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Familie als Glaubensfrage:Eine Zumutung, diese Eltern

"Leben und leben lassen" gilt nicht mehr, wenn Familienmodelle aufeinandertreffen: Vollzeitmütter hetzen gegen Karrierefrauen, dazwischen sticheln Teilzeiteltern. Ein Glaubenskampf, in dem es nur Verlierer gibt. Dabei könnten alle Gewinner sein.

Nach einem Vormittag im Büro sitzt die Mutter am Spielplatz, ihr Sohn spielt friedlich. Sie lässt Blicke und Gedanken schweifen. Dann verfinstert sich ihre Miene. Mitten im Sandkasten bespielt die Nachbarin ihre Tochter, für die sie sich aus dem Berufsleben verabschiedete. "Wahrscheinlich verblödet sie bald auf Kleinkindniveau. Dann sucht sich ihr Mann eine andere und sie bereichert die Armutsstatistik", denkt die Mutter gehässig und wendet sich demonstrativ ab.

Eine Kollegin hetzt vorbei, die erst kürzlich zur Mutter am Spielplatz gesagt hatte, sie könne sich wirklich nicht vorstellen, auf Teilzeit zu reduzieren. Die Mutter blickt auf die Uhr und grinst schadenfroh. Die Kollegin wird ihren Sohn wieder nicht rechtzeitig vom Kindergarten abholen. Zehn Minuten später muss die Kollegin den Vierjährigen am Spielplatz vorbeiziehen, zum Toben ist keine Zeit. "Und wenn sie es doch mal herschaffen, checkt Miss Traumkarriere Mails am Handy und ignoriert ihren emotional vernachlässigten Nachwuchs." Die Mutter hält inne, erschrocken über die eigenen Gedanken. Eigentlich hatte sie sich für toleranter gehalten.

Solch vernichtende Urteile würden Sie niemals fällen? Glückwunsch, Sie können stolz auf sich sein, denn Sie gehören zu einer edlen Minderheit. Etliche Eltern haben weniger Hemmungen, anderen Müttern und Vätern das Familienleben schwerer zu machen, als es sowieso schon ist. Und nicht alle schämen sich dafür.

"Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?" Diese Frage hat unsere Leser in der siebten Abstimmungsrunde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur Toleranz-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Je nach Familienmodell drücken sie anderen Stempel auf: "karrieregeil", "faul und verhuscht" oder "Teilzeit-Mamis, die auf Chefposten verzichten und damit die Emanzipation abwürgen" (denn meist sind es ja doch noch Mütter, die ihre Arbeitsstunden reduzieren). Hinter und auch vor diesen Eltern wird gestichelt und deren jeweiliger Lebensentwurf vernichtend kritisiert.

Also, modern ist das nicht. Solidarisch auch nicht, und tolerant schon gar nicht.

In der alten, wenn auch nicht unbedingt guten Zeit, blieben zwar weitaus mehr Frauen zu Hause. Wer bei "Mutter am Herd" aber an Frauen denkt, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun hatten, als Kuchen zu backen, den Kindern liebevoll über den Kopf zu streichen und geduldig die Welt zu erklären, ist offenbar unbedarft, stockkonservativ oder beides.

Denn dieses verklärte Idealbild aus dem vergangenen Jahrhundert gab es in der Realität so gut wie nie. Frauen waren zwar daheim, aber zum Kinder-Überbehüten kamen sie nicht - sie hatten genug zu tun, um Haus, Hof und Betrieb am Laufen zu halten. Es gab kaum öffentliche Betreuung, so dass die Jüngeren mit den Älteren allein um die Häuser, über die Felder und in die Wälder zogen. Sie hatten die Freiheit, sich mit sich selbst beschäftigen zu dürfen - zwangsläufig. Frauen, die nicht zu Hause blieben, mussten meist Geld verdienen, um die Familie durchzubringen. Ihr Nachwuchs bekam einen eigenen Namen: "Schlüsselkinder".