Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl:"Es war, als wäre ich vorher in Plastik eingehüllt"

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Ganz wertfrei lässt sich erst einmal feststellen, dass Wolf-Dieter Storl ein Händchen für Pflanzen hat. Wobei "Händchen" nicht ganz der richtige Ausdruck ist, es handelt sich eher um beeindruckende Pranken mit breiten Fingern, Schwielen und abgenutzten Nägeln, denen man die harte Arbeit in der Natur auf den ersten Blick ansieht. Storl ist Selbstversorger, fast alles, was die Familie an Obst, Salat, Kräutern und Gemüse braucht, pflanzt er im eigenen Garten an, zusätzlich liefert er Bio-Gemüse an ausgewählte Restaurants in der Umgebung.

Wolf-Dieter Storl stammt aus Sachsen, wanderte im Alter von elf Jahren mit seiner Familie in die USA aus, wuchs in einem Kaff mitten in Ohio auf und verbrachte die meiste Zeit seiner Jugend in der Natur. Zum Öko-Freak wurde er allerdings erst viel später. "In den Fünfzigerjahren gab es null ökologisches Bewusstsein", erzählt er. "Damals gab es eine immense Verschwendung von Ressourcen, und Müll wurde einfach in der Öltonne verbrannt."

Eigentlich wollte er nach der Highschool Botanik studieren, wechselte aber, vom Laborbetrieb angeödet, bald zur Völkerkunde. 1974 promovierte er zum Doktor der Ethnologie (magna cum laude) in Bern. Es folgten Lehraufträge in Wien, Oregon, Genf und Bern. Als er in eine anthroposophische Landkommune in der Schweiz zog, ursprünglich als ethnologischer Spion mit der Absicht, eine Studie über diese kuriose Gemeinschaft zu schreiben, beschloss er, seine akademische Laufbahn zu beenden - und blieb zweieinhalb Jahre.

Damals fing er an, barfuß zu laufen, sich die Haare und den Bart nicht mehr zu schneiden, um "besser geerdet" zu sein. "Es war, als wäre ich vorher in Plastik eingehüllt gewesen", sagt er. Seitdem versucht er, so zu leben, dass er immer "der inneren Stimme folgt" und einen guten Kontakt mit der Natur hat. Das scheint ihm gelungen zu sein.

Kompromiss beim Auto

Wer ihn auf seinem Hof besucht, hat das Gefühl, einem Menschen zu begegnen, der in sich ruht, weil er Kraft aus der Natur schöpft. Die Hälfte seiner Zeit verbringt Storl im Freien und arbeitet körperlich, die andere Hälfte ist er drinnen und beschäftigt sich geistig. Im Winter, der auf dem Bergbauernhof von November bis Anfang Mai dauert, meditiert und schreibt er, jedes Jahr ein Buch - über Heilpflanzen, Naturrituale oder Selbstversorgung.

Wenn er nicht gerade im Garten ist oder im Schuppen, um Holz zu sägen, hält er Vorträge oder führt Interessierte auf Kräuterwanderungen. Seinem Ideal, absolut autark zu sein, ist er nah, aber natürlich geht er manche Kompromisse ein.

Er hat ein Auto, denn der Hof ist nur über eine fünf Kilometer lange Schotterpiste durch den Wald erreichbar, er zahlt Steuern, das Haus ist an die Strom- und Telefonleitung angeschlossen. Sein erwachsener Sohn, der in Isny wohnt, hat ihm eine Funkstation für den Internet-Anschluss auf einen Hügel gebaut.

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