Familie Wer darf wie lange ans Handy und warum?

Wie lange darf ich noch?

(Foto: imago/Mint Images)

Auch wenn die Diskussion darüber Nerven kostet - sie hilft. Familien brauchen Regeln für den digitalen Alltag. "SZ Familie" hat ein paar Vorschläge.

Von Vera Schroeder

Letztens stand der Achtjährige im Schlafzimmer und entdeckte ein ganzes Bücherregalfach voller Filofaxe, die seine Eltern in den Unijahren als Kalender gepflegt hatten. Er wollte wissen, was das für Bücher seien. Und staunte nicht schlecht über den Satz: "Weißt du, damals gab es ja noch keine Smartphones." Man konnte die Rauchwolken im Kopf des Kindes erahnen. "Man hat Termine mit der Hand in so ein Buch eingetragen, und das hatte man dann am besten immer in der Tasche." Noch mehr Rauchwolken. Dann irgendwann, konzen­trierte fünf Minuten später: "Sag mal, Mama: Hattet ihr damals schon Duschen?"

Mit ein bisschen Abstand betrachtet: Es ist so verdammt kurz her, dass es Smartphones gibt. 2007 kam das erste iPhone auf den Markt. Wir sind die erste Generation, in der die meisten Mütter es sich schlicht nicht vorstellen können, wie langweilig Stillen ohne Handy gewesen sein muss. Und wie oft Kinder wohl "Die Sendung mit der Maus" verpassen mussten, weil sie wirklich nur sonn­tags um 11.30 Uhr ins Wohnzimmer gesendet wurde.

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Dieser Text stammt aus Süddeutsche Zeitung Familie. Das 2in1-Magazin für Eltern und Kinder - jetzt hier bestellen.

Wenn aber das Smartphone in etwa so neu ist wie das Leben mit unseren Kindern: Weshalb sind wir dann so ungeduldig? Wieso wollen wir sofort einschätzen kön­nen, wie man damit am besten umgeht? Bei den Kindern würden wir ja auch nie behaupten, im Umgang mitei­nander schon der Weisheit letzten Schluss gefunden zu haben. Das Handy hat in seinem Inneren synchronisier­bare Familienkalender, Wegbeschreibungen ohne Ehe­streit und 38 Gigabyte beglückendste Kinderfotos - aber auch jede Menge Suchtpotenzial.

Ob die Apokalyptiker recht haben oder nicht, ist irrelevant

Es kann jede Woche et­was Neues, die Küche in eine Disco verwandeln - und so viel Aufmerksamkeit binden, dass sich Eltern wie Kinder in unkonzentriert grunzende Buckelwesen verwandeln. Eigentlich ist es selbstverständlich: Etwas Neues kommt. Und man überlegt, welche Regeln es nun braucht, damit das Neue im Bestehenden funktioniert. Beim Smart­phone gibt es alarmistische Grundsatzdebatten. "Handys machen dumm! Weg damit!", schreien die Apokalypti­ker (und erhalten gut dotierte Sachbuchverträge). "Jeder Lehrer, der nicht auf Snapchat ist, gehört in Rente", rufen die anderen, die gern vorn dran sind (und damit Geld verdienen, so zu tun, als ob sie Snapchat verstehen).

"Have smartphones destroyed a generation?", fragte letzthin ein viel beachteter Text im US­-Magazin The Atlantic, in dem die Psychologin Jean M. Twenge Anek­doten handysüchtiger Jugendlicher mit zu ihren Thesen passenden Studien mischte und einer ganzen Genera­tion den Verlust der sozialen Fähigkeiten attestierte. Die Psychologin Sarah Cavanagh entgegnete in Psychology Today, Twenge lese alle Studien zu einseitig und dass man eine Generation, die weniger trinkt und weniger raucht als jede zuvor, wohl kaum als zerstört bezeichnen könne. Wer von beiden und ob überhaupt jemand recht behalten wird, ist für den Familienalltag vollkommen irrelevant.

Das Smartphone wird nicht mehr verschwin­den. Es ist eine der größten Erfindungen unserer Zeit und verändert das Zusammenleben. Im Magazin Süddeutsche Zeitung Familie erklären unterschiedlichste Menschen, wie sie mit ihrem Handy umgehen. Und wel­che Regeln sie Familien empfehlen. Nichts davon kann für alle gelten. Aber jeder Gedanke zum Weiterdenken anregen. Genauso wie die Vorschläge der Redaktion:

  • Keine Angst vor klaren Regeln. Kinder können Medien­konsum nicht allein steuern. Das ist Elternjob. Bei Süßig­keiten geben Sie ja vermutlich auch den Rahmen vor.
  • Welche Regeln für Ihre Familie funktionieren, müssen Sie gemeinsam herausfinden. Ob es fixe Regeln sind wie zum Beispiel wöchentliche Zeitkontingente, die Sie in "10 Minuten Screentime"­-Marken austeilen und den Kindern zur freien Verfügung überlassen, oder inhalt­liche Regeln - reden Sie miteinander.
  • Okay. Konkreter. Das wäre unser Vorschlag: 3-5 Jahre: Screentime max. 2 h/Woche, 6-9 Jahre: max. 5 h/Woche, ab 10 Jahren: max. 9 h/Woche.
  • Versuchen Sie, das eigene Handy fürs Kind so lange wie möglich hinauszuzögern. Unser Vorschlag: Telefon ohne Internet ab 10 Jahren, Smartphone mit Prepaidkarte ab 13 Jahren, Smartphone komplett ab 16 Jahren.
  • "Alle haben eins" ist kein gutes Argument. Nur faule Eltern lassen sich davon überzeugen. Seien Sie nicht faul. Erklären Sie. Gucken Sie mit. Beobachten Sie das Kind.
  • "Ich brauche Whatsapp! Sonst krieg ich nix mit!" gilt auch nicht. Installieren Sie einen festen Familienrechner im Wohnzimmer, der Whatsapp kann. Mit einem Auge kriegen Sie dann auch mit, was gerade auf Youtube läuft.
  • Auch kein Argument: Sicherheit. Bitte kurz vorstellen: Ein Achtjähriger, der sich aufs Handy gestern "Minion Rush" heruntergeladen hat, überquert eine Straße.
  • Klingt langweilig, muss aber sein: Vorbild sein. Beim Essen, vor dem Schlafen und wenn man arbeitet/Haus­aufgaben macht, gehört das Handy weggelegt, von allen.
  • Achten Sie die Privatsphäre Ihres Kindes. Falls Sie glauben, Whatsapp­-Chats noch kontrollieren zu müs­sen, ist das ein recht sicheres Zeichen dafür, dass es für ein eigenes Handy noch zu früh ist.
  • Fangen Sie früh an, das Aushandeln zu üben. Auf jeden Fall, bevor die Pubertät beginnt. Sie ahnen, weshalb
  • Seien Sie angstfrei. Die allermeisten Generationen vor Ihnen mussten mit dringlicheren Problemen fertig­ werden als mit einem vibrierenden Universallexikon in der Hosentasche (und wir selbst müssen das auch).
  • Und bitte: Daddeln Sie wenigstens ab und an mit.

Die erste moderne Dusche wurde übrigens 1872 erwähnt. Schauen Sie ins Handy. Das Bild auf Wikipedia von einer selbst gemachten Duschkonstruktion aus dem Ersten Weltkrieg lohnt sich.

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