrückt, damit ich Google Maps vorlese. Diese Verlorenen übernehmen in Paris eine wichtige Pufferfunktion. Freundlich und arglos stellen sie sicher, dass die Taschendiebe es nicht allzu schwer haben. Mir wurde mal erklärt, man nenne diese Menschen Nuggets, weil sie durch die Stadt laufen wie kleine Goldklumpen, die nur darauf warten, geschürft zu werden. Ein Jahr lebten wir nun ohne Nuggets. Ich habe mich daher darauf konzentriert, eine Grüßbeziehung zum Gemüsehändler aufzubauen, um mich zu Hause zu fühlen. Für die Taschendiebe war es schwieriger.

Im besten Boulevardblatt der Stadt, dem Parisien, wurde berichtet, dass die Überfälle in der Stadt immer brutaler werden. Weil die leichten Opfer fehlen. Wer schon länger in Paris lebt, hat sich anscheinend angewöhnt, sich an allem, was wertvoll ist, richtig festzukrallen. Mangels Nuggets bleibt den Taschendieben daher nichts anderes übrig, als zurückzukrallen. Oder umzuschulen.

Ist das nicht illegal? Oui, Madame.

Vor Kurzem stand ein Mann in unserem Innenhof und drehte unseren Gashahn zu. Die Katze, die sich immer langweilt, saß einfach nur daneben und sagte nichts. Und ich verstand erst, als ich kalt duschte, was da eigentlich passiert war. In einem biblischen Telefonat mit unserem Gasanbieter wurde mir folgende Geschichte erzählt: Ein konkurrierender Gasanbieter hatte in meinem Namen meinen Vertrag gekündigt und einen neuen Vertrag mit dem Vormieter erfunden, der aber vor sechs Jahren gestorben war, und dann das Gas abdrehen lassen, weil halt keiner mehr das Gas zahlte. Ist das nicht illegal, fragte ich die Dame in der Gasanbieter-Hotline. Oui, Madame, sagte die Gasanbieter-Dame.

Wir waren an deprimierend mittelmäßige Gauner geraten. Es war ja nicht so, als hätte der Verstorbene ihnen Unsummen überweisen können. Fast taten mir die Gasvertragdiebe leid. Früher sind sie vermutlich einfach ein bisschen Metro gefahren, haben den Rollkoffer eines Nuggets kurz vor Abfahrt aus der Tür gezogen und waren zufrieden.

Wenn nun langsam wieder Touristen in die Stadt kommen, dann ist das nicht nur eine gute Nachricht für Menschen, die T-Shirts mit dem Eiffelturm darauf verkaufen. Es ist, als würde in einem Biotop eine lange vermisste Tierart angesiedelt, die alles wieder ins Gleichgewicht bringt. Jeder angereiste Tourist erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man nicht selbst zum Nugget wird. Ich kann zwar schon ganz gut nach links und rechts und zum Fluss zeigen, aber im Festkrallen bin ich schwach. Und manchmal trage ich sogar eine Wetterjacke, wie ein echtes Ober-Nugget. Ich muss dringend gepuffert werden.

© SZ
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Paris-Kolumne
:La Boum

Nadia Pantel ist SZ-Korrespondentin in Frankreich. Über ihr Leben in Paris schreibt sie jeden Freitag die Kolumne "La Boum". Hier gibt es alle bisher erschienenen Folgen zum Nachlesen.

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