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Fluch der ständigen Erreichbarkeit:Alleinsein als Selbsttherapie

Das Schöne am Alleinsein ist ja, dass man es gewissermaßen mitnehmen kann, wohin immer man will. Man muss nicht im Zimmer hocken, da ist man ohnehin nicht allein, weil da der Computer steht, der kleine flache Kommunikationsfascho. Man kann sich alleine in ein Café setzen, in ein Restaurant, in ein Kino. Kein Kommunikationsgerät ist so portabel wie das Alleinsein. Michel de Montaigne, der lässige Turmbewohner, hat ganz hübsch beschrieben, wie er bei sich zu Hause alle Höflichkeitsregeln außer Kraft setzt und inmitten seiner familiären Bagage vor sich hinstarrt: "Ich meinerseits bleibe stumm und träumerisch in mich verschlossen, ohne dass meine Gäste daran Anstoß nehmen."

Das Alleinsein bekommt offenbar erst dann einen gewissen Reiz, wenn es mit einem Event verbunden ist oder in dem großen Therapiegedanken aufgeht, der in unserer Gesellschaft seit einiger Zeit so populär ist. Es findet heute vorzugsweise in Klöstern statt, wo Menschen, die gar nicht einmal religiös sind, über mehrere Wochen in der Stille verweilen, abgeschnitten von der Welt und ihren Anforderungen.

Christian Wulff, der unglückliche Bundespräsident, zog sich nach dem vuvuzelaumtosten Zapfenstreich zum Ausklang seiner Dienstzeit in ein Kloster zurück, um sich vom Amt zu lösen - von der Würde hatten ihn bereits andere gelöst. Horst Seehofer wählte das Zisterzienserinnen-Kloster in Waldsassen, um einmal ohne Markus Söder sein zu können. Und man muss als Klosterbetreiber schon von allen guten Geistern des Marketing verlassen sein, wenn man nicht mit den Lockungen einer "Auszeit auf Zeit" oder einer "Zeit in der Stille" um Gäste in seinem Heiligtum wirbt.

Das Alleinsein gehört wie das Entspannen, das Essen und das Nichtausgebranntsein zu den Lebenstechniken, die offenbar behutsam wieder erlernt werden müssen. Und wie bei allen Dingen, die wir verlernt haben, steht eine ganze Industrie bereit, uns wieder auf die Sprünge zu helfen. Denn wenn das Alleinsein ein Baustein für die Optimierung ist, kann es sogar als Therapie eingesetzt werden.

Wann hat das eigentlich angefangen mit der Verkitschung des Alleinseins als Erleuchtungsbeihilfe? Vielleicht mit den Büchern des brasilianischen Hausfrauen-Verhexers Paulo Coelho, der Tausende auf den Pilgerweg geschickt hat, damit sie auf sich selbst zurückgeworfen werden wie Trampolinspringer? Mit Coelho war es eine Zeit lang angesagt, sich allein durch unkultivierte Landschaften zu schlagen, um in der Einsamkeit zu sich selbst zu kommen. "Wenn du nicht allein sein kannst, wird die Liebe nicht lange an deiner Seite verweilen", scheibt Coelho in seinem neuen Roman "Die Schriften von Accra". Weil aber Coelho eine sehr große Leserschaft mobilisierte, zogen gleich Legionen von auf sich Zurückgeworfenen nach Santiago de Compostela. Das kann der Mann doch nicht mit Alleinsein und Liebe gemeint haben.

Sofern man eine kleine Kulturgeschichte des Alleinseins vorlegen möchte, findet man Glanz vorzugsweise in der Leistungsbilanz solitärer Künstler. Im gesellschaftlichen Alltag herrscht auf dem Feld der Solitude eher blankes Elend vor: Einsame und alleinstehende Menschen galten von jeher als Sonderlinge. Das malerische Werk von Carl Spitzweg bezieht seine melancholische Komik aus der Darstellung von Hagestolzen, alten Jungfern und im Schmerz eingekapselten Witwern oder Witwen. In den Bildern des Amerikaners Edward Hopper wachen alleinstehende Frauen leichtbekleidet in kargen Hotelzimmern einer fremden Stadt auf, sitzen Menschen ohne soziale Bindung an der Theke einer unschön ausgeleuchteten Motel-Bar. Im revolutionären Frankreich des späten 18. Jahrhunderts wurden Alleinstehende aus dem öffentlichen Leben verbannt, sie kamen für Funktionen im Gemeinwesen nicht in Betracht. Junge Mütter ohne Ehemann wurden nicht gegrüßt, Priester geächtet, weil sie in ihrer individualistischen Lebensmanier dem republikanischen Volksgedanken fernstanden.

Alleinsein wichtig für die kulturelle Entwicklung

Aber hätte es keine Menschen gegeben, die gerne allein sind, stünden wir heute weitgehend ohne Kultur da. Bruckner hätte sein Te Deum niemals komponiert, wäre er in Wien nicht als ostentativer Bauerntölpel aufgetreten, um unangenehme Menschen von sich fernzuhalten; Proust hätte seine Recherche nicht geschrieben, wäre er nicht regelmäßig den Soireen der Madame Lemaire ferngeblieben - unvergesslich seine Absagebriefchen mit dem Postskriptum: Ausrede wird nachgereicht.

Paul Cézanne wäre es nie gelungen, den Mont Sainte Victoire in all seinen Schattierungen zu malen, hätte er nicht jeden Tag mutterseelenallein vor ihm gehockt, wäre er nicht eines Tages vom Regen klatschnass geworden und an der sich anschließenden Erkältung gestorben, hätte er seinen Rausch des Alleinseins bis in alle Ewigkeit gepflegt. Und was wäre das Werk Gottfried Benns ohne die Feier der Solitude - noch im Alter wollte der Dichter lieber in seinem Zimmer hocken, "allein an kleinem Tisch, an abgeschlossenem Rund", anstatt das "Menschentum und sein Gebarme" ertragen zu müssen. Heute würde ein Mann in den Lebensjahren des späten Benn einem Senioren-Computer-Club beitreten oder wenigstens von wohlmeinenden Sozialarbeitern zur gesellschaftlichen Teilnahme aufgefordert werden.

Das Alleinsein ist ein Zustand, den klügere Menschen zur Optimierung ihrer Sinne und Fertigkeiten benutzen, für weniger helle Köpfe ist das Alleinsein eine Leerstelle, die gefüllt werden muss. "Unser ganzes Übel rührt daher, dass wir nicht allein sind", schrieb Jean de la Bruyère, der alte Quietist aus dem Frankreich des späten 17. Jahrhunderts: "Daraus ergeben sich das Spiel, der Luxus, die Zerstreuung, der Wein, die Ignoranz, die Verleumdung, der Neid."

Verleumdung, Wein, Ignoranz, Neid? Soll man so einen alten Knochen überhaupt noch zitieren mit seiner Kanzelmoral? Muss man ja nicht, es geht auch mit einer dpa-Meldung aus dem frühen 21. Jahrhundert: Forscher der Universität Darmstadt und der Berliner Humboldt-Universität haben Facebook-User über ihre Empfindungen befragt. 37 Prozent von ihnen sagen, dass sie angesichts der in Wort und Bild dokumentierten sozialen Sensationen ihrer Freunde vor allem dies empfänden: Neid.

© SZ vom 23.02.2013/kad

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