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Familie:Ruhe für Mamas Seele

Erholungsheim fuer Muetter am Kleinen Wannsee, Berlin - 1957

Erholungsaufenthalt für Mütter am Kleinen Wannsee, Berlin 1957.

(Foto: ullstein bild)

Altmodisch? Von wegen. Vor 70 Jahren wurde das Müttergenesungswerk gegründet, wo erschöpfte Frauen aufgepäppelt und getröstet werden. Warum diese Institution ganz besonders in diesen Zeiten so wichtig ist.

Das "Hohe Licht" liegt eingebettet in Wiesen und Wälder. Von den breiten Balkonen der Klinik sieht man die Allgäuer Alpen: das Fellhorn, die Kanzelwand, das Nebelhorn. Wo, wenn nicht hier, kann man sich wie am Ende der Welt fühlen, entrückt von allen Sorgen? Dass die Klinik weit vom Schuss liegt, hat aber auch einen anderen Vorteil. Denn nicht immer hält sich die liebe Familie an das Gebot, dass man der Mama die benötigte Ruhe auch lässt. Zum Beispiel ruft der Mann an, und fragt als Erstes nicht, wie es geht, sondern sagt: Die Waschmaschine ist kaputt. Ärztin Simone Frohwein kann in so einem Fall nur noch schwer an sich halten: "Wozu soll eine solche Information für eine Frau in der Kur gut sein?"

Als die Ärztin und Psychotherapeutin Frohwein sich vor viereinhalb Jahren entschieden hatte, in einer Klinik des Müttergenesungswerks zu arbeiten, erntetet sie zunächst Unverständnis. Das sind doch die, die immer mit der Büchse herumlaufen und um Spenden betteln, hieß es in ihrem engeren Umfeld. Und: Kuren für überforderte Mütter? Was willst du denn da?

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Frohwein hatte zuvor eine gut gehende Praxis in Essen und ist noch heute entsetzt über diese Vorurteile. Noch nie habe sie eine beruflich so sinnstiftende Arbeit gemacht wie jetzt, erzählt sie in der Klinik "Hohes Licht" in Oberstdorf, die vom Müttergenesungswerk anerkannt ist. Alle drei Wochen kommen dort 51 Frauen an, um aufgepäppelt und getröstet zu werden, um Energie zu tanken. Viele merkten erst hier, wie ausgelaugt sie seien, sagt Frohwein. "Ihre Themen sind, grob gesagt, Trauer, Pflege, Erschöpfung" - und damit nicht wirklich andere als vor 70 Jahren, als das Müttergenesungswerk gegründet wurde.

Doch hat sich auch viel verändert, seit Elly Heuss-Knapp, Frau des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss, mit der evangelischen Sozialwissenschaftlerin Antonie Nopitsch am 31. Januar 1950 das Deutsche Müttergenesungswerk ins Leben rief. So werden seit 1983 im Müttergenesungswerk auch Mutter-Kind-Kuren genehmigt, seit 2002 sind Krankenkassen verpflichtet, Kuren komplett zu bezahlen. "Wir haben ganz viele Kämpfe ausgefochten", zieht Anne Schilling, die Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks, Bilanz: "Für alle, die eine Kur brauchen, sieht es heute gut aus. Nur elf Prozent der Erstanträge werden abgelehnt."

Die Mehrfachbelastung der Frauen ist "ein Armutszeugnis für die Gesellschaft"

Mehr als vier Millionen Mütter hat das Müttergenesungswerk seit 1950 schon auf Kur geschickt. Es unterhält mehr als 1100 Beratungsstellen, wo Mütter und inzwischen auch Väter sowie pflegende Angehörige sich Unterstützung und Nachsorge holen können. Die meisten Patienten in den mehr als 70 Kliniken, die das Müttergenesungswerk anerkannt hat, sind aber weiterhin Frauen. In Deutschland tragen sie trotz aller Gleichberechtigung die Hauptlast in der Familiensorge. Viele verdienen weniger als ihre Männer, arbeiten als Mütter Teilzeit oder Vollzeit und fühlen sich trotzdem zu Hause für alles zuständig. Alleinerziehende müssen das sowieso.

Elly Heuss-Knapp / Foto um 1950

Gründerin Elly Heuss-Knapp mit ihrem Ehemann, dem damaligen Bundespräsidenten, Theodor Heuss im Jahr 1952

(Foto: akg-images / Müttergenesungsw.)

Laut Statistischem Bundesamt liegt der Anteil der Männer, die täglich kochen oder Hausarbeit verrichten, in Deutschland bei nur 29 Prozent, in Schweden aber bei 56 Prozent. Die Mehrfachbelastung der Frauen sei "ein Armutszeugnis für die Gesellschaft", findet Elke Hüttenrauch; sie leitet die Klinik in Oberstdorf und sieht tagtäglich, was Stress und Selbstaufopferung mit Müttern machen.

Für die 51 Frauen, die in den ersten Januarwochen in Oberstdorf eine Kur machten, ist gerade das letzte Wochenende angebrochen. Vier Patientinnen kommen im Kaminzimmer zusammen und erzählen. Martha G., die ihren echten Namen ebenso wie die drei anderen nicht in der Zeitung lesen will, ist schon zum zweiten Mal in der Klinik. Einer der beiden Söhne hatte einen Zusammenbruch nach einem abgebrochenen Studium, kurz darauf bekam der Mann einen Burn-out, sie musste alles managen. Und stand kurze Zeit später völlig erschöpft vor Ärztin Frohwein. "Erst in der Klinik ist mir klar geworden, wie lange ich durchgehalten habe", sagt Martha G. Sie findet es schön, "dass man hier die Notbremse ziehen kann, bevor man psychisch krank wird". Martha G. hat sich "wie in einer Genesungsblase" gefühlt. "Es sagt einem auch jemand, es ist okay, dass du schon wieder hier bist", denn jede Frau, die in die Kur komme, denke zunächst einmal, sie habe etwas falsch gemacht.

Renate H. ging es ähnlich. Ihr Sohn wurde schwer krank, dazu haben sie und ihr Mann derzeit die Mutter und die Schwiegermutter zu versorgen; diese sind noch rüstig, aber man muss sich um sie kümmern. Renate H. arbeitet Vollzeit. Stress und Sorge um ihren Sohn haben ihr den Blutdruck auf 200 hochgetrieben. Da wusste H., dass sie etwas ändern muss, obwohl sie es nicht wahrhaben wollte. "Ich bin ja so eine Durchhalterin", sagt sie. Ihr Hausarzt schickte sie auf Kur, und wundersamerweise bekam sie schnell einen Platz im "Hohen Licht". Normalerweise sind die Kliniken voll, man wartet Wochen, ja Monate auf einen Platz.

Frohwein und Hüttenrauch bringt die geringe gesellschaftliche Wertschätzung für die Bedürfnisse der Frauen immer wieder in Rage. Tatsächlich müssen die beiden so manche Frau auch vor sich selbst schützen. Allein, dass eine kaputte Waschmaschine sie aus dem mühsam wiedergefundenen Gleichgewicht bringen kann, zeige, wie fest gefügt die Rollenmuster seien, sagt Frohwein. Elke Hüttenrauch meint gar, die eine oder andere Mutter würde, wenn es ihr nicht zu weit wäre, "möglicherweise am Wochenende von der Kur durchaus nach Hause fahren, um die Wäsche zu erledigen oder für die ganze Familie vorzukochen".

Als das Müttergenesungswerk 1950 gegründet wurde, war es keine Frage, dass die Mutter sich um Haushalt, Kinder und die pflegebedürftigen Angehörigen zu kümmern hatte. Doch schon weit vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland emanzipatorische Bestrebungen, Müttern zu helfen, sie zu entlasten und in ihrer täglichen Arbeit zu stärken. So rief die Sozialwissenschaftlerin Nopitsch 1933 den Bayerischen Mütterdienst in Nürnberg ins Leben, zu dessen Nachfolgeorganisation "Frauenwerk Stein" die Oberstdorfer Klinik "Hohes Licht" gehört. Nopitsch hatte mit Elly Heuss-Knapp die Idee zum Deutschen Müttergenesungswerk. In ihrem "Vermächtnis" schreibt Elly Heuss-Knapp denn auch, "dass eigentlich nicht ich das Werk gegründet habe, sondern Frau Nopitsch. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich als Stifterin genannt werde." Nopitsch starb, vielfach ausgezeichnet, im Jahre 1975. Dem Drängen der Nazis, sich den Mütterdienst einzuverleiben, hatte sie sich laut Recherchen der Münchner Theologin Beate Hofmann-Strauch mit manchen Tricks und Hinweis auf den kirchlichen Ursprung der Dienstes soweit wie möglich verwehrt.

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